Paris Wieder Zoff im Louvre: Warum sich Museumsführer über die neuen Ticket-Preise ärgern
Seit Monaten häufen sich die Probleme in Frankreichs Vorzeigemuseum. Derweil hält Präsident Macron an seinem geplanten Milliardenprojekt für eine strahlende Renovierung fest.
Die beiden Frauen kennen einander nicht, aber in der Warteschlange vor dem Louvre kommen sie an diesem Mittwochmorgen ins Gespräch. Sie diskutieren über die unterschiedlichen Tarife, die sie bezahlen: 32 Euro für die Amerikanerin, 22 Euro für die Deutsche. Wenn sie wiederum eine geführte Tour mit einer kleinen Gruppe machen wollen, sind es pro Person 28 Euro allein für den Eintritt, der Preis für die Führung kommt noch hinzu. Das Ticket müssen sie in dem Fall allerdings vom Tour-Guide kaufen lassen. „Wer soll sich da noch auskennen?“, fragt die Deutsche kopfschüttelnd. „Nicht-EU-Bürger werden eindeutig diskriminiert“, ärgert sich die Frau aus den USA.
Seit Januar bestehen diese Tarifunterschiede je nach Nationalität, und sie werden unter anderem auch im Schloss Versailles, der Garnier-Oper und dem Triumphbogen angewandt. Angesichts des Finanzierungsbedarfs und staatlicher Budgetkürzungen gelte es, „innovativ zu sein“, rechtfertigte dies die frühere Kulturministerin Rachida Dati.
Das größte Museum der Welt, das jährlich rund neun Millionen Touristen anzieht, braucht Geld für die Renovierung der abgenutzten Säle und veralteten technischen Strukturen. Wiederholt kam es in den vergangenen Monaten zu Wasserschäden, Lecks, auch zu einer Überschwemmung. So entstanden Schäden in der ägyptischen Abteilung, in Räumen im Denon-Flügel, wo Werke italienischer Renaissance-Maler hängen, sowie an einem historischen Deckengemälde.
Außerdem fallen Investitionen in bessere Sicherheitseinrichtungen an, darunter moderne Kameras. Im Oktober 2025 stahlen Diebe bei einem spektakulären Einbruch durch ein Fenster Kronjuwelen im Wert von 88 Millionen Euro. Mehrere Täter wurden gefasst, die Beute bleibt verschwunden. Im März flog wiederum ein jahrelanges Ticketbetrugssystem durch chinesische Touristenführer auf, die mutmaßlich Komplizen unter Angestellten des Museums hatten. Geschätzter Gesamtschaden: mehr als zehn Millionen Euro.
Zu Jahresbeginn streikten viele der mehr als 2000 Angestellten für bessere Arbeitsbedingungen. Regelmäßig bleiben Säle geschlossen, weil es an Personal fehlt. Im Februar geriet die bisherige Direktorin Laurence des Cars derart unter Druck, dass sie kündigte. Ihr Nachfolger Christopher Leribault soll nun die zahlreichen Probleme lösen.
Dem Streik der Mitarbeiter schlossen sich auch einige der selbstständig arbeitenden Tour-Guides an, denn auch ihre Lage verschlechtert sich massiv. „Ich habe seit Jahresbeginn fast keine italienischen Kleingruppen mehr: Es wird zu teuer und kompliziert“, klagt Vittoria Ramodelli. Die Italienerin führt seit Jahren Touristen durch kulturhistorische Stätten in Paris. Doch über die Tariferhöhungen hinaus macht ein neues Buchungssystem Probleme, das selbstständige Museumsführer gegenüber großen Reiseagenturen benachteiligt.
„Für uns fällt jetzt pro Gruppe ein sogenanntes Rederecht von 20 Euro an – wir bezahlen, um arbeiten zu können“, erklärt Priscilla Achcar, die ebenfalls betroffen ist. „Auf Buchungsplattformen werden theoretisch Zeitfenster freigeschaltet, doch faktisch sind vor allem am Vormittag fast nie welche frei. Meistens haben sie die großen Agenturen schon abgegriffen.“ Sie müsse vorab eine bestimmte Anzahl an Tickets reservieren, ohne die Gruppengröße zu kennen.
Interessierte, die bereits eine Eintrittskarte haben, darf sie nicht mehr annehmen, weil der Kauf über sie laufen muss – ansonsten fallen doppelte Eintrittsgebühren für die Gäste an. „Bei uns Guides herrscht Panik, viele denken über einen Jobwechsel nach“, sagt die Brasilianerin.
Wie Ramodelli engagiert sie sich in einer Gewerkschaft, um mit der Museumsleitung verhandeln zu können. Doch bislang dringen sie kaum durch. „Unser Eindruck ist, dass der Louvre weniger kleine Führungen möchte, weil sie länger dauern.“ Bevorzugt würden größere Reisegruppen, die die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Paris rasch abhaken. Die Kunst- und Kulturvermittlung, eine der Hauptaufgaben eines Museums, verliere an Priorität gegenüber kommerziellen Interessen. Angesichts der gestiegenen Eintrittspreise bieten immer mehr Reiseagenturen Audio Guides an oder arbeiten mit semiprofessionellen Touristenführern, die nur eine Einführung machen und damit die Preise drücken. „Unser Beruf wird entwertet“, sagt Achcar.
Es gibt noch einen Grund, warum Geld gebraucht wird: Präsident Emmanuel Macron lancierte vor einem Jahr das Großprojekt „Louvre – Neue Renaissance“. Das Museum, das einst eine mittelalterliche Festung und später eine Königsresidenz war, hat für ihn eine besondere Bedeutung: Hier hielt er am Abend seiner Wahl 2017 eine feierliche Rede, während seine enthusiastischen Anhänger, die damals noch zahlreicher waren, ihm zujubelten.
Mit dem Umbau, davon sind Beobachter überzeugt, will er sich ein Denkmal setzen, so wie es vor ihm Georges Pompidou mit dem nach ihm benannten Nationalmuseum für moderne Kunst, das Centre Pompidou, Jacques Chirac mit dem Museum Quai Branly oder François Mitterrand unter anderem mit der Glaspyramide als neuem Eingang für den Louvre getan haben.
Das 1989 eröffnete Vorzeigeprojekt des chinesisch-amerikanischen Stararchitekten I.M. Pei war damals für vier bis fünf Millionen Menschen pro Jahr ausgerichtet – die Hälfte der aktuellen Besucherzahl. Heute führen der permanente Lärmpegel und die Hitze, die sich im Sommer staut, zu schlechten Empfangs- und Arbeitsbedingungen. Nun sind ein zweiter Eingang und zusätzliche Ausstellungsräume geplant.
Außerdem soll für das berühmteste und am meisten besuchte Werk, Leonardo da Vincis Mona Lisa, ein eigener Raum mit extra Zugang entstehen. Doch die für April vorgesehene Ankündigung der Endsieger der Architekten-Ausschreibung wurde verschoben. Das Projekt ist umstritten, auch weil der französische Rechnungshof von Kosten in Höhe von 1,15 Milliarden Euro ausgeht und den „fragilen Finanzierungsplan“ kritisiert hat. Durch die Fokussierung auf „sichtbare, attraktive Projekte“ würden dringend notwendige Sanierungen vernachlässigt, hieß es in einem Bericht.
Die Gewerkschaften der Mitarbeiter sind derselben Meinung. Doch ob auf sie gehört wird?