U35-Kolumne 8. Mai – warum ein „Tag der Befreiung“ zu kurz greift
Am 8. Mai ist Gedenktag zum Kriegsende. Befreit wurden Opfer und besetzte Länder, aber nicht die Deutschen. Der Jahrestag sollte uns an die Verantwortung erinnern, findet Redakteurin Hannah Weiden.
Am Freitag ist wieder der 8. Mai. Der Jahrestag markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs und wird in Deutschland seit Jahren als „Tag der Befreiung“ gefeiert. Ein wichtiger Gedenktag, keine Frage, aber mit der Formulierung habe ich meine Probleme. Deutschland war 1945 nämlich nicht Opfer-, sondern Täterland. Befreit wurden die Überlebenden aus Konzentrationslagern. Befreit wurden Menschen aus Gefängnissen, Zwangsarbeiterlagern und Ghettos. Befreit wurden Länder Europas von deutscher Besatzung, von Terror, Hunger, Deportation und Mord. Befreit wurde die Welt vom Regime der Nationalsozialisten.
Millionen Menschen trugen das System der Nazis, profitierten davon, schauten weg oder machten mit. Die Gräueltaten kamen nicht wie ein plötzliches Unwetter über Europa, sondern wurden aktiv von den Deutschen begangen, also unseren Vorfahren. Wenn in Deutschland von Befreiung gesprochen wird, birgt das die Gefahr, dass wir uns selbst schnell die Rolle der Erlösten statt die der Täter zuschreiben.
Wer einmal in Auschwitz war, vergisst das nie. Ich denke jedenfalls oft an meinen Besuch vor vier Jahren zurück. Man verlässt den Ort anders, als man ihn betreten hat. Umso mehr beunruhigen mich aktuelle Umfragen, nach denen viele Menschen glauben, für die Gräueltaten seien nur wenige Verbrecher verantwortlich gewesen. Das ist bequem und falsch. Gleichzeitig feiern rechte Parteien wieder Wahlerfolge und verspotten jene Erinnerungskultur.
Seit Kurzem sind NSDAP-Mitgliederkarteien offen zugänglich. So kann man leichter als je zuvor nachsehen, ob Opa damals in der Partei war oder was der eigene Großvater im Krieg so getrieben hat. Eine gute Möglichkeit, mal etwas genauer hinzuschauen.
Ich finde, der 8. Mai sollte nicht nur ein Tag der Befreiung, sondern vor allem ein Tag der Verantwortung sein. Ein Tag, an dem wir uns erinnern, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist. Ein Tag, an dem klar wird, wie schnell Freiheit wieder verloren gehen kann.
U35 – die Kolumne
Hannah Weiden (29) ist Reporterin in der Redaktion der Ostfriesen-Zeitung in Emden. In dieser Kolumne kommen jeden Dienstag Kolleginnen und Kollegen unter 35 Jahren zu Wort. Sie liefern einmal in der Woche eine junge Perspektive auf das Geschehen in der Welt und speziell in Ostfriesland.