Osnabrück Reform gegen Revolution: Wie uns Opernkomponist Albert Lortzing die politischen Konflikte unserer Zeit erklärt
Er war lange vergessen: Albert Lortzing ist wieder da. Die Oper Leipzig feiert sein Jubiläumsjahr mit einem Festival. Der Komponist und Bühnenkünstler erweist sich dabei als verblüffend gegenwärtig.
Er war der ideale Schwiegersohn. Die junge Frau hat er schon gewonnen. Doch dann gerät er auf die schiefe Bahn. Jetzt ist er zurück, will sich mit Gewalt nehmen, was das Leben ihm verweigert. So einnehmend er einst war, nun verwüstet er das Elternhaus der jungen Frau, nimmt sie als Geisel, will die ganze Welt in die Luft sprengen. Was ist nur los mit dem Mann? Hat er sich im Internet radikalisiert?
Als Albert Lortzing seine Opern schreibt, gibt es natürlich kein Internet. Radikale und Umstürzler gibt es schon, Populisten auch. Der Komponist atmet den Pulverdampf ein, der von den Barrikadenkämpfen der Revolution von 1848 herüberzieht, als er seine „Regina“ zu Papier bringt. Er wird seine letzte große Oper niemals auf der Bühne sehen. Sie ist ihrer Zeit einfach zu weit voraus. Erst 1998 wird sie in ihrer originalen Fassung erstmals gespielt werden.
Lortzing? War das nicht der Opernonkel aus dem Biedermeier, der Mann rosaroter Melodien und behäbiger Dialoge? Die Großeltern haben sich seine Hits wie den „Holzschuhtanz“ oder „Mein flandrisch Mädchen“ in Wunschkonzerten vorspielen lassen. Lang ist es her. Aber jetzt ist Lortzing wieder da, in seinem Jubiläumsjahr 2026. Und er entpuppt sich als Schnellschreiber eines hochtourigen Theaterbetriebs, als engagierter Zeitgenosse, der mit dem Revolutionär Robert Blum eng befreundet war – und der übrigens jahrelang in Osnabrück als Sänger und Schauspieler aufgetreten ist und in der Freimaurerloge „Zum Goldenen Rade“ beheimatet war.
Vor allem hat Albert Lortzing ein feines Näschen für die gesellschaftlichen Verschiebungen seiner Zeit. Er sieht genau, wie ungleich Geld und Privilegien verteilt sind. Sein Herz gehört jenen, die zu kurz kommen, die ihre Wünsche nicht verwirklichen können. „Leiden soll kein Mensch auf Erden“, heißt es in der Oper „Regina“. Albert Lortzing, der Menschenfreund, der Humanist und Freimaurer: So ist er neu zu entdecken.
Die Oper Leipzig hat sich diesem Projekt verschrieben – und fährt mit ihrem Festival „Lortzing 26“ einen grandiosen Erfolg ein. Unter der Ägide von Intendant Tobias Wolff bringt sie Lortzings Oper „Der Waffenschmied“ neu auf die Bühne, präsentiert natürlich „Zar und Zimmermann“, Lortzings Quotenhit. Den Glutkern des Festivals aber bildet die Oper „Regina“, jener in Töne gesetzte Klassenkampf auf offener Bühne, der in Leipzig zum großen Spektakel avanciert.
Stephan, das ist der Freischärler, der die Fabrikantentochter raubt. Regina hat sich längst für Richard entschieden, der die Fabrik ihres Vaters übernehmen soll. Eine junge Frau zwischen Ex und neuem Partner? So simpel liegt die Sache nicht. Lortzing kontrastiert mit den jungen Männern die politischen Optionen einer Umbruchzeit. Reform oder Revolution? Vernunft oder Gewalt? Die Oper „Regina“ bietet großes Polit-Theater mit Gelbwesten-Protest und Sprengstoffattentat. Und über allem weht die Deutschlandfahne.
In welcher Richtung geht es zum schönen Leben? Albert Lortzing hat diese Frage mit verblüffendem Nachdruck gestellt. Seine Opern erscheinen mit einem Mal wie Arenen, in denen das politische Schicksal einer ganzen Gesellschaft verhandelt wird. Und ihr Komponist steht aus dem Ohrensessel des Biedermeier auf, um durch die Umbruchzeit des deutschen Vormärz zu rasen. Was für ein Comeback!
Ja, Lortzing hatte den genauen Blick für die kleinen Verlogenheiten des vermeintlichen bürgerlichen Glücks. So wie der Maler Carl Spitzweg. Und er durchschaute soziale Konflikte sehr genau. So wie der Dichter Heinrich Heine. Lortzing tritt uns neu entgegen, als wacher Zeitgenosse, Hoffnungsträger, vor allem als politischer Künstler von unterschätztem Format.
Ich habe mich in Leipzig von seiner „Regina“ mitreißen lassen, vom großen Spiel des Gewandhausorchesters, von ungemein präsenten Chören und der Sopranistin Jacquelyn Wagner, die ihrer Regina rahmensprengende Präsenz verleiht. Und ich bin sehr nachdenklich geblieben, nachdem der Vorhang gefallen war. Ja, am Ende behalten Regina und ihr ach so vernünftiger Richard die Oberhand. Aber die Gesellschaft, die ihre Krise gerade gemeistert hat, verwandelt sich unvermutet in einen Haufen kriegslüsterner Chauvinisten.
Albert Lortzing macht es uns mit seiner „Regina“ viel schwerer, als es diesem angeblich so harmlosen Tonkünstler zuzutrauen war. Aber gerade dieser Zug macht ihn groß. Vivat Lortzing – jetzt in Leipzig und bitte künftig auf immer mehr Bühnen, landauf, landab.