Osnabrück „Totsaufen oder aufhören“: Marion Mosler aus Osnabrück besiegt die Sucht nach Alkohol
Alkohol ist überall verfügbar, am Kiosk, im Supermarkt, bei der Arbeit. Für Marion Mosler war er jahrzehntelang auch auf dem Land ein ständiger Begleiter, der sie fast das Leben kostete. Heute leitet sie die Osnabrücker Guttempler und zeigt, dass ein Neuanfang jederzeit möglich ist.
Alkohol ist nicht schwer zu finden: im Supermarkt, an der Tankstelle, beim Brötchenbäcker. „Früher habe ich mir oft was am Kiosk im Neumarkttunnel gekauft“, erinnert sich Marion Mosler. Wer ein Verlangen hat, braucht laut der heute trockenen Alkoholikerin nicht lange, um den Suchtstoff zu finden. Umso schwerer ist es, aus diesem Verhaltensmuster auszubrechen. Doch Mosler hat es geschafft. Ihr Weg führt von den Partykellern in Westerkappeln bis in ein neues Leben in Osnabrück.
Marion Mosler wächst auf einem Bauernhof in Metten bei Westerkappeln auf. Dort werden sie und ihre Geschwister früh mit Alkohol konfrontiert. „Nach der Ernte oder dem Stroh einfahren stand schnell das Bier und der Korn auf dem Tisch“, erinnert sie sich. Schon als junges Mädchen trinkt sie ihr erstes Schnapsglas mit Korn: „Irgendwann hieß es, einen kannst du ja mal mittrinken.“
Nach der Konfirmation wird das Trinken zur sozialen Norm. „Auf dem Land hatte früher fast jeder einen Partykeller, wo wir regelmäßig getrunken haben“, erinnert sich Mosler. Die Devise war klar: „Wenn die Party vorbei war, mussten auch die Flaschen leer sein.“ Es sei ein schleichender Prozess gewesen, in dem der Alkohol zum ständigen Begleiter wurde.
Um ihre Sucht zu stillen, wird sie erfinderisch. Im Dorf fährt sie oft mit dem Fahrrad zur Tankstelle und kauft Schnaps. „Ich habe den Korn dann im Wald getrunken, bevor es nach Hause ging“, sagt sie. Niemand sollte etwas merken.
Sie heiratet im Jahr 1976, baut mit ihrem Mann ein Haus in Lotte. Doch die Sucht bleibt ihr Schatten. „Ich hatte überall Flaschen versteckt mit Bier, Korn und Apfelkorn“, gesteht Mosler. Irgendwann steigt sie auf Wodka um. Der Grund ist ein pragmatischer: „So hatte ich keine Fahne.“ Sie glaubt lange, dass sie ihr Problem verheimlichen kann. Doch ihr Mann hat es längst bemerkt. Er füllt heimlich Wasser in ihre Kornflaschen, damit sie weniger trinkt. Verständnis findet sie bei ihm nicht: „Mein Mann hat immer zu mir gesagt: Du hast gesoffen, du hast das Problem.“
Marion Mosler versucht, gegen die Sucht zu kämpfen. Ein Klinikaufenthalt und eine kurzzeitige Entgiftung in Georgsmarienhütte bleiben erfolglos. „Sobald ich zu Hause war, füllte ich den nächsten Flachmann“, sagt sie. Nachts bekommt sie Panikattacken. An diesem Tiefpunkt erkennt Mosler: „Mir blieben nur zwei Optionen: todsaufen oder aufhören.“
Ihr Arbeitgeber rät ihr zu einem neuen Versuch. Sie wendet sich an eine Ärztin und stellt eine Bedingung: „Ich will in die Klinik, aber nicht hier vor Ort.“ Ende der 80er-Jahre geht sie für zwei Monate in eine Klinik im Saarland. Dort ist sie ganz auf sich allein gestellt. „Mein Mann hat mich nicht einmal besucht“, erinnert sie sich. Aber sie erreicht ihr Ziel: Sie lernt, wie sie ihren Alltag ohne Alkohol gestaltet.
Als sie zurückkehrt, will sie nicht wieder in die alten Fallen tappen. Sie besucht die Selbsthilfegruppe der Guttempler in Osnabrück. „Ich kam dorthin und wunderte mich, wo ich gelandet bin. Mehr als 20 Menschen waren dort“, erinnert sie sich. Seitdem gehört sie fest zur Gruppe, tauscht sich mit anderen über ihre Geschichte aus und findet Freunde.
Zwischenzeitlich ist Mosler zehn Jahre lang weniger aktiv: „Ich dachte, ich bräuchte es nicht mehr, aber habe gemerkt, dass die Gruppe mir doch sehr hilft.“ Die Mitglieder bauen sich dort gegenseitig auf. „Viel läuft nebenbei, Freundschaften, Kaffee trinken, füreinander da sein“, sagt Anke Kramsch. Sie ist ist schon seit 40 Jahren dabei und eine enge Vertraute von Mosler. Zu den Treffen am Freitagabend kommen aktuell Menschen zwischen 48 und 85 Jahren. „Wir würden uns wünschen, wieder mehr Jüngere zu haben, aber viele suchen sich mittlerweile Hilfe im Internet“, sagt Kramsch.
Marion Moslers Leben sieht heute ganz anders aus. 1991 wird ihr Sohn geboren. Er kennt seine Mutter nur trocken. Heute ist sie geschieden und lebt in Osnabrück, nahe des Guttempler-Hauses.
„Bei dem Namen Guttempler denken viele an eine Sekte“, sagt Kramsch. Doch es steckt eine lange Tradition dahinter. Die Gruppe feierte vor Kurzem ihr 120-jähriges Bestehen. „Es gibt weltweit Guttempler-Gruppen, die Menschen mit Suchtproblemen helfen“, berichtet Kramsch. Für Marion Mosler bedeutet die Gruppe vor allem eines: Zusammenhalt und die tägliche Entscheidung für ein freies Leben.
„Das Suchtverlangen kommt hin und wieder mal auf, wenn ich schlecht drauf bin“, sagt Mosler. Es ist ihr wichtig, dass über das Thema Alkoholismus gesprochen wird. Dafür wird sie sich auch weiterhin bei den Guttemplern engagieren, leitet die Gruppe seit vier Jahren sogar selbst. In einer Welt, wo Suchtmittel allgegenwärtig sind, hat sie hier ihren Anker gefunden.