Osnabrück  Abschiedsschmerz und Trostpflaster: Wenn der VfL Osnabrück Talente verliert

Harald Pistorius
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Von Harald Pistorius
| 29.03.2026 12:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Ausgebildet im Nachwuchsleistungszentrum des VfL Osnabrück: Kevin Wiethaup, hier im NFV-Pokal-Finale der U19 gegen Hannover 96 am 26. Mai 2022. Foto: osnapix / Dauwe
Ausgebildet im Nachwuchsleistungszentrum des VfL Osnabrück: Kevin Wiethaup, hier im NFV-Pokal-Finale der U19 gegen Hannover 96 am 26. Mai 2022. Foto: osnapix / Dauwe
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Es ist nicht der erste, und es wird nicht der letzte sein: Der Wechsel von Kevin Wiethaup löst bekannte Debatten aus, die immer dann geführt werden, wenn Talente aus der eigenen Jugend den Verein verlassen. Und viele fragen sich und den VfL Osnabrück: Hätte man ihn nicht halten können?

Immer, wenn ein vom VfL Osnabrück ausgebildetes Talent abgeworben wird, spüren Fans eine Mischung aus verletztem Stolz und dem Ärger, einen Spieler mit Identifikationsfaktor zu verlieren – so, wie jetzt Kevin Wiethaup, dessen Wechsel zum Karlsruher SC seit Monaten feststeht. Wenn es sich dann noch um einen „Osnabrücker Jungen“ handelt, ist der Phantomschmerz noch ein bisschen größer.

Manchmal wird der Abschiedsschmerz gelindert – durch Geld. Denn die Statuten von DFB und DFL reichen weit, wenn es um Ablösesummen, Ausbildungsentschädigungen und Prämien für Einsätze in der Bundesliga oder 2. Bundesliga geht. Was viele nicht wissen: Jugendspieler können ab der U16 vertraglich gebunden werden und sind damit vor einer ablösefreien Abwerbung geschützt.

Deshalb kassierte der VfL im Sommer 2023 von Union Berlin für das damals 16 Jahre alte Sturmtalent Jakob Wiehe eine Ablöse von 300.000 Euro – VfL-Rekord für einen Jugendspieler. Derzeit ist Wiehe von Union in seinem letzten Jahr in der Jugend an die U19 des SV Babelsberg ausgeliehen. Einen solchen Vertrag hatte auch Kevin Wiethaup inklusive einer Anschlussvereinbarung für die ersten beiden Seniorenjahre unterschrieben. Weil dieser Vertrag im Sommer 2026 ausläuft, hatte der VfL dem Mittelfeldspieler schon kurz nach Beginn der Saison 2025/26 eine Verlängerung angeboten - vergeblich, so dass er ihn nun ablösefrei ziehen lassen muss.

Wiethaup, der von dem Beraterteam betreut wird, das sich auch um Ba-Muaka Simakala kümmert und Teil der Big-Player-Agentur (Sports360) von Volker Struth ist, hatte sich früh zu einem Wechsel entschlossen. Seit er im Sommer 2022 mit 16 Jahren beim Vorbereitungsturnier um den VW-Cup in Osnabrück auf sich aufmerksam gemacht hatte, rechnete man mit seinem Durchbruch bei den Profis, doch die - vielleicht auch zu hohen - Erwartungen erfüllten sich auf beiden Seiten nicht.

Nach der frustrierenden Saison 2024/25 mit nur 75 Einsatzminuten im ersten Halbjahr beim VfL sowie nur zehn Startelf- und sechs Einwechseleinsätzen beim Regionalligisten SV Rödinghausen in der Rückrunde, rückte Wiethaup erst in der laufenden Saison wieder ins Blickfeld: Trainer Timo Schultz erkannte nicht nur das Talent des schnellen Dribblers, sondern fand auch im defensiven Mittelfeld als offensiver Doppel-Sechs-Partner von Bjarke Jacobsen eine passende Position. Die Folge: Mit elf Startelf-Nominierungen, sechs Einwechslungen und vor allem guten Leistungen machte Wiethaup den bislang größten Schritt nach vorn.

Die Bemühungen des VfL um eine Vertragsverlängerung, die laut dem Technischen Direktor Daniel Latkowski seit August 2025 liefen, waren vergeblich. Offenbar hatten sich Wiethaup und seine Berater früh für einen Wechsel entschieden; im März 2026 verkündete dann Zweitligist Karlsruher SC die ablösefreie Verpflichtung des Mittelfeldspielers, dessen Marktwert bei 400.000 Euro liegen dürfte.

Eine deutlich höhere Ablöse entging dem VfL, als Felix Agu schon in der Winterpause 2019/20 seinen Abschied verkündete und eine Verlängerung des auslaufenden Vertrages ablehnte. Als Linksverteidiger hatte sich das vom OSC stammende Eigengewächs in der Aufstiegssaison 2018/19 unter seinem Förderer Daniel Thioune rasch durchgesetzt und auch den Sprung in die 2. Bundesliga bewältigt; seit dem Wechsel zu Werder Bremen ist er dort Stammspieler.

Ein paar Wochen nach Agu verlor der VfL ein weiteres Talent – mit einem großen Unterschied: Moritz Heyer, der nach sechs Jahren im VfL-NLZ einen Umweg über die Sportfreunde Lotte und den Halleschen FC machte, ehe der VfL ihn nach dem Aufstieg 2019 verpflichtete, hatte noch einen Vertrag, als der Hamburger SV und dessen neuer Trainer Thioune um den Defensiv-Allrounder warben. 650.000 Euro war dem Zweitligisten HSV die Verpflichtung Heyers wert – eine Rekordeinnahme für den VfL, der Heyer vertraglich ohne Ausstiegsklausel gebunden hatte und dann durch Sportdirektor Benjamin Schmedes klug verhandelte.

Abgesehen von den Zahlungen aus dem Nachwuchsfördertopf und den Ausbildungsentschädigungen für Vertragsunterschriften bei DFL-Vereinen kassierte der VfL in den letzten Jahrzehnten nur für drei seiner Talente Ablösen: Zweitligist Fortuna Düsseldorf zahlte 2012 für Mittelstürmer Gerrit Wegkamp 250.000 Euro, die Verpflichtung von Addy Waku Menga war Bundesligist Hansa Rostock 2007 ebenfalls eine Viertelmillion wert. Der erste beim VfL ausgebildete Profi, der durch seinen Wechsel die Kasse klingeln ließ, war Ulf Metschies: Für den vom Spielverein 16 stammenden Jugendnationalspieler zahlte der 1. FC Nürnberg im Sommer 1988 eine Ablöse von knapp 400.000 DM.

In den meisten Fällen ging der VfL ablösemäßig leer aus und verlor Jungprofis, die im NLZ geformt worden waren und ihre Qualifikation als Profis dann andernorts nachwiesen – auch eine Form der Anerkennung für die Nachwuchsarbeit, die der VfL tritz eingeschränkter finanzieller und infrastruktureller Rückstände leistete.

Angesichts auslaufender Verträge und guter Angebote waren Spieler wie Sebastian Klaas (2022 zum SC Paderborn), Steffen Tigges (2019 zu Borussia Dortmund II, heute beim SC Paderborn), Timo Beermann (2013 zum 1. FC Heidenheim), Nico Neidhart (2013, Schalke 04 II), Konstantin Engel (2011 zu Energie Cottbus, später beim FC Ingolstadt), Simon Tüting (2007, Hansa Rostock, später SV Sandhausen), Daniel Flottmann (2008, SC Verl), Marc Heider (2006, Werder Bremen II, später Holstein Kiel), Lars Schiersand (2001, Holstein Kiel), Mirko Baschetti (1998, Hannover 96) oder Ronald Maul (1995, Arminia Bielefeld, später für 300.000 Euro zum Hamburger SV).

Einige Spieler suchten ihr Glück schon als Jugendspieler in anderen Vereinen. Seit die Späher der Bundesligisten ihre Netze bei der Suche nach Talenten nicht nur großflächiger auswarfen, sondern auch nach immer jüngeren Spielern schauten, mussten Vereine wie der VfL mit Abwerbungen rechnen. Noch im Jugendalter verließen unter anderem Omar Traoré (2013, zu Eintracht Braunschweig U19), Pascal Stenzel (2013, Borussia Dortmund), Nico Kijewski (2014, zu Eintracht Braunschweig U19), Christian März (2010, Hertha BSC), Viktor Maier (2006, zum Hamburger SV), Thomas Eisfeld (2005, Borussia Dortmund) oder Artur Zimmermann (2004) den VfL.

Manchmal allerdings schätzte der VfL ein Talent falsch ein: Im Sommer 1988 traute kein Verantwortlicher dem von Tura Melle stammendem VfL-A-Jugendspieler Jörg Bode eine Profilaufbahn zu. Ein Tipp von Ex-Profi Lothar Gans landete beim Bielefelder Trainer Ernst Middendorp, der Bode holte – und ihn ein Jahr später in die Bundesliga ziehen lassen musste: 100.000 Euro legte der HSV auf den Tisch für den flinken Flügelspieler, der bis 2002 auf 262 Profispiele kam – sein letztes Profitor erzielte er am 13. August 2000 beim Bielefelder 3:1 gegen den VfL.

Im Sommer 2008 gewann Bayer Leverkusen das Rennen um den U17-Europameister Gerrit Nauber, der über TuS Glane und Viktoria Georgsmarienhütte zum VfL gekommen war. Der Abwehrspieler kam bei Bayer 04 zu keinem Profieinsatz, legte aber in der Leverkusener Nachwuchsabteilung den Grundstein für eine lange und erfolgreiche Laufbahn. Sie führte ihn von den Sportfreunden Lotte über MSV Duisburg und SV Sandhausen zu den Go Ahead Eagles Deventer in die erste niederländische Liga. Mit seinem Klub gewann er im April 2025 das Pokalfinale gegen AZ Alkmaar. Derzeit kämpft der inzwischen 34-Jährige aus Bad Iburg nach einer Verletzung ums Comeback.

Die meisten Bundesligaeinsätze bestritt ein ehemaliger VfL-Jugendspieler, der nicht abgeworben wurde, sondern Osnabrück wegen des beruflich bedingten Umzugs seiner Eltern 1964 verlassen musste – bis dahin hatte er in der B-Jugend des VfL gekickt. In der neuen Heimat Duisburg entwickelte sich Detlef Pirsig zu einem harten, verlässlichen Verteidiger, der für den MSV Duisburg 337 Bundesligaspiele bestritt.

Einige von denen, die den VfL verließen, vergaßen nicht ihre Wurzeln, die im NLZ an der Illoshöhe gelegt worden waren. Sie verloren nicht die Bindung zu den lila-weißen Farben, und einige kehrten zurück – wie zum Beispiel Omar Traoré, Timo Beermann, Konstantin Engel, Addy Waku Menga, Marc Heider, Daniel Flottmann oder Simon Tüting. Der nächste könnte im Fall eines Aufstiegs Moritz Heyer sein, der im Januar 2025 vom HSV zu Fortuna Düsseldorf gewechselt ist und offenbar auf einer Liste potenzieller Zugänge des VfL steht.

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