Osnabrück Claudia Roth: Die Kultur ist unter Druck – dabei ist sie ein Grundpfeiler unserer Demokratie
Kultur ist keine nette Ablenkung in guten Zeiten, sondern ein Schutzraum der Demokratie, findet Claudia Roth. Die ehemalige Kulturstaatsministerin erläutert, warum dieser Raum bedroht, aber essenziell für unseren gesellschaftlichen Frieden ist.
Wenn ich heute mit Buchhändlern spreche, höre ich längst nicht mehr nur von Liebe zur Literatur, von Lesungen und Debatten. Ich höre auch von Einschüchterung, von Drohungen, von der Angst vor Angriffen – gerade dort, wo Demokratiefeinde besonders laut auftreten. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Bücher, sondern um die Frage, wer in diesem Land noch frei erzählen, denken und widersprechen darf.
Genau daran zeigt sich: Kultur ist kein Schmuck unserer Demokratie. Sie ist einer ihrer Schutzräume.
Was hält eine Gesellschaft zusammen? Gesetze allein tun es nicht. Institutionen allein auch nicht. Eine Demokratie lebt nicht nur von Regeln, sie lebt davon, dass Menschen einander sehen, einander zuhören und Unterschiede aushalten, ohne den gemeinsamen Rahmen aufzugeben. Genau dazu leistet Kultur einen unverzichtbaren Beitrag.
Kultur ist viel mehr als das, was auf großen Bühnen, in Opernhäusern oder Museen stattfindet. Sie entsteht in Stadtteilzentren und Bibliotheken, in Clubs und Kinos, in Literaturhäusern, auf Dorfplätzen, in soziokulturellen Zentren, Jugendtheatern und Musikschulen. Sie entsteht dort, wo Menschen ihre Geschichten erzählen, wo Widerspruch möglich ist, wo Fantasie und Freiheit sich begegnen.
Kultur schafft Räume, in denen wir uns als Gesellschaft verständigen können – nicht, obwohl wir verschieden sind, sondern gerade, weil wir es sind.
Demokratie braucht solche Räume dringender denn je. Denn wir erleben eine Zeit, in der Polarisierung zunimmt, in der Hass und Desinformation Vertrauen zerstören, in der einfache Antworten auf komplizierte Fragen verführerisch wirken. Gerade dann ist Kultur kein luxuriöses Beiwerk für gute Zeiten.
Sie ist ein Schutzraum der Freiheit und ein Resonanzraum der Demokratie. Kunst darf irritieren, widersprechen, trösten, aufrütteln. Sie darf unbequem sein. Vielleicht muss sie das sogar. Denn eine lebendige Demokratie braucht nicht Gleichklang, sondern die Fähigkeit zum offenen, zivilen Streit. Deshalb sehe ich mit Sorge, wenn Kulturpolitik enger, misstrauischer und elitärer gedacht wird.
Wer Kultur auf Repräsentation verengt, Teilhabe zurückstellt, Freiräume beschneidet oder Kunst unter Generalverdacht stellt, verkennt ihren demokratischen Kern. Kultur ist nicht nur für wenige, die ohnehin schon den Weg in die Institutionen finden. Sie muss für alle da sein: in der Stadt und auf dem Land, für Junge und Alte, für Menschen mit viel Geld und für jene, die jeden Euro umdrehen müssen.
Kulturelle Teilhabe ist kein dekorativer Zusatz, sie ist eine Frage des demokratischen Respekts.
Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder erlebt, wie stark diese Kraft der Kultur ist: in unabhängigen Buchhandlungen, die Debattenräume sind; in kleinen Festivals, die Menschen zusammenbringen; in Gedenkorten, die Erinnerung lebendig halten; in Projekten auf dem Land, die Gemeinschaft stiften; in Initiativen junger Menschen, die mit Kunst Fragen nach Klimagerechtigkeit, Herkunft oder Zusammenleben neu stellen. Überall dort wird Demokratie nicht nur besprochen, sondern gelebt.
Gerade deshalb ist Kulturpolitik immer auch Demokratiepolitik. Sie muss ermöglichen statt ausgrenzen, Vertrauen schaffen statt Misstrauen säen, Vielfalt stärken statt sie zur Bedrohung zu erklären. Dazu gehört auch, Buchhandlungen und andere Kulturorte nicht unter Generalverdacht zu stellen. Genau das muss Kulturpolitik begreifen: Die Freiheit der Kunst ist kein Luxus für gute Zeiten. Sie ist ein Prüfstein für den Zustand unserer offenen Gesellschaft.
Was die deutsche Kultur im Kern prägt und zusammenhält, ist für mich nicht eine vermeintlich homogene Leitkultur und schon gar nicht verordnetes Denken, sondern die Freiheit. Die Freiheit, verschieden zu sein. Die Freiheit, sich einzumischen. Die Freiheit, sich in Geschichten, Liedern, Bildern und Erinnerungen immer wieder neu zu begegnen.
Wo diese Freiheit lebendig bleibt, bleibt auch die Demokratie lebendig.