Osnabrück Eine Hochzeit, viel Alkohol, viel Unglück: Deutsche Erstaufführung am Theater Osnabrück
Wenn eine Hochzeit zum Mittelpunkt eines Theaterstücks wird, entwickelt sich daraus eine Komödie oder eine Tragödie. Die britische Autorin Beth Steel wählt den dritten Weg: „Wenn die Sterne fallen“ beginnt als Komödie und endet als Tragödie. Das Theater Osnabrück hat sich die deutschsprachige Erstaufführung gesichert; am Samstag war Premiere.
Ach ja, die Familie. Keimzelle unserer Gesellschaft, sagen die einen. Für die britische Theaterautorin Beth Steel ist das eine blumige Illusion. Für sie ist die Familie ein Pulverfass, ach was: eine Kiste Nitroglyzerin, verpackt in weichen Tüll aus brüchig gewordenen Familienbanden. Nur will das niemand wahrhaben.
Das Theater Osnabrück hat sich für Steels Tragikomödie „Wenn die Sterne fallen“ die deutsche Erstaufführung gesichert. Damit setzt es einen englischen Schwerpunkt fort, der in dieser Spielzeit mit Shakespeare „Wie es Euch gefällt“ seinen Auftakt nahm, mit Giuseppe Verdis Shakespeare-Adaption „Macbeth“ und dem Musical „Artus – Excalibur“ im Musiktheater gesetzt wurde und sich mit der aktuellen Produktion mit dem brüchigen sozialen Gefüge des modernen England befasst.
Drei Schwestern hat Steel ins Zentrum gesetzt: Hazel, Maggie und Sylvia. Das Trio bereitet sich auf die Hochzeit der jüngsten Schwester Sylvia vor, eine aufgekratzte Party vor der Party. Hazels Tochter Leanne schwirrt herum, Tante Carol platzt herein, nach und nach kommen die Männer ins Spiel: Hazels Mann John, Brautvater Tony und dessen Bruder Pete.
Zunächst prägt derber Humor die Unterhaltungen. Aber es tauchen erste Anzeichen unterschwelliger Spannungen auf. Noch verglimmen die Lunten auf ihrem Weg zum Sprengstoff unter leisem Zischen und reißen kleine Löcher der Betroffenheit in den Teppich, unter den man die innerfamiliären Konflikte gekehrt hat. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die explosive Ladung hochgeht.
Erschwerend kommt der wirtschaftliche Niedergang infolge von Deindustrialisierung und Brexit hinzu, der ebenfalls in die Familie hineinwirkt. So entsteht Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg, der sich in Fremdenfeindlichkeit artikuliert – Sylvia heiratet Marek, einen polnischen Einwanderer. Dessen Angebot, Hazels Mann John in seiner Firma Arbeit zu geben, quittiert Hazel mit einem bissig gemurmelten „jetzt geben sie uns die Jobs?“, mit Betonung auf „sie“.
Steel arbeitet etliche Konfliktzonen in ihr Stück ein und steigert dabei allmählich das Aktionspotenzial. Energiereiche Ensemble- und intime Zweierszenen wechseln sich ab, auf quietschige Albernheiten folgen tiefgründige Dialoge, es gibt jede Menge derber Witze und offene Feindseligkeiten – keine Frage, das Stück bewegt sich nah am Leben. Doch nicht der Text als solcher nimmt einen mit; dafür hat es zu oft schon ähnliche gesellschaftliche und familiäre Konstellationen auf der Bühne oder im Film gegeben.
Nein, seinen Reiz entfaltet das Stück dank eines hervorragenden Ensembles, das der Osnabrücker Schauspielchef Christian Schlüter in seiner Inszenierung mit leichter Hand über die Bühne des Theaters am Domhof führt. Anke Grot hat darauf eine kleinbürgerliche Welt gebaut: ein Familienheim vor einem orangfarbenen Vorhang, ein billiger Ballsaal mit Bühne dahinter. Die Figuren haben sich nach Kräften herausgeputzt, doch es herrscht nicht Haute Couture, sondern Kaufhausschick von der Stange. Und die schöne Fassade gleitet zusehends ins Hemdsärmelige ab, nicht zuletzt unter Einwirkung von Alkohol.
Lua Mariell Barros Heckmanns gibt in einer famosen Darstellung die aufgeregt-aufgekratzte Braut Sylvia, Verena Maria Bauer verleiht der Schwester Maggie einen Hauch von Eleganz und abgründiger Tragik, Monika Vivell kämpft als älteste Schwester Hazel um ihre Ehe und gegen die drohende Armut. Denn ihr Gatte John – beeindruckend in seiner Mischung aus Großspurigkeit und Desillusioniertheit gespielt von Stefan Haschke – hat sich innerlich verabschiedet. Schuld daran ist unter anderem die Schwägerin Maggie: Die beiden lieben sich; deswegen hat sich Maggie aus der Familie zurückgezogen.
Auch die anderen Darsteller sind großartig: Sascha Maria Icks brilliert in der Rolle der alkoholaffinen krawallschachteligen Tante Carol, Hans-Christian Hegewald als Bräutigam Marek, Ronald Funke als Brautvater Tony, Thomas Kienast als dessen Bruder Pete. Sie alle finden sich in Ensembleszenen voller Energie zusammen, offenbaren in Zweierkonstellationen ihre versteckten Wünsche und geplatzten Träume.
Und dann ist da noch Lilly Theis als Leanne: Die 14-Jährige löst die Katastrophe kurz vor Schluss aus, weil sie Marek des sexuellen Übergriffs beschuldigt – woraufhin John Marek bewusstlos schlägt. Leanne gesteht schließlich ihre Lüge, doch da ist die Party vorbei, der Vorhang zu und das Familiengebäude unrettbar in sich zusammengefallen. Aus der heiteren Komödie hat sich eine traurige Tragödie entwickelt.
Beth Steel hat also einiges hineingepackt in ihr Stück. Nicht alles ist dabei super originell, die derb-vulgäre Sprache kann man mögen, muss man aber nicht. Ob das Stück seinen Weg von Osnabrück auf andere deutschsprachige Bühnen macht, ist fraglich. Doch das Ensemble mit seiner spürbaren Lust, die Figuren zum Leben zu erwecken, beschert ein Theatererlebnis erster Güte. Man sollte nur wissen, dass der Abend nicht, wie vom Theater angegeben, zweieinhalb, sondern satte drei Stunden dauert. Dafür entlohnt der Besuch aber mit hoher Schauspielkunst.