Osnabrück Wie ein Stolperstein in Osnabrück Klarheit in die Familiengeschichte eines Kriegskindes bringt
Dass der Großvater im Dritten Reich regimekritische Sprüche vom Stapel ließ, war bekannt in Otto Busses Familie. Viel mehr allerdings nicht – bis eine Google-Suche zu einem Stolperstein am Remarque-Ring und zu einem Bericht in unserer Zeitung führt. Eine Begegnung mit einem Mann, der in seiner Familiengeschichte nach Klarheit sucht.
Ein Küchentisch in Minden, vor dem Fenster peitscht Regen auf Büsche und Bäume. Sie tragen die ersten Farben des Frühlings. Otto Busse ist nur zu Gast in dieser Küche. Seit gut zwei Jahrzehnten lebt er in Berlin, ist gerade aber bei Freunden zu Besuch. Ihn verbindet viel mit der alten Festungsstadt an der Weser. Von 1983 bis 2005 war er am Klinikum Chefarzt der Neurologischen Klinik.
Otto Busse ist Mediziner, wie es auch sein Vater war und sein Großvater, die beide ebenfalls Otto hießen. Der Großvater ist es eigentlich, über den der Enkel Otto Busse heute reden möchte. Immer wieder wird es aber auch um den Vater gehen. Welche Rolle haben die beiden Männer vor 1945 gespielt? Wie sind sie im Lichte der Gegenwart zu begreifen? Welche Prägung haben sie der Familie mitgegeben? Diese Fragen beschäftigen den 86-jährigen Sohn und Enkel. Er ist dabei, seine Familiengeschichte neu zu sortieren und Klarheit zu finden.
Der Anstoß dafür ist in einem Osnabrücker Fußweg verankert. Erich-Maria-Remarque-Ring, viel Verkehr. Es ist laut, Nachkriegsbauten stehen am Straßenrand. Vor einer Toreinfahrt, an der Hausnummer 3, ist ein messingfarbener Stolperstein im Boden eingelassen. Er trägt den Namen „Otto Busse“, nennt seine Lebensdaten und enthält den Vermerk „Tot an Haftfolgen“. Am 23. Juli 1945 ist Otto Busse demnach gestorben. Verhaftet hatte ihn, fast ein Jahr zuvor, die Gestapo. Dort, wo der Stolperstein liegt, stand früher das Wohnhaus von Busse. Damals hieß die Straße noch Riedenstraße.
„Wir wussten vom Opa, dass er sich abfällig über Hitler geäußert hat, aber welche Folgen das hatte, das war nicht gegenwärtig“, sagt der Enkel Otto Busse. Er war fünf, als sein Großvater starb. Busse wuchs in Heidelberg auf. Er kann sich kaum erinnern an den Opa, nur an die Großmutter noch, die länger lebte. Eine lebensfrohe Frau, die Kette rauchte – dieses Bild von ihr hat der Enkel von Kindheitsbesuchen in Osnabrück vor Augen.
Wer bei Google den Namen „Otto Busse“ eingibt, findet schnell einige Hinweise auf den Stolperstein des Großvaters. Es gibt aber auch viele Verweise auf den Vater Otto Busse und auf den Enkel. Letzterer ist hoch dekoriert, für seine Leistung als Mediziner und in der Schlaganfallhilfe erhielt er 2021 den Bundesverdienstorden.
Irgendwann im Sommer 2025 gab sein älterer Bruder den Namen des jüngeren in die Suchmaschine ein, um sich über dessen Aktivitäten zu informieren. Er fand Informationen zum Stolperstein – und einen Bericht unserer Zeitung. „Das hat uns doch sehr aufgewühlt“, sagt Otto Busse ein Dreivierteljahr später am Küchentisch in Minden. „Diese Geschichte war uns praktisch nicht bekannt.“
Sie beginnt bei einer ärztlichen Behandlung in Osnabrück im Juli 1944: Der Großvater Otto Busse äußert sich einer Patientin gegenüber kritisch über die vermeintliche Wunderwaffe V1 und unterstellt Hitler Größenwahn. Der glaube wohl, „alles zu können, dann könnte er ja auch einen Blinddarm operieren“, soll der Großvater Busse gesagt haben.
Eine Aussage, die irgendwie bis zur Gestapo dringt – mutmaßlich, weil der damalige Osnabrücker Sparkassendirektor Fritz Schoppenhorst den Arzt denunzierte. Die Gestapo nimmt Busse, der zu diesem Zeitpunkt 69 Jahre ist, in Haft. Sie wirft ihm „Wehrkraftzersetzung“ vor. Die Haft wird den Arzt zeichnen und seine Gesundheit runinieren. Er erleidet einen Schlaganfall und stirbt entkräftet im Sommer 1945.
Im Jahr 1949 rollte die Osnabrücker Staatsanwaltschaft den Fall auf und klagte den Sparkassendirektor an. Sie wirft ihm Denunziation vor. Er kam mit einem Freispruch davon. Die Prozessakten liegen heute im Niedersächsischen Landesarchiv Osnabrück. Auf ihrer Grundlage hat unsere Redaktion im Sommer 2025 über den Fall Otto Busse berichtet. Seither denkt sein gleichnamiger Enkel oft, mehr noch als früher, darüber nach, wie die Geschichte seiner Familie in die Geschichte dieses Landes eingebettet, wie sie zu deuten ist.
Diese Geschichte ist im Hinblick auf den Nationalsozialismus mehrdeutig und ambivalent. Busse hegt einen stillen Vorwurf gegen seine Eltern, weil sie ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus kaum thematisierten. „Mein Vater war ein guter Arzt, auch ein guter Wissenschaftler. Aber es ist wohl so, dass er seine Karriere den Nazis zu verdanken hatte“, glaubt er.
Wie viel in der Haltung seines Vaters Opportunismus war, wie viel Überzeugung, wie viel möglicherweise auch Widerstand – das sei unklar. Eine Leerstelle, die durch widersprüchliche Fragmente eher noch größer werde, als das sie Auflösung fände.
Busses Vater nämlich wird als junger Arzt von Heidelberg an die Reichsuniversität nach Straßburg berufen. 1940, nach dem erfolgreichen Frankreichfeldzug, gliedern die Nazis das Elsass dem Deutschen Reich an. Ein Jahr später gründen sie die „Reichsuniversität“, die dem Selbstverständns nach ein „Bollwerk gegen den Westen“ und eine „wissenschaftliche Hochburg des Nationalsozialismus“ sein sollte, wie der Rechtswissenschaftler Herwig Schäfer in einer wissenschaftlichen Betrachtung schreibt.
Die medizinische Fakultät der Reichsuniversität forschte gemäß der Vorstellungen von Rassenhygiene, sie war in Menschenversuche und Krankenmorde verstrickt. Sein Vater müsse davon gewusst haben, ist sich Busse sicher. Wie sehr er in das System verstrickt, wie sehr er womöglich ein Täter war – es sei ungeklärt.
„Es fällt aber auf, dass mein Vater in Straßburg sehr jung und sehr schnell Professor wird“, sagt Busse. Ein Indiz dafür, dass er sich den Nazis um des eigenen Fortschritts Willen angedient haben könnte. Es gebe zudem Hinweise, dass sein Vater, ein Gynäkologe, Zwangssterilisationen verantwortete.
Zugleich ist da aber auch eine Freundschaft zu Kurt Gerstein. Sie werfe ein anderes Licht auf den Vater, sagt Otto Busse. Die Rolle des in Münster geborenen Gerstein ist bis heute nicht abschließend geklärt. Wohl als Gegner des Nationalsozialismus meldete er sich 1941 zur SS. Seine Motivation: Einen Eindruck vom Ausmaß der völkischen Massenmorde zu erlangen, das Ausland darüber in Kenntnis zu setzen und Zyklon B-Transporte zu sabotieren. Der Dramatiker Rolf Hochhuth setzte den Bemühungen Gersteins 1963 in seinem Drama „Der Stellvertreter“ ein Denkmal.
Sein älterer Bruder erinnere sich, dass Gerstein öfter in SS-Uniform den Vater besucht habe, sagt Otto Busse. Über Gerstein habe sein Vater zudem auch lose Kontakte zur französischen Résistance gehabt. „Und dann war da unsere Mutter, die das Mutterkreuz des Reiches ausgeschlagen hat. Wir waren vier blonde Jungs, eigentlich eine nationalsozialistische Musterfamilie. Aber diese Auszeichnung kam für sie nicht in Frage“, sagt Busse.
Auch das Verhältnis zwischen seinem Großvater und seinem Vater sei eng und warmherzig gewesen. Ein nachhaltiges Zerwürfnis über weltanschauliche Fragen sei in der Familie nicht bekannt. „Und dennoch, es bleiben diese Unklarheiten, es bleiben viele offene Fragen.“ Wie sein Vater um den Verlust seines Vaters getrauert, wie er dessen Äußerung und die Verfolgung durch die Gestapo bewertet, wie seine Familie diesen Komplex verarbeitet hat – es ist verschüttet.
Es sind auch Fragen, die über Jahrzehnte wenig Raum hatten in Busses Leben. „Mein Vater war in seinen Ansichten sehr konservativ. Politik im eigentlichen Sinne hat bei uns zuhause aber keine Rolle gespielt. Ich habe mich auch als junge Erwachsener nicht für Politik interessiert, erstaunlicherweise eigentlich“, sagt Busse.
Seine ärztliche Karriere nämlich beginnt, als in Deutschland die Fragen lauter werden, was im NS-Staat geschehen war, welche Rolle die Eltern gespielt hatten. Studenten protestieren, eine neue Generation fordert mehr Offenheit und Transparenz.
Der junge Otto Busse setzt sich unterdessen zwei Ziele: Entweder bringt er es zum Chefarzt oder er richtet sich irgendwo als Landarzt ein. Abschottung durch Arbeit oder durch den Wohnort, vielleicht könne man das so sagen, findet Busse heute. „Vielleicht haben meine Eltern aus dem Nationalsozialismus die Lehre gezogen, ihre Familie aus politischen Verstrickungen fernzuhalten. Vielleicht haben wir das so übernommen“, überlegt er.
Busse heiratet mit 27, er investiert viel Zeit in seine Karriere. Sein Vater, der 1975 stirbt, ist ihm in dieser Zeit Vorbild und Orientierung. Er erinnert ihn als Arzt mit hohem Ethos, der einen warmherzigen Umgang mit seinen Patienten pflegte und der unentgeltlich arme Menschen behandelt habe. „Und dann hat er mich eben auch als Wissenschaftler beeindruckt, der er auch war. Eine politische Deutung habe ich damals nie vorgenommen.“
Busse tritt in die Fusstapfen seines Vaters, bringt es zum Chefarzt. 2005 geht er in den Ruhestand und zieht nach Berlin. Für fast zwei Jahrzehnte engagiert er sich anschließend bei der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. Sein Name ist in Deutschland eng mit dem Aufkommen der Stroke Units verknüpft. Zugleich regen sich Fragen aus der Geschichte, zu politischen Haltungen. Sie werden nun ein großes Thema in Busses Leben.
Er liest viel über die Jahre des Nationalsozialismus und über die frühe Bundesrepublik, besucht Ausstellungen und Vorträge. Er sucht nach Spuren, die sein Vater in dieser Zeit hinterlassen hat und danach, wie diese Zeit seine Familie geprägt haben könnte. Er führt Erinnerungen zusammen, gräbt in den Erzählungen seiner Familie – und findet doch keinen klaren Ankerpunkt, der eine Positionsbestimmung ermöglichte.
Diese Bestimmung kann ihm auch der Großvater nicht liefern – und doch schafft er seinem Enkel Momente emotionaler Klarheit: „Sein Schicksal bedrückt mich. Es führt vor Augen, wie wenig es in Unrechtsstaaten braucht, um ein Leben zu brechen“, sagt Busse. „Aber zugleich beruhigt und versöhnt es mich auch, dass es jemanden in unserer Familie gab, der irgendwann eine klare Position bezog.“
Stolz, sagt Otto Busse, sei ein schwieriger Begriff und manchmal schäme er sich für seine Empfindung. „Aber“, sagt er, „in manchen Momenten empfinde ich auch Stolz auf diesen Großvater, den ich nie kannte.“