London Queen Elizabeth: Zum 100. Geburtstag beginnt ihre Strahlkraft zu verblassen
Großbritannien beginnt, die Rolle der Queen neu zu bewerten – die Affäre um ihren Sohn Andrew bringt die Schatten über ihrer Regentschaft zutage. Trägt Elizabeth II. eine Mitschuld an der heutigen Krise der Monarchie?
Unter alten Bäumen, am Eingang des St. James‘ Park, erhebt sich Königin Elizabeth II. – überlebensgroß. Es ist der Entwurf eines Denkmals, das so oder so ähnlich zum Gedenken an die im September 2022 verstorbene Queen entstehen soll. Die Pläne werden die Royals am 21. April in London begutachten, jenem Tag, an dem Elizabeth II. 100 Jahre alt geworden wäre.
Ihr erstgeborener Sohn, König Charles III., hat Medienberichten zufolge eine Rede verfasst, die noch einmal die Höhepunkte ihrer 70-jährigen Regentschaft nachzeichnet. In der King’s Gallery, einem Ausstellungshaus unweit des Buckingham-Palasts, können Besucher ihr Hochzeitskleid, bunte Hüte oder auch ihre Reiterstiefel aus nächster Nähe betrachten.
Und Charles lädt jene Briten, die am selben Tag wie die Queen 100 werden, zu einem persönlichen Empfang in den Palast ein, Kuchen inbegriffen.
Es ist ein Versuch, die „ewige Queen“ noch einmal in all ihrer Strahlkraft sichtbar zu machen. Doch mit wachsendem historischen Abstand verschiebt sich der Blick, kritische Fragen kommen auf. Trug sie eine Mitverantwortung an den heutigen Problemen der Monarchie, insbesondere in der Causa Andrew? Und wurde aus ihrer größten Stärke – der konsequenten Zurückhaltung, dem „Never explain, never complain“ („Niemals erklären, niemals beklagen“) – am Ende auch eine Schwäche? Die Neubewertung ihres Erbes hat begonnen, und Königshaus-Experten sind sich keineswegs einig.
Dabei galt die Monarchin zum Zeitpunkt ihres Todes eigentlich als unantastbar – eine Konstante in einer Welt im Wandel. Und auch der Übergang von Elizabeth II. zu Charles III. lief bemerkenswert reibungslos.
Viele hätten vorhergesagt, „dass nach dem Tod der Queen alles auseinanderfallen könnte“ und dass Charles „politisch rote Linien überschreiten“ würde, obwohl er als Staatsoberhaupt zur Neutralität verpflichtet sei, sagt der Historiker und Royal-Biograf Robert Hardman, der ein neues Buch über die verstorbene Queen veröffentlicht hat. „Aber das ist einfach nicht passiert.“
Doch diese Stabilität erwies sich als trügerisch. Denn während der institutionelle Übergang gelang, blieben bestimmte Probleme der Monarchie bestehen – und traten wenig später umso deutlicher zutage.
Ausgerechnet an Andrews 66. Geburtstag, am 19. Februar 2026, erschien auf dem Sandringham-Anwesen die Polizei, Beamte durchsuchten seinen Wohnsitz, der Sohn der Queen wurde vorübergehend festgenommen. Der Vorwurf wiegt schwer – Missbrauch eines öffentlichen Amtes im Kontext seiner Verbindung zu dem verurteilten und mittlerweile gestorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Andrew kommt nach einigen Stunden wieder frei, doch der Schaden ist angerichtet – und die Ermittlungen laufen weiter.
Es ist der vorläufige Höhepunkt einer Affäre, die die Monarchie seit Jahren begleitet: die enge Freundschaft Andrews mit dem US-Finanzier Epstein, der Vorwurf von Virginia Giuffre, der Royal habe sie als Minderjährige dreimal missbraucht, in London, New York und auf den Jungferninseln. Im Jahr 2022 kam es schließlich zu einem millionenschweren außergerichtlichen Vergleich, der ein Zivilverfahren verhinderte. Andrew blieb seither der Öffentlichkeit fern.
Doch die Affäre war damit nicht beendet. Mit der Veröffentlichung der Memoiren von Giuffre nach ihrem Suizid im April 2025 und den vom US-Kongress offengelegten Epstein-Akten geriet die Justiz unter Druck. Am Ende entstand ein Bild, das um die Welt ging: Andrew auf dem Rücksitz eines Polizeiautos.
Fast ebenso erschütternd wie die Festnahme eines Mannes aus dem engsten Kreis der königlichen Familie waren die Reaktionen darauf. Kaum war die Nachricht in der Welt, verschob sich der Ton auf der Insel spürbar. Was lange – vor allem in britischen Medien – nur vorsichtig verhandelt worden war, wird nun offener ausgesprochen.
Hätte Elizabeth II. früher und entschlossener handeln müssen? Hat der Schutz ihres Sohnes am Ende dazu beigetragen, den Schaden für die Institution zu vergrößern? Und zeigt sich in der zögerlichen Aufarbeitung ein Problem der britischen Monarchie, das bis heute fortwirkt?
Pauline Maclaran, Kulturwissenschaftlerin an der Royal Holloway University of London, jedenfalls sieht einen direkten Zusammenhang zwischen den Entscheidungen der Queen und den heutigen Herausforderungen der Monarchie. „Es ist bekannt, dass Andrew ihr Lieblingskind war und sie ihn lange geschützt hat – selbst dann, als bereits Gerüchte kursierten“, sagt sie im Gespräch mit dieser Redaktion.
Robert Hardman relativiert dieses Bild indes. Die oft bemühte Erzählung vom „Lieblingssohn“ sei eine mediale Verkürzung. In Wahrheit habe die Queen Andrew mit wachsender Sorge betrachtet. Sie habe früh gespürt, dass ihr Kind nach seiner Zeit bei der Royal Navy orientierungslos zurückbleiben könnte – „haltlos“, wie Hardman es beschreibt, „nicht mit großen geistigen Gaben gesegnet“ und deshalb anfällig für Menschen, die ihn ausnutzen könnten.
Als sich die Lage für Andrew durch die Anschuldigungen von Virginia Giuffre zunehmend zuspitzte, habe die Queen zudem begonnen, gegenzusteuern. Sie drängte darauf, dass er die Royal Lodge in Windsor verlässt, so Hardman. Ihr Plan: Prinz William und dessen Frau Prinzessin Catherine sollten gemeinsam mit ihren drei Kindern dort einziehen. Doch dazu kam es nie. Das Paar entschied sich dagegen, dann kam die Pandemie dazwischen – und der Plan verlief im Sande.
Das, so macht der Royal-Biograf klar, solle aber nicht heißen, dass die Monarchin der Abstieg ihres Sohnes nicht schmerzte. Es sei ein tiefer persönlicher Einschnitt für sie gewesen, als sie Andrews Rückzug aus dem öffentlichen Leben im Jahr 2019 absegnete. Hardman bezeichnete es fast als Trost, „dass die Queen nicht mehr miterleben musste, was seitdem noch alles passiert ist.“
Hätte sich die Queen früher klar positionieren müssen? Ein solcher Schritt hätte dem Selbstverständnis der Monarchin widersprochen, wie Maclaran betont. Elizabeth II. hielt sich zeitlebens an eine strikte Linie. Sie äußerte sich nicht politisch, nicht persönlich. Ihre Rolle war es, über den Dingen zu stehen.
Dadurch schützte sie die Institution über Jahrzehnte vor Vereinnahmung durch die Politik – und verlieh ihr jene fast sakrale Distanz, die sie so einzigartig machte. „Ihre konsequente Zurückhaltung lässt sich deshalb kaum als Schwäche bewerten“, sagt Maclaran.
Doch das Prinzip des „keep calm and carry on“, „ruhig bleiben und weitermachen“, hatte eine Kehrseite, wie die Expertin betont: „Es führte dazu, dass man sehr langsam auf die Erwartungen einer Öffentlichkeit reagierte, die die Royals längst wie Prominente behandelte und sich für deren Privatleben interessierte.“ Das zeigte sich bereits nach dem tragischen Tod von Prinzessin Diana im Jahr 1997. Sie starb bei einem Unfall in einem Pariser Autotunnel, nachdem sie von Reportern verfolgt worden war.
Die Queen äußerte sich damals erst nach langem Zögern öffentlich und verlor erstmals spürbar an Zustimmung. Ein Muster, das sich aus heutiger Sicht fortsetzt. Auch im Fall Andrew wurde dem Königshaus vorgeworfen, zu spät und zu zurückhaltend reagiert zu haben.
Verstärkt durch den Skandal wirkt die Unterstützung für die Monarchie zunehmend fragil. Zwar sprechen sich je nach Umfrage noch rund zwei Drittel der Briten für ihren Fortbestand aus, doch immer mehr stellen ihre Bedeutung infrage – besonders Jüngere. Für König Charles wird das zur Bewährungsprobe. Anders als seine Mutter setzt er stärker auf Offenheit, etwa im Umgang mit seiner Krebserkrankung. Ob das reicht, um Vertrauen zu sichern, ist offen.
Bleibt die Frage, wie stark die Affäre um Andrew das historische Bild Elizabeths prägen wird. Für Hardman ist sie zweifellos gravierend – aber im Kontext einer 70-jährigen Amtszeit letztlich nur ein Kapitel unter vielen. Er spricht von einem „sehr bedeutenden“, aber eben doch „relativ kurzen Abschnitt“ einer außergewöhnlich langen Regentschaft. Während das Denkmal im St. James’ Park Beständigkeit verspricht, ist der Blick auf das Erbe von Königin Elizabeth II. längst in Bewegung geraten.