Osnabrück  EMAF 2026: Politisches Medienkunst-Festival mit ausdrücklichem Osnabrück-Bezug

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 20.04.2026 18:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
EMAF 2025 Eröffnung in der Kunsthalle Osnabrück 23.4.2025 Foto: Angela von Brill
EMAF 2025 Eröffnung in der Kunsthalle Osnabrück 23.4.2025 Foto: Angela von Brill
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Die ersten Turbulenzen hat das European Media Art Festival, kurz EMAF, bereits hinter sich. Zeit also, nach vorn zu blicken, auf die 39. Ausgabe des international bedeutenden Medienkunstfestivals.

Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies ist von seiner Schirmherrschaft für das European Media Art Festival zurückgetreten; die Stadt Osnabrück distanziert sich. Die Leiterin des EMAF, Katrin Mundt, sieht trotzdem zuversichtlich auf die Eröffnung an diesem Mittwoch, 22. April, um 19.30 Uhr. Immerhin hat sich der Chef der Niedersächsischen Staatskanzlei, Frank Doods, angekündigt, und der Osnabrücker Kulturdezernent Wolfgang Beckermann spricht für die Stadt.

Turbulenzen hatte es im Vorfeld gegeben, weil die Künstlerin Basma al-Sharif im Verdacht steht, sich antisemitisch geäußert zu haben und dem BDS nahezustehen, einer Bewegung, die fordert, Israel wegen seiner Palästina-Politik zu boykottieren und zu sanktionieren. Juristisch liegt indes nichts gegen al-Sharif vor.

Von al-Sharif zeigt das EMAF den 20-minütigen Kurzfilm „Morgenkreis“, ein politisch völlig unverdächtiges Werk, das sich um Fragen der Integration und deren Grenzen dreht. Doch die Künstlerin steht, siehe oben, so im Zweifel, dass das EMAF sich entschlossen hat, über die Grenzen zwischen Solidarität mit den Belangen von Palästinensern und Antiisraelismus und Antisemitismus auf einer Podiumsdiskussion zu sprechen. Allerdings nicht am geplanten Termin am letzten Festivaltag, Sonntag, 26. April – Mundt hat so kurzfristig nicht alle Diskussionsteilnehmer zusammengekriegt. Jetzt kündigt sie die Podiumsdiskussion für Juni an, allerdings ohne einen exakten Termin zu nennen: Die letzte Zusage steht noch aus.

Also kann jetzt erst einmal die Medienkunst zum Zuge kommen. Die trägt allerdings dezidiert politische Züge. So zeigt das EMAF im Kunstraum Hase29 die Palestine Library Frankfurt. Diese Institution hatte sich formiert, nachdem die Buchmesse in Frankfurt der palästinensisch-israelischen Schriftstellerin Adania Shibli den „Liberaturpreis“ des Vereins Litprom für Literatur des globalen Südens nicht, wie vorgesehen, während der Buchmesse verleihen wollte. Nach dem brutalen Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober stand die Autorin unter Generalverdacht; ihr Buch „Eine Nebensache“ nannten einige Kritiker antisemitisch. Andere widersprachen.

Während der Ausstellung in Hase29 wird es zwei Lesungen geben, um palästinensischen Positionen eine Stimme zu geben. Dabei sagt die EMAF-Leiterin: „Wir wussten um die Sensibilität des Themas.“ Aber sie hält daran fest, denn sie will die Belange der Palästinenser hörbar machen.

Doch das sind zwei Programmpunkte unter vielen. In erster Linie widmet sich das EMAF, natürlich, der Medienkunst. Dabei setzt das Festival wie eh und je auf die vier tragenden Säulen Ausstellung, Filmprogramm, Performance, Talk. Und wie eh und je dienen die einzelnen Sektionen einem übergeordneten Festivalthema: „An Incomplete Assembly“ lautet es in diesem Jahr.

Was damit gemeint ist, erläutert Mundt im Gespräch mit der noz-Redaktion. „Wörtlich bedeutet das Motto ‚eine unvollständige Versammlung‘“, sagt Mundt. Im übertragenen Sinn will das EMAF anregen, „Institutionen anders zu denken“, gerade kulturelle Einrichtungen. Durch Covid sei offenbar geworden, was in vielen Kultureinrichtungen Alltag war: prekäre Arbeitsbedingungen, mangelnde Transparenz, Überalterung, zählt Mundt auf. „Und niemand hat gelernt, Chefin zu sein“, ergänzt sie und bringt damit ein Problem zur Sprache, das viele freie Kulturinstitutionen kennenlernen, wenn die ehemalige Kollegin zur Chefin avanciert.

So geht es ihr um grundsätzliche Institutionskritik, nicht nur, aber auch in der Kultur. Sie erinnert ans Sponsoring von Einrichtungen in den USA, das zu „ungesunden Verhältnissen“ führe, wenn sich Förderer mit ihrem Geld Einfluss auf die Arbeit von Kultureinrichtungen erkaufen möchten. Aber auch in Deutschland sieht sie Eingriffe in die Kunstfreiheit, nicht zuletzt durch den Staatsminister für Kultur, Wolfram Weimer.

Auch andere Problemlagen identifiziert das EMAF, etwa die Proteste in Serbien, die sich nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordaches in Novi Sad formierten und massive Repressionen vonseiten des Staates nach sich zogen. „Diese Protestbewegung findet in den Medien hier kaum statt“, sagt Mundt, das sei „eine Marginalisierung des öffentlichen Diskurses.“ Darüber wird die serbische Filmemacherin Isidora Ilić in der Kunsthalle sprechen.

Das Wesen des Festivals macht aber selbstverständlich die Kunst aus: die Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück sowie in der Hase29 und das Filmprogramm in der Lagerhalle, im Haus der Jugend und im Filmtheater Hasetor.

Fester Bestandteil des EMAF-Programms sind seit jeher die Beiträger diverser Kunsthochschulen. Neben Gruppen mit Studenten aus Den Haag und dem italienischen Lucca beteiligen sich daran auch die Universität und die Musik- und Kunstschule aus Osnabrück.

Besonders betont Mundt aber den Beitrag der Forschungsgruppe „Decoding the Colonial Algorithm“ der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Die Studierenden haben nämlich zu kolonialen Verbrechen in Osnabrück recherchiert und führen die Besucher zu Tatorten und Beweisstücken in der Innenstadt – von Donnerstag bis Samstag, immer um 13 Uhr, für eine Stunde. Mehr Osnabrück im EMAF geht kaum.

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