Osnabrück Oper „Endstation Sehnsucht“ in Osnabrück: Blick ins düstere Herz der USA
In der Oper geht es mitunter ziemlich brutal zu; da macht „Endstation Sehnsucht“ keine Ausnahme. Der Unterschied zum Gemetzel in anderen Opern: Sie ist erschreckend realistisch. Trotzdem – oder gerade deswegen – war das Osnabrücker Premierenpublikum begeistert.
Stella deckt den Geburtstagstisch für ihre Schwester Blanche: Papierservietten, Plastikbesteck, ein paar Luftballons und Papierschlangen, billige Geburtstagskerzen. Das passt zu der Welt, in die Blanche eingeschlagen ist wie ein Meteorit: Stella und ihr Mann Stanley leben in einem verbeulten Campingwagen, als Wohnzimmer dienen Campingstühle, als Badezimmer ein billiger Anbau mit Plastikplane.
Eine erbärmliche Welt führt Tennessee Williams seinem Publikum mit dem Theaterstück „Endstation Sehnsucht“ vor, und in seiner Inszenierung der gleichnamigen Oper von André Previn nach eben jenem Drama zeigt das der Osnabrücker Intendant Ulrich Mokrusch in aller Drastik. Die Seelen der Protagonisten flackern traurig wie die Straßenlaterne neben dem Campingwagen und sind genauso ramponiert und vom Leben beschmutzt wie der Boden rundum.
Wenn sich der Vorhang im Theater am Domhof hebt, fällt der Blick zu schmerzhaft dissonanten Klangwolken aus dem Orchestergraben auf diese trostlose Szenerie. Entworfen haben sie Okarina Peter und Timo Dentler, und die beiden haben zum Bühnenbild auch die passenden Kostüme entworfen: Eunice Hubbell, die Nachbarin von Stella und Stanley, stackst in Leggings und mit aufgeplusterter Frisur durchs Bild wie Peggy, die Frau von Al Bundy. Die Männer tragen vielleicht Collegejacken und Jeans – oder auch Jogginganzüge im Stars-and-Stripes-Design.
Blanche Dubois ist in ihrem mondänen Kleid hier allein optisch ein Fremdkörper. Sie ist aus der Zeit gefallen, als in den Südstaaten ein weißer Landadel über schwarze Sklaven herrschte und zu Reichtum kam. Doch den Herrschaftssitz ihrer Dynastie hat sie genauso verloren wie ihren Job als Lehrerin. Jetzt sucht sie bei der jüngeren Schwester Unterschlupf.
Das Drama von Tennessee Williams macht von seiner Uraufführung 1947 an Furore; der gleichnamige Film mit Marlon Brando und Vivien Leigh erhielt 1952 vier Oscars. 1998 wurde die gleichnamige Oper des Dirigenten und Komponisten André Previn in San Francisco uraufgeführt.
Previn hat dabei aus dem Fundus der Musikgeschichte von der spätromantischen Oper bis zum Jazz geschöpft. Da gibt es zwar Inseln mit beschaulichem, langsamem Walzer und lustigen Jazzklängen. Aber jenseits davon ist die Musik so hysterisch überdreht wie die Protagonistin Blanche und so hässlich und brutal wie der Klassenkampf, der in diesem Stück ausgetragen wird. Zusätzliche Bedeutungsebenen eröffnet Previns Musik allerdings nicht. Stattdessen illustriert und verstärkt er das Wort, die Borniertheit der Figuren, die Brutalität des Dramas, kurz: die Unerträglichkeit dessen, was auf der Bühne passiert.
Blanche als Repräsentantin einer untergegangenen Zeit trifft hier auf ein Amerika auf der Suche nach neuer Identität. Dafür steht der polnischstämmige Stanley Kowalski als Gegenpol in einem brisanten Hochspannungsfeld.
Die mondäne Dame träumt und lügt sich eine eigene Welt hinein, biegt sich die eigene Vergangenheit und die Gegenwart zurecht, beleidigt Stanley rassistisch. Dabei bewegt sie sich permanent an der Grenze zur hysterischen Überdrehtheit, die ihr Previn auch in die Partie komponiert hat.
Susann Vent-Wunderlich war in dieser Spielzeit schon die Senta in Richard Wagners „Fliegendem Holländer“ und die Lady Macbeth in Verdis Shakespeare-Oper „Macbeth“. Jetzt singt sie ihre dritte große Partie, die perfekt zu ihr passt. Blanche hadert mit dem Älterwerden, sie hadert mit der neuen Umgebung, sie reizt im krampfhaften Versuch, die verlorene Jugendlichkeit festzuhalten. Dazu reizt sie ihre Verführungskünste aus, beim Zeitungsjungen (Vincent Debus), bei Stanley – dem Mann ihrer Schwester! – und bei Mitch, den sie sich als neuen Partner auserkoren hat.
Vent-Wunderlich zeigt prägnant Ekel und gefühlte Überlegenheit ihrer Figur, und dank der Größe ihres dramatischen Soprans wird deutlich, wie sich Blanche permanent an der Grenze zur Hysterie und jenseits davon bewegt. Aber auch die lyrischen Momente kostet Vent-Wunderlich aus, die in Verlorenheit münden, nachdem Stanley Blanche seelisch zerstört hat.
Auch dieser Stanley hat in Jan Friedrich Eggers einen vortrefflichen Sängerdarsteller. Denn man spürt: Dieser Mann kann jederzeit explodieren. Er packt seine Frau Stella am Hals, er schlägt sie zu Boden, er fordert Unterwerfung, und das zeigt Eggers eindrucksvoll. Und auch stimmlich setzt er den Stanley mit klarem Bariton und Gewalt in der Stimme um.
Susanna Edelmann schließlich präsentiert sich als Stella Kowalski mal jenseits von Musical und Operetten-Nebenrollen als Darstellerin und als profilierte Sängerin. Stellas Loyalitätskonflikt zwischen Schwester und Ehemann macht sie erlebbar, und wenn es eine Figur gibt, die Sympathien auf sich zieht, ist es diese Stella – auch dank des lyrischen Soprans, den Edelmann wunderbar aufblühen lässt.
Florian Wugk überzeugt als Stellas potenzieller neuer Mann mit seinem Tenor und mit seiner Präsenz auf der Bühne, und das gilt auch für Nadia Steinhardt in einer Doppelrolle als Nachbarin Eunice und als Blumenfrau und ihren beeindruckenden Mezzosopran.
Sie alle werden sängerisch getragen vom Osnabrücker Symphonieorchester unter seinem Chef Christopher Lichtenstein. Er hält die Fäden der rhythmisch komplexen Partitur zusammen und eröffnet den Sängern bei aller Klanggewalt die Räume, in denen sie sich nuanciert entfalten können.
Unbarmherzig läuft das Stück schließlich auf die Katastrophe zu: Stanley und Blanche treffen allein aufeinander. Die Musik ist leise, aber umso spannungsgeladener. Schließlich dreht der Campingwagen dem Publikum seine offene Rückseite zu, und zu einem brutalen Orchesterstück wird das Publikum Zeuge, wie Stanley Blanche vergewaltigt – unter den Augen der Pokerfreunde Mitch und Steve (Mark Hamman) sowie des Zeitungsjungen.
Das ist umso unerträglicher, weil Mokruschs Inszenierung ins düstere Herz der USA blickt und auf alle Gesellschaften, in denen Willkür und Rücksichtslosigkeit an die Stelle von Moral und Ethik getreten sind. Gerade deshalb ist der Abend so sehens- und hörenswert.