Wuppertal Kalte Welt der Maschinen: Wuppertal entdeckt Industriemaler Carl Grossberg neu
Carl Grossberg schien vergessen. Jetzt werden seine Bilder von Industrieanlagen und Maschinen neu gesehen. In Wuppertal wird der Virtuose kühler Technik-Kunst gerade ganz neu entdeckt.
Der Krieg um den Iran unterbricht gerade Lieferketten, weltweit und für so gut wie jede Branche. Auch Kunstwerke stecken irgendwo fest, kommen nicht dort an, wo sie sehnlichst erwartet werden. Carl Grossbergs 1925 gemaltes Bild „Amsterdam, Rokin“ ist so ein Kunstwerk. Mit seinen Maßen von 50 auf 60 Zentimetern ist es nicht spektakulär groß. Sein ungewöhnliches Schicksal erregt dennoch Aufsehen. Im Tel Aviv Art Museum war es gerade zu sehen. Jetzt sollte es nach Wuppertal weiterreisen. Doch der Krieg unterbricht gerade Lieferketten, auch die der Kunst.
Im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum haben die Kuratoren nun eine Reproduktion auf die Wand geklebt. Die hübsch verschachtelten Grachtenhäuschen, die da zu sehen sind, passen mit ihrer idyllischen Ruhe so gar nicht zu Raketenbeschuss und Drohnenattacken. Allein die kühle Sachlichkeit des Motivs zeigt etwas von jenem kalten Geist der Technik, der auch Waffen hervorbringt – bis heute.
Carl Grossberg, der Maler des in Israel festgehaltenen Gemäldes, gehörte selbst zu den Opfern der Kriege. Der 1894 in Wuppertal geborene Maler wird im Ersten Weltkrieg in einem Schützengraben unter Artilleriebeschuss verschüttet. Im Zweiten Weltkrieg nimmt er sich 1940 das Leben, nach einem Verkehrsunfall. Er sitzt am Steuer jenes Lastwagens, der verunglückt. Der Offizier auf dem Beifahrersitz ist tot. Zwischen beiden Ereignissen erleidet Grossberg Schübe von Depressionen, die ihn regelrecht lähmen.
Auf seinen klinisch perfekten Gemälden dominieren Industrieanlagen die Szenerie, der gigantische gelbe Kessel oder die komplexe Papiermaschine. Menschen malt Grossberg fast nie, sich selbst nur ein einziges Mal, als Pedanten mit Pinsel, der vor einem Dampfhammer posiert und vor einer leeren Landschaft, die wohl nur darauf wartet, in Planquadrate für neue Industrieanlagen aufgeteilt zu werden.
Wuppertal erinnert an einen Wuppertaler Maler. Und nicht nur das. Im letzten Jahr erst zogen Museen in Mannheim und in der europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz das Panorama der vor hundert Jahren gefeierten Neuen Sachlichkeit noch einmal auf, jenem führenden Kunststil der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Präsentation von rund 150 Gemälden, Zeichnungen und Grafiken Carl Grossbergs schließt sich direkt an. Auch Grossbergs Bilder hingen 1925 in der legendären Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“.
Klinisch kühl konturiert, so bieten sich auch Grossbergs technoide Bildwelten dar, jedes eine kalte Haut, unter der die Lava einer gesellschaftlichen Krisenzeit glühend brodelt. Der rund eineinhalb Jahre lang auch am Weimarer Bauhaus ausgebildete Grossberg schachtelt Hausblöcke wie Bauklötzchen zu Landschaften eines Lebensgefühls der Befremdung, schiebt Turbinen und Maschinen in seine Stillleben wie in eine Welt, in der Menschen keinen Zutritt mehr haben. Sie stören nur, wo das Gesetz kalter Perfektion alles regelt.
Es passt, dass der Student Grossberg in der Cranachstraße wohnt. Auch seine Bilder haben einen Hauch altmeisterlicher Pedanterie. Der Künstler agiert früh auf der Grenze – zwischen Künstler und Gestalter, Maler und Entwerfer. Darin steckt nicht einmal ein Vorwurf an eine Kunstrichtung, deren Protagonisten den kühlen Blick auf das Tatsächliche ihrer Lebensumwelt zum Programm gemacht haben. Entsprechend dominieren Stadtansichten und Industrieanlagen, Stillleben und Porträts die Kunst der Neuen Sachlichkeit.
Carl Grossberg teilt das zentrale Anliegen seiner Künstlergeneration: Er will sich malend einen Begriff machen von jener neuen Komplexität der Welt der Apparate, die das Fassungsvermögen des einzelnen Menschen zu übersteigen droht. Er bannt Kesselanlagen auf die Leinwand, als malte er das Konterfei von Menschen. Die Maschinenwelt zeigt ihre kalte Außenseite. Das Geheimnis ihrer Funktionsweisen verbirgt sie hinter spiegelndem Metall.
Carl Grossberg feiert die Technik – und begehrt gegen ihre gebieterische Macht auf. Er lässt Gorillas durch Industrieparks tollen, Kolibris vor Maschinen segeln. Er malt Bilder, auf denen sich die Natur die technische Welt zurückzuholen scheint – wenn denn nicht auch Grossbergs Tiere so aussehen würden, als seien sie batteriebetrieben. Auf seinem „Traumbild“ steht ein einsamer Mensch vor einem surrealen Hochhaus, als sei er im Asphalt festgewachsen. Fabelwesen kreischen ihn wie Dämonen finster an. Kommt so das Unbehagen an dieser Unwirtlichkeit gemalter Städte ins Bild?
Der Künstler hat sich immerhin mit der Technik arrangiert. Er plant einen Bilderzyklus zu Industrieparks, mit denen er auf Tournee gehen will, malt Wandbildentwürfe für Ausstellungen, die bereits von den Nationalsozialisten als Feier ihres Regimes ausgerichtet werden. Grossbergs selten gezeigtes Werk lohnt die Wiederentdeckung, auch weil es die Widersprüche der Neuen Sachlichkeit offenbar werden lässt: ihren Geist einer unpersönlichen Bildwelt, die auch im Dritten Reich anschlussfähig erscheint.
Roland Mönig und Anna Storm haben ihre Retrospektive für Carl Grossberg als Parcours durch ein Lebenswerk gebaut, den sie überlegt inszenieren. Großfotos von Thomas Ruff und Thomas Demand, Porträts von August Sander oder Industriebilder von Bernd und Hilla Becher machen jene Neue Sachlichkeit als einen Hauptstrang der Kunst des 20. Jahrhunderts sichtbar, in den sich auch Carl Grossberg mit seinen Bildkonstruktionen bestens einfügt. Überschaut der Mensch die von ihm geschaffene Welt der Objekte – oder ist er ihr am Ende hilflos ausgeliefert?
Carl Grossberg lässt den Betrachter nicht nur mit dieser Frage allein. Ob sein Bild „Amsterdam, Rokin“ noch rechtzeitig in Wuppertal anlangt, um gezeigt werden zu können? Einstweilen hängt es in Israel fest, weil auch in jener Region gerade eine Technik regiert – die des Krieges.
Wuppertal, Von-der-Heydt-Museum: Carl Grossberg. Sachlich, magisch, visionär. Bis 30. August 2026. Di.–So., 11–18 Uhr.