Kriminalstatistik  Kriminalität sinkt in Norden, doch Gewalt unter Kindern steigt

Rebecca Kresse
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Von Rebecca Kresse
| 05.05.2026 11:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Zahl der Körperverletzungen unter Kindern und Jugendlichen im Bereich des Polizeikommissariats Norden hat im vergangenen Jahr zugenommen. Symbolbild: DPA
Die Zahl der Körperverletzungen unter Kindern und Jugendlichen im Bereich des Polizeikommissariats Norden hat im vergangenen Jahr zugenommen. Symbolbild: DPA
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Sexualdelikte und Körperverletzung nehmen bei Kindern und Jugendlichen zu. Insgesamt meldet die Polizei für 2025 jedoch sinkende Fallzahlen und eine hohe Aufklärungsquote.

Norden - Weniger Gewalttaten, weniger Raubdelikte, weniger Bedrohungen und schwere Körperverletzungen – wer die Kriminalitätsstatistik der Norder Polizei liest, könnte meinen, alles ist gut im Altkreis Norden. Die Zahl der Straftaten ging im Jahr 2025 deutlich zurück. Gleichzeitig bleibt die Aufklärungsquote hoch und liegt über dem Landesdurchschnitt. So weit so gut. Wäre da nicht der Bereich der Kinder- und Jugendkriminalität. Denn ausgerechnet bei den Jüngsten sieht das Bild anders aus. Eine Entwicklung, die auch den Polizeibeamten Sorgen bereitet.

Zwar sank auch bei den Kindern und Jugendlichen im Alter unter 14 Jahren insgesamt die Zahl der Straftaten von 389 im Jahr 2024 auf 367 Taten im Jahr 2025. Die Zahl der Körperverletzungen (von 70 auf 79 Taten) und die Zahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (von 31 auf 48 Taten) nahmen aber zu. Dazu gehören unter anderem auch Nacktbilder von Gleichaltrigen, die auf dem Schulhof gezeigt werden, erklärte Michael Pape, Erster Kriminalhauptkommissar und Leiter Kriminalermittlungsdienst. Nach Angaben des Kommissariats nahm die Zahl der entsprechenden Delikte in dieser Altersgruppe zu – obwohl andere Bereiche wie Sachbeschädigungen, Beleidigungen und Diebstähle rückläufig waren. Warum es ausgerechnet hier mehr Fälle gab, sei unklar, teilte die Polizei mit.

Sexualdelikte werden auch bei Kindern verfolgt

„Zwar sind diese Kinder keine echten Sexualstraftäter“, sagte Pape. Die Fälle würden aber trotzdem gleich verfolgt, auch um ein Zeichen zu setzen. Klar ist: „Das stellt eine Straftat dar“, machte Pape deutlich. Entsprechende Handys werden von der Polizei sichergestellt und zurückgesetzt. „Es passiert etwas, aber das ist eher erzieherisch, um den Kindern klar zu machen, dass sie mit ihren Daten und Bildern aufpassen müssen“, sagte Pape. Sollte sich dabei ein Fall auftun, bei dem die Polizei mehr vermutet, wenn die Beamten denken, „da schlummert etwas, was vielleicht Hilfe benötigt“, dann werde das erste Fachkommissariat in Aurich dort ein Auge darauf nehmen, so Pape.

Polizeioberrat Ingo Brickwedde, Leiter des Polizeikommissariats Norden, Erster Kriminalhauptkommissar Michael Pape, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes, und Kriminaloberkommissar Arthur Hopp, Spezialist für Ermittlungen im Bereich Betrug und Internetkriminalität, präsentierten die Kriminalstatistik. Foto: Rebecca Kresse
Polizeioberrat Ingo Brickwedde, Leiter des Polizeikommissariats Norden, Erster Kriminalhauptkommissar Michael Pape, Leiter des Kriminal- und Ermittlungsdienstes, und Kriminaloberkommissar Arthur Hopp, Spezialist für Ermittlungen im Bereich Betrug und Internetkriminalität, präsentierten die Kriminalstatistik. Foto: Rebecca Kresse

Eine glasklare Erklärung für die Zunahme an Körperverletzungen unter Kindern und Jugendlichen hat die Norder Polizei nicht – auch nach Gesprächen mit den Beamten, die für die Jugendlichen zuständig sind. Das gibt Michael Pape zu. Es gebe Fälle, bei denen die Eltern angezeigt haben, nachdem ihre Kinder auf dem Schulhof geschlagen worden sind. Vor allem aus der Grundschule Im Spiet sind Pape mehrere Anzeigen bekannt, nach Schlägereien auf dem Schulhof, bei denen es sich auch nicht nur um kleine Rangeleien, sondern um echte Körperverletzungen gehandelt hat.

Polizei rät Eltern bei klarer Gewalt zur Anzeige

Natürlich gehe es bei den Kindern und Jugendlichen noch um Erziehung. Trotzdem gebe es Grenzen. „Es gibt die Rauferei, pubertäts- und altersbedingt, die auch nicht in Ordnung ist, aber passiert“, so Pape. Es gebe aber auch Dinge, die „eskalieren, bei der die innere Schranke überschritten wird“. In diesen Fällen rät Pape den Eltern ganz klar dazu, die Fälle anzuzeigen. „Es muss bei so etwas eine Null-Toleranz-Regel gelten, vor allem auch dann, wenn es Wiederholungstäter sind“, bekräftigte auch der Leiter des Polizeikommissariats (PK) Norden, Ingo Brickwedde.

Es gebe Menschen, bei denen eine Entwicklung vorgezeichnet ist, und diese bräuchten ganz, ganz früh den Kontakt mit der Polizei, um zu erkennen, dass solche Taten Folgen haben, dass die Polizei an der Tür klingelt, sie vielleicht mit in ein Büro gehen müssen. „Wenn ein Brief der Polizei ins Elternhaus kommt, hat das eine Wirkung“, so Pape.

Bei Erwachsenen weniger Gewalt- und Rohheitsdelikte, weniger Raub

Damit zeigt die Kriminalstatistik zwei Seiten: Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Gewalt unter Kindern und Jugendlichen genauer in den Blick genommen werden muss – aber gleichzeitig insgesamt weniger Straftaten und viele rückläufige Deliktbereiche.

Denn bei den Erwachsenen verzeichnet die Polizei auch bei Gewalt- und Rohheitsdelikten insgesamt einen Rückgang (von 909 Taten im Jahr 2014 auf 769 Taten im Jahr 2025) Raubdelikte wurden seltener registriert, ebenso Körperverletzungen insgesamt (von 591 auf 486 Taten). Laut Polizei gingen dabei sowohl gefährliche und schwere Körperverletzungen als auch einfache Körperverletzungen zurück. Ein Grund dafür sieht Pape in der besseren Verzahnung von Kommunen, Polizei, Sicherheitskräften. „Wir arbeiten zum Beispiel auf Festen besser zusammen und agieren am besten im Vorfeld schon so, dass die Hemmschwelle größer ist, Straftaten jeglicher Art zu begehen“, so Pape.

Weniger Angriffe auf Einsatzkräfte

Zudem wurden weniger Bedrohungen und weniger Beleidigungen erfasst. Viele Aggressionstaten wie Körperverletzungen, Bedrohungen und Beleidigungen passierten nach Angaben der Ermittler weiterhin häufig im häuslichen Umfeld – nicht selten unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Aber auch die angezeigten Fälle häuslicher Gewalt nahmen ab.

Deutlich gesunken ist außerdem die Zahl der Gewalthandlungen gegen Polizeibeamte. Ingo Brickwedde spricht von einer erfreulichen Entwicklung, macht aber zugleich klar: Jeder einzelne Fall müsse ernst genommen werden, der Schutz von Einsatzkräften habe Priorität – ausdrücklich auch für Feuerwehr und Rettungsdienste.

Bei Eigentumsdelikten zeigt die Statistik ebenfalls nach unten. Die Zahl der Diebstähle ging zurück, ebenso Wohnungseinbrüche. Die Polizei verweist auf Präventionsarbeit und gezielte Ermittlungsaktionen, etwa gegen reisende Tätergruppen.Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz wurden im Bereich des PK Norden seltener erfasst. Gleichzeitig beobachtet die Polizei nach eigener Analyse, dass im Altkreis Norden aber mehr Kokain konsumiert wird. Bei Betrugs- und Vermögensdelikten bleibt das Internet ein wichtiger Tatort: Klassischer Waren- und Warenkreditbetrug im Netz macht weiterhin einen großen Anteil aus, wenn auch mit leicht sinkender Tendenz. Ermittler warnen zudem vor immer professionelleren Betrugsmaschen – auch mithilfe Künstlicher Intelligenz – sowie vor unseriösen Anlageversprechen.

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