Abwasser  Warum haben viele Wiesmoorer keinen Kanalanschluss?

| | 05.05.2026 15:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Betriebsleiter Derrick Saathoff an der neuen Pumpstation in Marcardsmoor. Im Hintergrund ist die alte EWE-Kläranlage zu sehen. Das bisher dort behandelte Abwasser wird jetzt ins Wiesmoorer Zentrum geleitet. Foto: Böning
Betriebsleiter Derrick Saathoff an der neuen Pumpstation in Marcardsmoor. Im Hintergrund ist die alte EWE-Kläranlage zu sehen. Das bisher dort behandelte Abwasser wird jetzt ins Wiesmoorer Zentrum geleitet. Foto: Böning
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In Wiesmoor sind nur 75 Prozent der Einwohner an die zentrale Kanalisation angeschlossen. Bundesweit liegt der Anteil bei 96,3 Prozent. Doch einige Nachbarn schneiden noch schlechter ab.

Wiesmoor - Von der neuen, fünf Kilometer langen Druckrohrleitung und dem zusätzlichen Abwasser aus Marcardsmoor merkt Derrick Saathoff in seinem Dienst in der Kläranlage in Wiesmoor erst einmal wenig. Über die Leitung wird das Abwasser von rund 300 Marcardsmoorern seit Februar in die Kläranlage am Rotenburger Weg im Zentrum gefördert. Was neu ist: Das Team der Kläranlage betreut jetzt die neue Pumpstation vor der alten Kläranlage der EWE. Dort waren die Marcardsmoorer bislang angeschlossen. Die Kläranlage ist inzwischen aus Altersgründen stillgelegt worden.

Die Auszubildende Tabea Heeren an der neuen Pumpstation in Marcardsmoor. Foto: Nicole Böning
Die Auszubildende Tabea Heeren an der neuen Pumpstation in Marcardsmoor. Foto: Nicole Böning

Insgesamt haben nach Angaben des technischen Bauamts mit dem Bau der neuen Leitung jetzt rund 10.800 der etwa 14.000 Einwohner der Blumenstadt Anschluss an die zentrale Kanalisation. Damit steigt die Anschlussquote an die städtische Kläranlage auf knapp 75 Prozent – im bundesweiten Vergleich ist das wenig: In Deutschland sind insgesamt 96,3 Prozent der Menschen an eine öffentliche Kanalisation angeschlossen. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes von November 2024 hervor. Doch warum hinkt Wiesmoor beim Anschluss an das Kanalnetz hinterher?

Ist die Anschlussquote Wiesmoors eine Ausnahme?

Eins vorab: Wiesmoor ist mit seiner niedrigen Anschlussquote nicht allein. Wie es in Ostfriesland insgesamt aussieht, lässt sich zwar nur auf Landkreisebene sagen, heißt es aus dem Landesamt für Statistik Niedersachsen (LSN). Doch auch diese Daten sind aussagekräftig. In der LSN-Auswertung des Jahres 2022 liegt der Anschlussgrad an die zentrale Abwasserversorgung im gesamten Landkreis Aurich bei gerade einmal 87,7 Prozent. Damit belegt der Landkreis auf Rang 33 von 37 niedersächsischen Landkreisen. Im benachbarten Landkreis Wittmund sieht es mit gerade einmal 70,1 Prozent sogar noch düsterer aus. Mit dem Wert landet er in Niedersachsen auf Rang 36 von 37 Landkreisen – nur Lüchow-Dannenberg kann den Negativ-Rekord toppen.

Derrick Saathoff an der neuen Pumpenanlage, die das Abwasser in Richtung der Kläranlage in der Rotenburger Straße drückt. Im Hintergrund ist die alte EWE-Kläranlage zu sehen. Foto: Nicole Böning
Derrick Saathoff an der neuen Pumpenanlage, die das Abwasser in Richtung der Kläranlage in der Rotenburger Straße drückt. Im Hintergrund ist die alte EWE-Kläranlage zu sehen. Foto: Nicole Böning

Beide Landkreise gehören zu den am dünnsten besiedelten Landkreisen Niedersachsens. Viel Fläche und wenig Einwohner sind aber nicht immer ein Grund für geringe Anschlussquoten. Holzminden liegt trotz seiner gerade einmal 94 Einwohner je Quadratkilometer mit einer Anschlussquote von 99 Prozent laut LSN fast auf Stadt-Niveau. Auch die anderen Landkreise auf der ostfriesischen Halbinsel liegen durchweg im letzten Drittel: der Landkreis Leer mit 91,9 Prozent (Rang 26) und der Landkreis Friesland mit 90,9 Prozent (Rang 29). Die Städte laufen außer Konkurrenz: Die kreisfreien Städte Emden (98,4 Prozent) und Wilhelmshaven (98,9 Prozent) schaffen fast den Vollanschluss.

Warum ist der Anschlussgrad in Wiesmoor so niedrig?

Dass Wiesmoor beim Kanalanschluss hinterherhinkt, hat nach Angaben der Verwaltung nichts mit der Leistungsfähigkeit der Kläranlage zu tun. Denn sie ist auf 19.000 Einwohnerwerte ausgelegt – also mehr Einwohner, als Wiesmoor in den kommenden Jahrzehnten haben wird. Vielmehr sind große Entfernungen zu noch nicht angeschlossenen Bereichen Wiesmoors der Grund für die niedrige Quote – und die damit verbundenen hohen Kosten für den Ausbau der Kanalisation.

Blick in die neue Abwasser-Pumpstation in Marcardsmoor: Von hier wird das Schmutzwasser über die Druckrohrleitung zur Kläranlage am Rotenburger Weg gefördert. In der kurzen Zeit hat sich hier bereits eine beachtliche Menge an Feuchttüchern und Lappen angesammelt. Foto: Nicole Böning
Blick in die neue Abwasser-Pumpstation in Marcardsmoor: Von hier wird das Schmutzwasser über die Druckrohrleitung zur Kläranlage am Rotenburger Weg gefördert. In der kurzen Zeit hat sich hier bereits eine beachtliche Menge an Feuchttüchern und Lappen angesammelt. Foto: Nicole Böning

Wie hoch die Kosten pro Leitungskilometer sind, lässt sich am aktuellen Projekt in etwa abschätzen. Zwar hat die Stadt die finalen Kosten für die neue Druckrohrleitung aus Marcardsmoor nicht offiziell genannt. Doch im Haushaltsentwurf 2024 waren dafür 1,5 Millionen Euro eingeplant. Bei 5,5 Kilometern Strecke entspricht das rund 270.000 Euro pro Kilometer – und ist im Vergleich mit anderen Projekten eher günstig. Doch Marcardsmoor liegt mit zwei Kilometern Luftlinie noch vergleichsweise nah am Klärwerk – andere Ortsteile haben es wesentlich weiter.

Für welche Ortsteile ein Anschluss eher unwahrscheinlich ist

Das gilt zum Beispiel für bisher kaum angeschlossenen Ortsteile wie Voßbarg oder Zwischenbergen. Zwischenbergen ist laut Google Maps rund 7,8 Kilometer Luftlinie von der Kläranlage entfernt, Voßbarg gut vier Kilometer. Dort wird das Abwasser wie in Teilen Mullbergs und Wiesederfehns auch durch dezentrale Kleinanlagen aufbereitet. Der anfallende Klärschlamm wird im Auftrag der Stadt nach Angaben des technischen Bauamts regelmäßig durch die Firma Terhaseborg aus Westerstede abgeholt – kommt also per „Taxi“ in die Kläranlage.

Daran wird sich laut Stadtverwaltung auch so bald nichts ändern. In Voßbarg und Zwischenbergen ist ein Kanalanschluss auf absehbare Zeit kaum zu erwarten, bestätigt Dietmar Schoon vom technischen Bauamt – ebenso in großen Teilen von Mullberg. Schon 1997 hat der Rat dort per Satzung große Bereiche der dezentralen Abwasserbeseitigung zugeordnet: In Zwischenbergen gilt das für die komplette Gemarkung, in Voßbarg für fast das gesamte Gebiet.

Wo die Wiesmoorer auf einen Kanalanschluss hoffen dürfen

Wo die Wiesmoorer dagegen weiter auf einen Kanalanschluss hoffen dürfen, sind die Bereiche entlang der neuen Trasse von Marcardsmoor ins Zentrum. Schoon nennt hier Teile des Bootswegs, der Straße An der Schleuse und der Wittmunder Straße. In der Karte der Stadt zur Druckrohrleitung sind außerdem perspektivisch Anschlüsse für weitere Gebäude an der Schulstraße sowie an der Ulmenstraße und am Ahornweg vermerkt. Auch an der Stelzenwieke, der Rolofswieke und der Luisenwieke gebe es Anschlussmöglichkeiten, so Schoon.

Ein weiterer Schub für die Anschlussquote ist durch die Neubaugebiete zu erwarten. Denn dort werden die Grundstücke in der Regel voll erschlossen angeboten – der Kaufpreis enthält also auch Erschließungs- und Kanalbaubeiträge. Die Zahl der angeschlossenen Haushalte könnte dadurch beachtlich steigen: Allein im Baugebiet C 15 „Am Promenadentief“ wurden nach Angaben der Stadt 55 Grundstücke ausgewiesen. Weitere Flächen werden vorbereitet. Jede neue Straße mit Kanalanschluss bringt damit Stück für Stück mehr Haushalte ans Netz – und lässt den Anschlussgrad langfristig steigen.

Was wird aus der EWE-Kläranlage in Marcardsmoor?

In den kommenden Monaten läuft die Zeit der alten Kläranlage in Marcardsmoor endgültig ab: Die Stadt Wiesmoor muss sie zurückbauen – und will dafür als nächsten Schritt die Betonschnittarbeiten vergeben. „Die Elektrik ist bereits ausgebaut“, sagt Derrick Saathoff. Wenn das Kläranlagen-Team aus Wiesmoor die letzten Becken abgepumpt hat, ist für sie das Thema abgeschlossen. Welche Auswirkungen die neuen Anschlüsse aus Marcardsmoor im Betrieb haben, lässt sich nach Einschätzung des Kläranlagen-Teams erst mit etwas Abstand sagen.

Saathoff rechnet damit, dass sich Veränderungen – etwa bei Mengen und der Belastung des Abwassers – erst im Vergleich über den Jahresverlauf zeigen. Klar ist aber schon jetzt: Im Abwasser landet auch durch die neu angeschlossenen Wiesmoorer vieles, was dort nicht hingehört. In der neuen Pumpstation in Marcardsmoor fanden die Mitarbeiter bei einem Kontrollblick unter anderem Lappen und Feuchttücher – Dinge, die Pumpen und Anlagen zusetzen und dem Kläranlagen-Team die Arbeit unnötig erschweren.

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