Hamburg  Johannes Oerding über Weltreisen, persönliche Verluste und den „Hamburger Regen“

Jakob Rüter
|
Von Jakob Rüter
| 27.03.2026 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 12 Minuten
Nach knapp vier Jahren und einer Weltreise ist Johannes Oerding mit seinem neuen Album „Hotel“ zurück in den Plattenläden und auf der Bühne. Foto: Sebastian Dannenberg
Nach knapp vier Jahren und einer Weltreise ist Johannes Oerding mit seinem neuen Album „Hotel“ zurück in den Plattenläden und auf der Bühne. Foto: Sebastian Dannenberg
Artikel teilen:

Trennung, Weltreise und die Flucht aus dem „Zirkusleben“: Popsänger und Songwriter Johannes Oerding erzählt im noz-Interview, was ihn zu seinem neuen Album inspiriert hat, was er von KI-Musik hält und mit wem er gerne mal einen Song aufnehmen würde.

Kurz nach seiner Weltreise kommt Johannes Oerding mit neuem Album, großer Tour und vielen Geschichten zurück ins Rampenlicht. In einem seiner ersten Interviews seit längerer Zeit erzählt Oerding von musikalischen Träumen, harten Schicksalsschlägen und verrät, wer seine Lieblingskünstler sind.

Frage: Herr Oerding, Sie haben nach 15 Jahren auf der Bühne eine längere Pause eingelegt und sind 2024 auf Weltreise gegangen. Wie kam es dazu?

Antwort: Das war der richtige Moment, vielleicht sogar der letzte richtige Moment, weil ich doch gemerkt habe, dass ich nur noch arbeite, alles irgendwie sein Format hat und nichts Neues mehr passiert ist. Das ist Gift für eine künstlerische Tätigkeit. 

Antwort: Nach dem Start in Kanada sind wir durch die USA und haben am Ende jeden Kontinent bereist. Diese Auszeit war wichtig, einfach befreiend. Da war viel Platz, viel Luft. Im übertragenen Sinne auch Platz für den Kopf. Ich habe bewusst meine Gitarre zu Hause gelassen. Als der richtige Moment da war, wusste ich: „Jetzt kaufst du dir eine Gitarre und fängst wieder an zu schreiben”. So war es dann auch. 

Frage: Wann kam dieser Moment?

Antwort: Nach zwei, drei Monaten auf der Reise merkte ich: Ich habe so viel Energie und Eindrücke gewonnen, dass der Songwriter in mir ruft. Als ich gerade in Chicago war, kam der Moment, in dem ich alles aufschreiben wollte. Ich habe mir eine kleine Gitarre gekauft und den ersten Song „Hier gehör ich hin” geschrieben. Ich wusste, das ist der Startschuss.

Frage: Gab es ein besonderes Erlebnis in dem Sabbatical, das Sie zu einem Song inspiriert hat?

Antwort: Das gab es sogar öfter. Ich habe mir viele Konzerte und viele Musiker angeschaut und mich inspirieren lassen. In Memphis bekommst du viel Gospel-Sound mit, deshalb kam ich überhaupt erst auf die Idee von einem Song wie „Halleluja” oder „Hamburger Regen”.

Antwort: „Hamburger Regen” ist das beste Beispiel. Ich saß in Neuseeland auf einer kleinen Insel namens Waiheke. Da saß ich auf dem Balkon vor einer Hütte, guckte aufs Meer mit der Gitarre am Klimpern und es fing in Strömen an zu regnen. So einen Regen habe ich noch nicht erlebt. Ein monsunartiger Regen, aber warm und schön.

Antwort: Da bekam ich, nach acht Monaten, das erste Mal Heimweh. Der Regen erinnerte mich an Hamburg. Dabei ist der niemals endende Regen eigentlich das, was man dort immer verteufelt. Manchmal sind es so komische, banale Dinge, die einen erst mal wieder wachrütteln, wie ein kalter Eimer Wasser. 

Frage: Inwiefern hat der Regen Sie wachgerüttelt?

Antwort: Ich hatte plötzlich das Gefühl: Jetzt wäre es schön, mal wieder zu Hause zu sein. Ich hatte meine Freunde lange nicht gesehen, war lange nicht mehr im Stadion bei St. Pauli. Das war ein ganz eindeutiges Gefühl, was ich sonst eigentlich nie hatte, weil ich gerne unterwegs bin. 

Frage: Sie vermeiden klassische Tonstudios, nehmen gerne in Hotelzimmern und neutralen Räumen auf. Welcher Ort auf der Reise hat sich überraschenderweise als perfektes Studio entpuppt?

Antwort: Nashville war für mich, so klischeehaft das klingt: Music City. An jeder Ecke, auf jeder Straße, in jedem Schaufenster spielt Musik. Wenn du da über den Boulevard läufst, kommt Live-Musik aus jedem Fenster, auf einem richtig hohen Niveau. 

Antwort: Du triffst dort berühmte Leute, die abends irgendwo spielen. Jeden Abend kannst du zu einem Konzert gehen, wo Grammy-Gewinner sitzen und auf die Bühne springen. Sich gegenseitig zu unterstützen, ist die amerikanische Kultur.

Antwort: Das hat mich schon nachhaltig beeindruckt. Ich habe auf meiner aktuellen Platte extrem viele Eindrücke aus Nashville eingearbeitet mit Instrumenten, die man da kennt: Nashville-Sound, Country-Pop, Pedal-Steel-Sounds oder Fiddle.

Frage: Ihr neues Album heißt „Hotel”. Haben Sie also Songs auf der Straße gehört, sind ins Hotelzimmer gegangen und haben Ihre Idee dort aufgenommen?

Antwort: Ehrlich gesagt, ja. Wenn ich eine Idee hatte, dann saß ich in diesem Konzert, habe mitgeschnitten und gesagt, das muss ich mir merken. Dann habe ich den Impuls auf meinem Handy festgehalten. Es gibt nichts Schlimmeres, als das zu vergessen. Eine Idee, die vielleicht die nächste Jahrhundert-Idee sein könnte, oder aber das nächste „An guten Tagen”.

Antwort: Das Album heißt aber nicht so, weil ich viel in Hotels bin, sondern weil sich dieses Gefühl durch mein Leben als Musiker zieht. Seit 20 Jahren checke ich, checke aus, habe Begegnungen, beobachte Leute, die rein und raus kommen.

Antwort: Das wollte ich mit diesem Titel auch aussagen. Hotelleben bedeutet einerseits alleine im Zimmer und dann abends unten an der Bar doch wieder unter Leuten zu sein. Also dieses Hin- und Hergerissen sein, zwischen Einsamkeit und dem bunten, lauten Zirkusleben.

Frage: Die Reise war sicher auch eine Flucht aus diesem „Zirkusleben”, wo Sie viel erkannt werden. Haben Sie Ihren Hut mitgenommen auf Reisen?

Antwort: Ich hatte einen mit, aber ich überlege gerade, wie oft ich den aufhatte. Ich hatte meistens dann doch eher eine Cap auf, weil das einfach praktischer war, beim abenteuerlichen Wandern. Aber der Hut ist mittlerweile nicht mehr nur mein Auftrittsmodus.

Antwort: Hüte trage ich wirklich gerne. Das war mal anders. Am Anfang habe ich gedacht, das ist jetzt ein Accessoire, was ich nur auf der Bühne trage, damit ich mir selber klar mache: Jetzt ist der Entertainer Johannes angefragt. Aber mittlerweile habe ich über 100 Hüte. Ich gehe los und suche mir neue, schöne aus. Wenn ich mal nicht erkannt werden will, dann setze ich den Hut ab.

Frage: „Hier gehör ich hin”, ist der Opener des Albums. Sie beschreiben darin eine schwierige Zeit in Ihrem Leben. Möchten Sie darüber sprechen?

Antwort: Es geht darum, nicht zu wissen, was man in machen Momenten im Leben will. Das Leben auf Tour wurde in der Zeit zu viel, dass ich mal eine Pause brauchte. Zudem geht es im Album um Verlust. Mein Vater ist gestorben. Das hat ziemlich viel ausgelöst bei mir, weil das der erste große Verlust in meiner Familie war. Dazu kam in dieser Phase die Trennung von Ina Müller nach 13 Jahren. Das Ende einer guten und glücklichen Beziehung eigentlich.

Antwort: All diese Dinge haben mich zu meiner Pause verleitet „Hier gehör ich hin”, war der erste Song, den ich geschrieben habe, weil ich gemerkt habe, ich will zurück auf die Bühne. Das hat geholfen, all diese Sachen zu verarbeiten, alle Selbstzweifel zu bekämpfen.

Frage: Ist das Album also eine Konfrontation mit dem, was in den letzten Jahren passiert ist?

Antwort: Es ist eine Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Es ist aber vor allem ein sehr paradoxes Album. Es geht sowohl um Verlust, aber es geht auch darum, etwas gefunden zu haben. Es geht um Vollgas und es geht ums Innehalten. Das ist das Leben, wo man irgendwie beide Seiten in sich hat. Ich glaube, nur Vollgas geht nicht, aber nur Stillstand oder zur Ruhe kommen geht auch nicht. 

Frage: Auf dem neuen Album befindet sich ein besonderer Song namens „Märchen aus Hollywood” mit Sarah Connor. Wie kam es zu der Zusammenarbeit? Ist der Song wirklich in Hollywood entstanden?

Antwort: Er ist nicht ganz in Hollywood entstanden. Die erste Idee hatte ich auf Reisen. Aber fertig gemacht habe ich ihn später an der Nordsee. Beim Schreiben des Textes habe ich schnell gemerkt, dass ich das gar nicht alleine ausdrücken kann. Das ist ein Dialog.

Antwort: Die Musik war so anspruchsvoll, die Melodien, der Gesang. Da gibt es eigentlich nur eine in Deutschland, die das so gut kann. Das musste Sarah Connor sein. Ich hab ihr dann eine Sprachnachricht geschickt: „Pass auf, gleich kommt ein Song. Hör ihn dir mal in Ruhe an. Könntest du dir vorstellen, das mit mir zu singen?”

Antwort: Sie hat geantwortet: „Mensch Johannes, ich glaube doch gar nicht an diese eine ewig währende Liebe. Umso mehr wundert es mich, dass ich hier Gänsehaut kriege”. Sie hat direkt zugestimmt, den Song mit mir zu singen. Das war so schön.

Frage: Auf dem Album tauchen auch andere große Namen wie Peter Maffay und Michael Patrick Kelly auf. Gibt es einen Künstler, mit dem Sie gerne mal einen Song singen würden?

Antwort: Das Schöne ist, ich durfte wirklich schon mit vielen Leuten arbeiten. Also mit meinen großen Helden, sage ich mal. Ob das jetzt Peter Maffay ist oder Udo Lindenberg. Auf der Bühne stand ich schon mit Herbert Grönemeyer, Wolfgang Niedecken und all diesen tollen Künstlern. 

Antwort: Wenn ich mir jemanden aussuchen dürfte, hätte ich Lust mit einer jungen Künstlerin ein Feature zu machen. Von Nina Chuba bis hin zu Künstlerinnen wie Anaïs gibt es viele aufstrebende Sängerinnen. International habe ich einen großen Traum: Entweder möchte ich einen Song mit Robbie Williams machen oder mit „P!nk“.

Frage: Also wären Sie offen, auch auf Englisch zu singen?

Antwort: Wenn P!nk anruft, dann würde ich auch auf Kisuaheli singen. 

Frage: Sie haben 2019 mit dem Erfolgs-Album „Konturen” eine experimentellere und gesellschaftskritischere Richtung eingeschlagen. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Fans heute mehr erwarten als nur schöne Melodien?

Antwort: Mein Publikum vertraut mir, dass ich das festhalte, was mich gerade bewegt, dazu gehört auch, was gesellschaftlich gerade Tenor ist. Bei einem Song wie „Eiszeit 2.0” mit Peter Maffay, haben wir ein globales Thema, was uns alle betrifft. Dass im Grunde genommen der Kalte Krieg wieder herrscht, der auch in den 80er Jahren schon herrschte, als Peter Maffay das Original „Eiszeit” geschrieben hat. Es ist eine Fortführung, die zeigt, dass wir nichts daraus gelernt haben.

Antwort: Es steckt in mir, dass ich in Songs immer wieder sowas einbringe. Bei „Halleluja” zum Beispiel singe ich: „Halleluja, dass nicht jede hohe Mauer stehen bleibt, denn so vieles gehört zusammen und nicht geteilt. Halleluja, dass es hoffentlich egal ist, wer wen liebt. Love, love is all we need”. Das zeigt, welche Weltanschauung ich verfolge. Es ist aber kein politisches Album, würde ich sagen.

Frage: Sie setzen sich auch aktiv für weibliche Support-Acts ein. Wenn Sie sich das Line-Up großer Festivals anschauen, haben Sie das Gefühl, dass zunehmend auf Gleichberechtigung geachtet wird?

Antwort: Es ist erstmal gut, dass wir sensibler werden, was das anbelangt. Es ist offensichtlich, dass es strukturelle Probleme gibt, weil wir wahnsinnig viele etablierte, männliche Künstler haben. Ich merke aber auch, dass es ein bisschen komplexer ist. Schauen wir auf die Sendung „Sing meinen Song”.

Antwort: Seit Jahren versuchen wir, dort die Künstlerauswahl divers zu halten, weil das zu der Sendung passen würde. Was aber hinter den Kulissen nicht gesehen wird, ist, dass viele Künstlerinnen zum Beispiel bewusst sagen, ich möchte eine andere Richtung einschlagen. Leider gibt es beim Fernsehen auch immer noch die Denkweise: Wir können jetzt nicht sieben Newcomer dorthin setzen.

Antwort: Ich versuche immer, viele weibliche Support-Acts auf die Bühne zu holen. Das werde ich im Sommer bei meiner Tour auch vermehrt machen.

Frage: Die Tour steht kurz bevor. Neben den Arenen, wo auch schon bis zu 15.000 Leute dabei sind, ist das Heimspiel-Konzert im Hamburger Stadion mit bis zu 45.000 sicher ein Höhepunkt. Bereiten Sie sich da anders drauf vor?

Antwort: Ja, man macht sich schon ein bisschen mehr in die Hose, muss man sagen. Ich merke auch, da gibt es nochmal andere Dinge zu beachten. Alles ist größer, alle Wege sind weiter. Ich habe auch einen größeren Anspruch an diese Show. Es ist für mich eine Challenge. Ich träume davon, seitdem ich sechs Jahre alt bin. Jetzt habe ich es geschafft. Das heißt aber nicht, dass es das Ende ist.

Frage: Die Musikbranche verändert sich auch in anderen Bereichen rasant. Immer wieder tauchen KI-generierte Songs bei Streamingdiensten auf. Fühlen Sie einen wachsenden Druck, sich von KI-Musik absetzen zu müssen?

Antwort: Mit Blick auf Urheberrechte kann es schon sehr gefährlich werden. Bei KI-Songs werden teilweise einfach unsere Stimmen verwendet für Musik, ohne Freigabe. Da ist ein wahnsinnig luftleerer rechtlicher Raum.

Antwort: Ich glaube aber, dass es sehr inspirierend sein kann, wenn man mit ChatGPT an Texten arbeitet. Ich habe früher auch mit Reimlexika oder mit Büchern gearbeitet, die Metaphern, Analogien etc. vorgeschlagen haben. Ich finde es gar nicht so dramatisch. Aufhalten können wir die Entwicklung eh nicht. 

Antwort: Was sich nicht verändern wird, ist der Live-Markt. Solange Leute noch Lust haben, etwas live zu sehen, dass jemand sein Handwerk beherrscht, solange kann ich noch auf die Bühne gehen. Menschen suchen wieder echte Erlebnisse. Viele Leute melden sich schon jetzt von Sozialen Medien ab. Einige Künstler sagen: „Auf meinen Konzerten gibt es keine Handys”.

Frage: Sie sind bis heute als Pfadfinder in Geldern am Niederrhein aktiv geblieben. Das bringt Beständigkeit und immer wieder Kontakt zu jungen Menschen. Wie beeinflusst Sie das in Ihrer Karriere?

Antwort: Das beeinflusst mich in meinem ganzen Leben. Die Werte, die ich da mitbekommen habe, seitdem ich acht Jahre alt bin, sind nach wie vor die gleichen, nach denen ich versuche zu leben. Gleichheit, Gleichberechtigung, Toleranz, Solidarität. Wer viel hat, muss viel geben. 

Frage: Sind Sie aufgeregt, wie Ihre neue Musik diesmal bei den Fans ankommt?

Antwort: Wissen Sie, was das Schöne ist, wenn man dann doch ein bisschen älter wird? Ich habe so eine gewisse Gelassenheit, die besagt: „Besser kann ich es nicht, also ihr müsst da durch”.

Antwort: Vielleicht springen Leute ab, vielleicht kommen sogar Leute, die mal irgendwann abgesprungen sind, wieder dazu, weil dieses Album doch schon sehr an mein erstes oder mein zweites erinnert.

Frage: Ist es für Sie nach all den Jahren noch was Besonderes, wenn Sie im Radio Ihren eigenen Song hören?

Antwort: Ja, es hört nicht auf. Dann drehst du lauter, wenn du im Auto sitzt und denkst dir so: „Wow, das hören jetzt gerade in diesem Moment viele hunderttausend Menschen und das macht was mit einem”.

Ähnliche Artikel