Osnabrück  Friedensgespräch und EMAF zur Kunstfreiheit: Das darf auch mal weh tun

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 23.04.2026 16:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Diskutieren beim Osnabrücker Friedensgespräch Fragen zur Kunstfreiheit: der Osnabrücker Künstler Alexej Eisner, die ehemalige Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, Moderatorin Martina Blasberg-Kuhnke und Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele (von links). Foto: Philipp Hülsmann
Diskutieren beim Osnabrücker Friedensgespräch Fragen zur Kunstfreiheit: der Osnabrücker Künstler Alexej Eisner, die ehemalige Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, Moderatorin Martina Blasberg-Kuhnke und Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele (von links). Foto: Philipp Hülsmann
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Am Dienstagabend widmet sich ein Osnabrücker Friedensgespräch der Frage nach der Freiheit der Kunst. Tags darauf spielt das Thema auch eine Rolle bei der Eröffnung des European Media Art Festivals. Was zeigt: Osnabrück wird sich damit künftig intensiv auseinandersetzen müssen.

Wohl selten ist eine Begrüßungsrede beim European Media Art Festival (EMAF) mit derartiger Spannung erwartet worden wie die des Ersten Stadtrates und Kulturdezernenten Wolfgang Beckermann bei der Festivaleröffnung an diesem Mittwoch. Was sagt er zur Distanzierung der Stadt von der Künstlerin Basma al-Sharif, von der ein zwanzigminütiger Kurzfilm läuft? Vor allem aber: Was sagt er zur Zukunft des EMAF vor dem Hintergrund dieser Querelen?

Die beruhigendste Nachricht zuerst: „Wir werden die Förderung des EMAF nicht davon abhängig machen, ob die gezeigte Kunst kritisch ist.“ Die Stadt sei „ideell und finanziell gefordert, das EMAF zu unterstützen, weit über das 40. Festival hinaus“, sagt Beckermann am Mittwoch bei der Eröffnung der 39. Festivalausgabe.

Tags zuvor spielte das EMAF auch in ein Osnabrücker Friedensgespräch hinein. „Alles Kunst? – Zwischen Meinungsfreiheit und Cancel Culture“ stand über der Veranstaltung. Dabei ging es weniger um die Osnabrücker als vielmehr um die gesamtgesellschaftliche Perspektive, sagte Martina Blasberg-Kuhnke, Moderatorin des Friedensgesprächs im Vorfeld. Trotzdem erinnert Beckermann als Vertreter der Stadt an die drei Osnabrücker Kulturdebatten der jüngeren Vergangenheit: die Süßmilch-Ausstellung in der Kunsthalle, die abgesagte Ödipus-Produktion am Theater, und ganz aktuell der Film von Basma al-Sharif, der Nähe zur Protestbewegung BDS und antisemitische Positionen in Social-Media-Beiträgen nachgesagt werden.

Nun herrscht kollektiv Einigkeit über die grundlegende Bedeutung der Kultur für unsere Demokratie, denn sie eröffnet genau die Diskursräume, die unsere Gesellschaft braucht, um den jeweils prägenden Herausforderungen zu begegnen. Kunstfreiheit sei ein maßgeblicher Indikator dafür, „wie offen eine Gesellschaft ist“, sagt Alexej Eisner, Osnabrücker Künstler auf dem Podium der Osnabrücker Friedensgespräche.

Deshalb darf Kunst so ziemlich alles. Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele und gebürtiger GM-Hütter, sagt das beim Friedensgespräch in der nahezu vollen Schlossaula unter Verweis auf den Hitlergruß, den Künstler Jonathan Meese wiederholt gezeigt hat. Spott sei das, hat das Amtsgericht Kassel attestiert. „Ein Sieg für die Kunstfreiheit“, jubelte „Der Spiegel“ damals.

Im Einzelfall mag das übel aufstoßen. Aber: „Wir müssen das aushalten“, sagt Monika Grütters, ehemalige Kulturstaatsministerin. Ein Frosch, den der Künstler Martin Kippenberger ans Kreuz genagelt hat, tue ihr als bekennende Katholikin persönlich weh. Aber die Gesellschaft und damit jeder Einzelne muss derartige Provokationen aushalten, sagt sie. Demzufolge hat sie ihre Aufgabe als Kulturstaatsministerin immer darin gesehen, sich vor die Kunst zu stellen.

Zudem plädieren Grütters und Pees vehement dafür, Künstler und Kunstwerk voneinander zu trennen. Wie wollte man andernfalls die Bayreuther Festspiele rechtfertigen, die mithilfe von Millionenbeträgen aus der öffentlichen Hand Werke des bekennenden Antisemiten Richard Wagner aufführen? In Deutschland, dem Land der Täter?

Die Stadt Osnabrück hat das auch im Fall von Basma al-Sharif so gehalten. Aber Beckermann unterstreicht die „Verantwortung für jüdisches Leben in der Stadt“. Man müsse deshalb nicht unkritisch dem Staat Israel gegenüber sein. Aber angesichts des zunehmenden Antisemitismus im Land fordert Beckermann „besondere Sensibilität“.

Grütters warnt hingegen vor einer ganz anderen Gefahr, nämlich der von rechts außen und den „hochintelligenten“ Protagonisten. Konkret nennt sie Matthias Helferich, einen AfD-Abgeordneten vom rechten, nationalistischen Flügel der Rechtsaußen-Partei. „Der sitzt im Kulturausschuss des Bundestages“, sagt Grütters, und das nicht ohne Grund. Autoritäre Regime versuchten immer als Erstes die Bereiche auszuschalten, die für Demokratie und Meinungsvielfalt konstituierend seien: Journalismus und die Kultur. Die AfD ziele aufs Nervengeflecht der Gesellschaft ab, um diese zu ändern. „Deshalb müssen wir die Kultur resilient machen“, sagt Grütters, und zwar gegen autoritäre Tendenzen.

Vermutlich hätte die ehemalige Staatsministerin Katrin Mundt, der künstlerischen Leiterin des EMAF, zugestimmt, als sie am Mittwoch bei der Festivaleröffnung sagte, Künstlerinnen auszuladen sei „ein Kurzschluss, der all jenen in die Hände spielt, die Zensur, gegenseitige Verdächtigungen und vorauseilenden Gehorsam als neuen Standard im Umgang zwischen Institutionen und Künstler*innen, aber auch Institutionen untereinander etablieren wollen. Er bedeutet, dem weiteren Erstarken des Autoritarismus in diesem Land Vorschub zu leisten.“

Im Anschluss an die Eröffnungsreden sind Fragen der Kunstfreiheit ein zentrales Thema, das die EMAF-Gäste bei einem Bier oder einem Glas Wein diskutieren. Was zeigt: Dieser Diskurs ist in Osnabrück angekommen und keineswegs abgeschlossen. Das EMAF führt ihn mit einer Podiumsdiskussion am 15. Juni in der Lagerhalle fort. Worum es dann genau gehen wird, wird das Festival noch mitteilen. Was die Diskussion aber jedenfalls verträgt, ist das, was Pees ganz generell für unsere gesellschaftspolitischen Diskurse anrät: Gelassenheit.

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