Osnabrück Was sie nicht verhüllt haben: Picasso-Museum zeigt Projektpläne von Christo und Jeanne-Claude
Sie haben den Berliner Reichstag verhüllt und den Pariser Pont Neuf: Christo und Jeanne-Claude. Münster zeigt jetzt ihr Werk von einer anderen Seite – mit den nicht realisierten Projekten.
Christo hat alles, wirklich alles verpackt. Sogar den Kölner Dom. Stimmt das? Nicht ganz. Der Verpackungskünstler hat 1969 ein Miniaturmodell der Kathedrale in eine Plastikfolie gehüllt. Nun findet sich das winzige Objekt unter einer Plexiglashaube im Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster. Darf dieser Winzling auch zu den vollendeten Projekten eines Künstlers gerechnet werden, der den Berliner Reichstag und den Pariser Pont Neuf verpackte und mit seinen spektakulären Kunstprojekten weltberühmt wurde? Zumindest zeigt die Leihgabe aus der Osnabrücker Galerie Hülsmeier, dass auch ein Kunststar bisweilen mit einem Augenzwinkern selbstironischen Nippes produzieren kann.
Christo (1935-2020) und seine Partnerin Jeanne-Claude (1935-2009) haben mit ihren Kunstaktionen regelrecht die Welt verändert und zeitgenössische Kunst unfassbar populär gemacht, so populär wie sonst vielleicht nur Andy Warhol, Joseph Beuys und eben Picasso. Mit ihren Verhüllungsaktionen haben sie den Blick von Millionen Menschen umgekehrt – von ihren Lebensroutinen hin zu einer völlig neuen Wahrnehmung von Gebäuden und ganzen Landschaften, die Christo und Jeanne-Claude in Skulpturen verwandelten.
Wie soll eine solche Lebensreise der Kunst ausgerechnet im eher kleineren Picasso-Museum mit seinen Raumkabinetten abgebildet werden können? Für die Schau „Christo und Jeanne Claude: un/realisiert“ gruppiert Gastkurator Matthias Koddenberg Objekte und Fotos sowie vor allem jene Zeichnungen, mit denen Christo die Verpackungsprojekte visualisierte und vor allem finanzierte. Das Künstler-Duo kam ohne öffentliche Gelder aus. Lediglich Kunstverkäufe halfen, die Projekte zu finanzieren – so die immer neu wiederholte Version.
24 verwirklichten Großprojekten stehen rund 50 Vorhaben gegenüber, die Ideen geblieben sind. Das Münsteraner Haus präsentiert eine Auswahl dieser Projekte, die Projekt geblieben sind. Das nimmt ihnen nichts von ihrer Faszination, eher im Gegenteil. Gerade die großformatigen Zeichnungen Christos lassen jenen idealistischen Schwung spüren, mit denen der Künstler und seine Partnerin ihre Verhüllungsaktionen angingen. Wie schade zum Beispiel, dass der Arkansas River im US-Bundesstaat Colorado niemals sein Dach aus flutenden Tüchern erhalten hat – als Fluss über dem Fluss sozusagen.
Die Präsentation zeichnet den Weg des Künstlers vom Flüchtling, der 1958 seine Heimat Bulgarien verließ, zum gefeierten Kunststar nach. Christo kommt 1958 nach Paris, lernt Jeanne-Claude kennen, die seine kongeniale Partnerin wird, besucht die Documenta in Kassel, zieht weiter nach New York. Sein Aufstieg verläuft parallel zur Karriere der Beatles. Ein junger Typ mit Brille und Röhrenjeans schlägt vor, in New York ganze Wolkenkratzer zu verpacken. Natürlich weist man ihm die Tür.
Christo verhüllt 1968 die Kunsthalle Bern und verwirklicht damit sein erstes Großprojekt. Was folgt, ist Legende, vom „Running Fence“ in Kalifornien bis zur verhüllten Küste in Australien, von den „Surrounded Islands“ vor Florida bis zu jenen „Floating Piers“, auf denen Christo die Menschen wie auf einem safrangelben Laufsteg über den norditalienischen Iseo-See flanieren ließ. Christo und Jeanne-Claude standen für eine Kunst, die das ganze Große will – ein neu geformtes, vor Optimismus berstendes Lebensgefühl.
Das Picasso-Museum faltet diese Erfolgsgeschichte nicht noch einmal aus, sondern führt den Besucher gleichsam hinter den Vorhang des Christo-Märchens, mitten hinein in seine kreative Werkstatt. Frühe Objekte wie verpackte Ausgaben des „Spiegel“ oder eingehüllte Rosen und Champagnerflaschen zeigen den Nukleus einer Idee, die aus dem kleinen Format in das übergroße, vom Objekt auf dem Sockel zum Projekt der Metropolen expandieren sollte. Kurator Matthias Koddenberg fügt die Exponate zu einer flüssigen Erzählung, der viele Besucher sicher zu gern folgen werden.
Der große Vorteil dieser Geschichte: Sie spart Brüche nicht aus, macht aufmerksam auf das Scheitern, das zu der Arbeit dieses Künstlerduos gehörte. Damit setzt diese Schau einen aufschlussreichen Gegenakzent zum nominellen Hausherren Pablo Picasso, der nach eigenem Bekunden niemals irrte. „Ich suche nicht, ich finde“, so wird Picasso zitiert. Christo und Jeanne-Claude haben in ihren jahrelangen Projektarbeiten mit Politikern und Verwaltungsleuten, mit der Öffentlichkeit die Suche zur eigentlichen Form ihrer Kunst gemacht. Gerade das wirkt rückblickend besonders beeindruckend.
Wie gut, dass allerdings auch Christo, diesem Odysseus der Kunst, bisweilen ein schneller Griff genügte. Den Kölner Dom verpackte er nur als Miniaturobjekt. Die wirkliche Kathedrale blieb ihm unerreichbar, diesem Papst der Verpackungskunst.
Münster, Kunstmuseum Pablo Picasso: Christo und Jeanne Claude: un/realisiert. Bis 28. Juni 2026. Di.-So., 10-18 Uhr.