Hannover  Zwischenbericht zeigt Gefahren von Social Media für Kinder – aber was folgt daraus?

Jonas E. Koch
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Von Jonas E. Koch
| 29.04.2026 09:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist durch Social Media, die Nutzung mobiler Endgeräte und Künstliche Intelligenz geprägt – und das hat Folgen. Foto: IMAGO / Zoonar
Der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist durch Social Media, die Nutzung mobiler Endgeräte und Künstliche Intelligenz geprägt – und das hat Folgen. Foto: IMAGO / Zoonar
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Ein Zwischenbericht einer Expertenkommission zeigt die Gefahren von Social Media für Kinder und Jugendliche. Aber was folgt daraus – kommt nun das Verbot für unter 14-Jährige?

„Zehn Jahre lang haben wir Kinder und Jugendliche nicht wirklich geschützt“, stellte Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) bei der Vorstellung eines Zwischenberichts zu den Gefahren von sozialen Medien fest. Auf rund 130 Seiten hatten 18 Fachleute deren Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche untersucht.

Das Ergebnis: Der Alltag von Kindern und Jugendlichen ist durch Social Media, die Nutzung mobiler Endgeräte und Künstliche Intelligenz geprägt. Und das hat Folgen: Cybermobbing, unerwünscht erhaltene sexualisierte Inhalte insbesondere für Mädchen, manipulative Kontaktaufnahme durch Betrüger oder Pädophile, Inhalte voller Hass, Propaganda oder sexualisierter Gewalt und vieles mehr.

Zum einen, betonen die Experten, müsse den Kindern Medienkompetenz vermittelt werden. „Medienbildung ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass junge Menschen digitale Angebote kritisch, selbstbestimmt und verantwortungsvoll nutzen können“, heißt es dazu von der niedersächsischen Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne). Ihr Ministerium verfolge dieses Ziel „seit Jahren konsequent und strukturell“, unter anderem durch:

Außerdem gebe es „klare und verbindliche Regeln zur Handynutzung in den Schulen“, so die Kultusministerin. Was sie meint: Eine Vorgabe des Kultusministeriums fordert alle Schulen lediglich auf, selbst eine jeweils eigene verbindliche Regelung zu treffen.

Doch nicht nur was die Kinder sehen ist entscheidend, sondern auch wie viel. „Kinder können die Tüte Chips nicht weglegen, weil sie zu verführerisch sind“, erklärt Ulrike Bartholomäus die Ergebnisse. „Man könnte Apps ja auch so bauen, dass sie nicht süchtig machen. Das wird aber bewusst nicht so gemacht, sondern sich am Glücksspiel orientiert“, so die Autorin und Wissenschaftsjournalistin , die für ihr neues Buch „Zwischen Tiktok und Therapie“ rund zwei Jahre lang zum Thema recherchiert hat. „Das ist das gleiche Prinzip wie beim Glücksspiel, das in Deutschland erst ab dem 18 Lebensjahr erlaubt ist.“

Erst in den Zwanzigern lerne man, „vorausschauend zu planen und Verhalten, Gefühle sowie Impulse zu regulieren“, erklärt Bartholomäus. „Wenn man da nicht lernt, sich auf die eigentlichen Ziele im Leben zu fokussieren, kann das Leben ins Stocken geraten.“ An der „bei jungen Menschen massenhaft verbreitete Aufschieberitis oder auch Prokrastination, bei der die eigentlichen Aufgaben im Alltag, der Schule, der Ausbildung oder im Studium vor sich hergeschoben wird, um noch ein bisschen ins Smartphone zu schauen“ könne man diese „mangelnde Reife“ erkennen.

Sie hält es für „eine Katastrophe, dass wir ein Langzeitexperiment an Kindern vornehmen. Wir haben es hier mit einer Generation zu tun, deren ‚Sozialisation‘ in Räumen stattfindet, die von Konzernen in China und Silicon Valley kontrolliert werden. Deren Ziel ist es, die Kinder möglichst lange auf der Plattform zu halten, um ihnen Werbung auszuspielen“, so Bartholomäus.

Immer wieder wird deshalb auch ein Social-Media-Verbot für Jugendliche gefordert. Die Idee ist nicht neu: In Australien ist Social Media erst ab 16 Jahren erlaubt, in Europa arbeiten unter anderem Frankreich, Großbritannien, Spanien, Slowenien und Griechenland an Verboten und auch auf EU-Ebene berät ein Komitee über eine europaweite Altersgrenze. Die Debatte habe nun eine „evidenzbasierte Grundlage“, sagte Bildungsministerin Prien.

Die niedersächsische Landesregierung hat bereits beschlossen, im Bundesrat einen Entschließungsantrag für ein Verbot für unter 14-Jährige einzubringen. „Uns darf nicht egal sein, welche Themen und Bilder wir unseren Kindern online in den sozialen Medien zumuten. Und viele Kinder und Jugendliche spüren selbst, dass sie da schon jetzt mehr Zeit verbringen, als ihnen guttut“, sagte Ministerpräsident Olaf Lies dazu und warnte, Minderjährige seien den Mechanismen „schutzlos ausgeliefert“.

Auch Thüringen unterstützt ein entsprechendes Verbot im Bundesrat. Die Experten dämpften die Erwartungen an ein entsprechendes Verbot allerdings. Eine Altersbeschränkung allein werde das Problem nicht lösen, so der Kommissionsvorsitzende Olaf Köller.

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