London Londons „Blue Plaques“: So erinnert die Metropole an ihre berühmten Einwohner
Seit rund 150 Jahren erinnern „Blue Plaques“ an berühmte Persönlichkeiten aus Geschichte, Kultur und Wissenschaft – direkt an den Orten in London, an denen sie einst lebten und wirkten.
Wer an diesem Montagnachmittag die Stoke Newington Church Street entlanggeht, eine bei Anwohnern beliebte Einkaufsstraße im Nordosten Londons, denkt vermutlich selten an Weltliteratur. Eltern eilen mit Rollern und Sturzhelmen bestückt zur Schule, um ihre Kinder abzuholen, während andere noch rasch im Bio-Supermarkt ihre Einkäufe erledigen.
Erst beim zweiten Blick, ein paar Meter über Augenhöhe, fällt es auf: ein blaues, kreisförmiges Schild an der typischen englischen Backsteinfassade von Haus Nummer 95, in dessen Erdgeschoss sich ein Taxiunternehmen befindet. Darauf steht: „Daniel Defoe (1661–1731) lebte in einem Haus auf diesem Grundstück“. Mit wenigen Worten erinnert die Plakette daran, dass der Autor hier, in einem Viertel, das damals noch außerhalb Londons lag, zu Beginn des 18. Jahrhunderts wohnte und dort Robinson Crusoe schrieb – einen Roman über Isolation und Überleben, der bis heute zu den bekanntesten der Literatur zählt.
Plaketten wie jene in Stoke Newington sind in der Metropole keine Seltenheit – mehr als 1000 der blauen Schilder sind heute über die Stadt verteilt, von Southall im Westen bis nach Barking im Osten. Sie erinnern an Persönlichkeiten ganz unterschiedlicher Epochen und Disziplinen: an Schriftsteller wie Charles Dickens, Musiker wie Jimi Hendrix und an den Philosophen und Ökonomen Karl Marx. Es handelt sich dabei um „Blue Plaques“. Die runden, strahlend blauen Keramiktafeln markieren Orte, an denen Menschen in London gelebt oder gearbeitet haben und deren Werke über ihre Zeit hinausreichen, betont English Heritage, die zuständige Organisation.
Und wer sie einmal entdeckt hat, sieht sie, oft zwischen zwei Fenstern angebracht, unweigerlich immer wieder. Tatsächlich besteht das Londoner Programm zum alltäglichen Gedenken an berühmte Persönlichkeiten mittlerweile seit rund 150 Jahren und gilt damit als das älteste seiner Art weltweit. Die Idee dazu brachte 1863 der liberale Abgeordnete William Ewart im britischen Unterhaus ein.
Umgesetzt wurde sie von der Royal Society of Arts, die 1867 die erste Gedenktafel anbrachte – für den Dichter George Gordon Byron, einen der bekanntesten Vertreter der englischen Romantik. Seit 1986 betreut die staatlich unterstützte English Heritage die „Blue Plaques“.
„Die blauen Gedenktafeln erinnern an die enorme Bandbreite menschlicher Errungenschaften und schaffen für Passanten eine greifbare Verbindung zu den Persönlichkeiten und jenen Orten, wo diese lebten und arbeiteten“, sagt Alexandra Carson von der Organisation im Gespräch mit dieser Redaktion. „Die Tafeln sind damit auch ein Zeugnis für die Kreativität und Vielfalt der Stadt.“
Zu den geehrten Persönlichkeiten zählen die Krankenschwester Florence Nightingale, der Naturforscher Charles Darwin sowie der frühere konservative Premierminister Winston Churchill, dessen Plakette an seinen letzten Wohnort in dem wohlhabenden Londoner Stadtteil Kensington erinnert.
Die jüngste Tafel wurde erst vergangene Woche angebracht. Sie gedenkt der britisch-amerikanischen Astronomin Cecilia Payne-Gaposchkin, die in den 1920er-Jahren im Zuge ihrer Doktorarbeit erstmals erklärte, woraus Sterne bestehen – und das in einer Zeit, als die Naturwissenschaften noch männlich dominiert waren. Ihr ehemaliges Elternhaus in dem Londoner Viertel Notting Hill trägt nun eine der Plaketten, „in dem sie als junge Frau das Wissen und den Ehrgeiz entwickelte, die sie an die Spitze der modernen Astronomie führten“, wie Howard Spencer, leitender Historiker bei „English Heritage“, erklärt.
Neben den bekannten „Blue Plaques“ existiert in Großbritannien eine Vielzahl weiterer Gedenktafeln. Bürgervereinigungen, Fachgesellschaften oder Stadtverwaltungen bringen Plaketten in anderen Farben und Formen an Fassaden an, manche sind oval, andere eckig.
So würdigen britische Organisationen gezielt Beiträge von Minderheiten, wissenschaftliche Leistungen oder auch kulturelle Szenen: Die „Rainbow Plaques“ in London markieren etwa Orte der LGBT-Geschichte, während Initiativen wie die „Nubian Jak Community Trust“ schwarze Persönlichkeiten und ihre Beiträge zur britischen Geschichte sichtbar machen. Mitunter entstehen auch kuriose Grenzfälle.
Eine der bekanntesten blauen Tafeln wirkt auf den ersten Blick wie von „English Heritage“, wurde jedoch in den 1990er-Jahren davon unabhängig angebracht. Sie hängt in der Baker Street in Marylebone, wo sich täglich Touristen vor der Hausnummer 221B versammeln, und ist Sherlock Holmes gewidmet, dem berühmten Detektiv aus den Geschichten von Arthur Conan Doyle. Gerade dieses Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit hat zu ihrer besonderen Bekanntheit beigetragen.