Osnabrück Christopher Lichtenstein begeistert das Osnabrücker Publikum – und das Symphonieorchester
Nach nur einem Dreivierteljahr als Osnabrücker Generalmusikdirektor hat Christopher Lichtenstein das Osnabrücker Symphonieorchester auf ein neues Level gehoben. Das jüngste Konzert mit Werken von Beethoven, Prokofjew und Tschaikowsky war famos.
Der Blick auf die Bühne zeigt – glücklich lächelnde Musiker. Kein routiniertes Lächeln, wie es Profis zeigen, wenn sie den Applaus des Publikums entgegennehmen. Nein, in den Gesichtern steht echte Freude über dieses sechste Konzert des Osnabrücker Symphonieorchesters der laufenden Saison. Sie wissen: Sie haben ein famoses Konzert gespielt. Sie haben gezeigt, was sie können, welche Energie, welche Kunstfertigkeit in ihnen steckt. Und sie konnten das zeigen, weil ihr Chefdirigent Christopher Lichtenstein das Potenzial der Musiker im Einzelnen und als Kollektiv ausschöpft.
Das spürt auch das Publikum: Kaum ist der letzte Ton von Peter Tschaikowskys vierter Sinfonie verklungen, reißt es die Zuhörer im Europasaal der Osnabrückhalle von ihren Sitzen. Minutenlang applaudieren die Leute, dreimal bleibt das Orchester sitzen, um Lichtenstein den Applaus zu gönnen. Normalerweise zeigt ein Orchester diese Höflichkeitsgeste einmal.
Lichtenstein macht aus dieser Sinfonie ein packendes Drama. Eine düstere Fanfare durchzieht den ersten Satz und taucht im letzten wieder auf, jedes Mal perfekt intoniert von den Blechbläsern und Hörnern. Der langsame zweite Satz, eingeleitet von einem wunderbar innig geblasenen Solo der Oboe, gibt sich friedlicher Melancholie hin, der dritte, von den Streichern ausschließlich gezupfte Satz ist geprägt von leichtem, elegantem Humor, der Schlusssatz wirbelt wild, bis Schicksal wie eine Eisenkralle erneut zupackt.
Das Faszinierende daran ist aber, wie Lichtenstein mit seinem Orchester die Spannung steigert, wie er Energie ins Orchester gibt und seinerseits vom Orchester zurückbekommt. So wird Musik zum Drama von existenzieller Wucht, und die Musiker spielen, als ginge es um ihr Leben. Aber sie lächeln dabei, weil sie genau wegen solcher Erlebnisse Musiker geworden sind. Sie spielen unter Lichtenstein ein atemberaubendes Konzert, und sie wissen das.
Das überträgt sich vom Podium in den Saal, und so ist es kein Zufall, dass Zuhörer das Konzert am Sonntag gehört haben und am Montag noch mal kommen. Aber nicht nur das angestammte, etwas angegraute Publikum erreichen Orchester und Dirigent: Am Montag sind erstaunlich viele junge Menschen da.
Seit einem Dreivierteljahr ist Lichtenstein nun im Amt, und mit jedem Konzert, das er selbst dirigiert, schraubt er das Niveau des Orchesters nach oben. Gleichzeitig sucht und findet er den Kontakt zum Publikum.
Wie einst Leonard Bernstein vermittelt Lichtenstein Musik, diesmal die Coriolan-Ouvertüre von Ludwig van Beethoven. Der Dirigent betritt sein Podest, gibt den Einsatz – und dreht sich nach den Einleitungsakkorden urplötzlich mit dem Mikrofon in der Hand um, sagt: „Keine Angst, Sie werden auch den Rest der Ouvertüre noch hören.“
Dann erläutert er, welches Drama Beethoven in neun Minuten Musik gefasst hat. Er seziert die Partitur, führt vor Ohren, was emotional und kompositionstechnisch passiert, erklärt in beneidenswert klaren Worten Begriffe wie „doppelter Kontrapunkt“ und „Durchführung“, und am Ende hat jeder verstanden, worum es in dieser Konzertouvertüre geht. Womöglich erkennt sogar manch einer, wie Tschaikowskys Schicksalssinfonie im ersten Satz mit Beethovens Coriolan-Ouvertüre korrespondiert. Ja: Lichtenstein baut nebenbei auch noch perfekt stimmige Konzertprogramme.
Zwischen Beethoven und Tschaikowsky hat er das zweite Violinkonzert von Sergej Prokofjew platziert. Dabei führt er die schöne Tradition fort, dem ersten Konzertmeister Michal Majersky den Solopart zu übertragen. Auch dieses Werk pendelt zwischen Düsternis und Humor, und Majersky zeigt einmal mehr, was für ein toller Geiger er ist. Souverän spielt er die virtuosen Passagen, singt große Bögen fein aus, trumpft dabei nicht auf, sondern bleibt im Ton und im Spiel immer nobel und elegant.
Einmal mehr aber macht dieser Abend deutlich, dass Christopher Lichtenstein nicht nur das Osnabrücker Symphonieorchester auf ein neues Level hebt, sondern das Osnabrücker Konzertleben generell. Seien wir gespannt, was er sich für die Zukunft ausdenkt.