Europa-League-Finale Neue Dimension: Freiburgs bemerkenswerter Weg nach Istanbul

Kristina Puck, dpa
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Von Kristina Puck, dpa
| 19.05.2026 13:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Julian Schuster jubelte emotional über den Finaleinzug - und möchte seinen Weg mit dem SC Freiburg nun krönen. (Archivbild) Foto: Tom Weller
Julian Schuster jubelte emotional über den Finaleinzug - und möchte seinen Weg mit dem SC Freiburg nun krönen. (Archivbild) Foto: Tom Weller
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Der SC Freiburg steht vor dem größten Spiel der Clubhistorie. Es winkt der Europapokal-Triumph mit einer Philosophie, die auf Konstanz und Eigengewächse setzt. Auch Joachim Löw ist voll des Lobes.

Vom beschaulichen Südbaden in die pulsierende Millionen-Metropole Istanbul, als kleiner Bundesligist auf die große Bühne: Der SC Freiburg steht am Bosporus am Ende einer denkwürdigen Saison und kann diese mit dem Titel in der Europa League perfekt vollenden. Ein Triumph über Aston Villa am Mittwoch (21.00 Uhr/RTL) wäre ein bemerkenswertes Statement auf dem Freiburger Weg.

Es ist eine vielleicht einmalige Chance. Und viele deutsche Fans drücken für das größte Spiel der Freiburger Vereinsgeschichte die Daumen. „Warum sollen wir das Ding nicht holen?“, fragte Kapitän Christian Günter im RTL-Interview. Der Linksverteidiger steht ebenso wie Abwehrchef Matthias Ginter sinnbildlich für die erfolgreiche Fußball-Philosophie der Breisgauer.

Ex-Bundestrainer Löw lobt Freiburger Weg

„Es haben schon größere und auch schon kleinere Vereine als der SC Freiburg Finalspiele gewonnen“, meinte Ginter. „Es ist ein sehr, sehr großes Zeichen, wie sich der Verein die letzten Jahrzehnte, aber vor allem auch die letzten Jahre entwickelt hat.“ Es sei jetzt das Ziel, „diese Hemmschwelle“ der titellosen Zeit zu überbrücken und dieses Endspiel „als kleinen Startschuss“ zu sehen. 

33 Jahre ist es her, dass der SC mit anfangs beschränkten finanziellen Mitteln erstmals in die Bundesliga aufgestiegen ist. Spätestens jetzt ist der Verein in eine neue Dimension aufgestiegen. Man müsse den Club wirklich bewundern, würdigte Weltmeister-Trainer Joachim Löw. „Viele Vereine können sich an Freiburg ein echtes Beispiel nehmen“, sagte der 66-Jährige. Ein langer Atem zahle sich aus, der Erfolg sei kein Zufall, so der Ex-Bundestrainer. 

Es ist eine beachtliche Geschichte. Nicht der FC Bayern, sondern Freiburg vertritt die Bundesliga in einem europäischen Finale. Ein Triumph gegen den klaren Favoriten aus Birmingham würde den SC erstmals in die Champions League und auf ein neues Level katapultieren. Ohnehin hat sich der Club verglichen mit den Anfangszeiten in Liga eins in andere finanzielle Sphären entwickelt.

Millionen-Einnahmen stehen auf dem Spiel

In dieser Saison summieren sich die Einnahmen aus Startgeld und Prämien im UEFA-Wettbewerb auf 33 Millionen Euro. Weitere zehn Millionen Euro würde der Finalsieg im Besiktas-Stadion einbringen. Mit dem Einzug in die lukrative Königsklasse wäre allein ein Antrittsgeld von gut 18 Millionen Euro verknüpft.

Möchten auch nach dem Endspiel wieder jubeln: Noah Atubolu (l) und Lucas Höler (r). (Archivbild) Foto: Tom Weller
Möchten auch nach dem Endspiel wieder jubeln: Noah Atubolu (l) und Lucas Höler (r). (Archivbild) Foto: Tom Weller

Jahrelang pflegte der SC sein Image als bescheidener Club, übte sich in Understatement. Man könne nicht mehr vom kleinen SC Freiburg sprechen, meinte Torhüter Noah Atubolu. „Wir stehen in einem Europa-League-Finale“, sagte der 23-Jährige. „Wir spielen seit Jahren immer um die internationalen Plätze.“ 

Freiburger Fußballschule ein Erfolgsfaktor

Atubolu ist eines der noch immer zahlreichen Eigengewächse, die die Erfolgsstory mitschreiben. Dazu zählt auch der zwischenzeitlich abgewanderte und zurückgekehrte Ginter. Oder Günter, der zwar nicht mehr unersetzliche Stammkraft, aber unumstrittene Führungskraft ist. Oder Nicolas Höfler, der in dieser Saison lange abgeschrieben schien, beim 3:1 im Halbfinale gegen Sporting Braga aber wieder eine entscheidende Rolle einnahm. Sie alle stehen für Geschlossenheit. Keiner nimmt sich zu wichtig. Auch Julian Schuster nicht. 

Der Coach ist als einstiger Kapitän und Verbindungstrainer bestens mit Freiburgs System vertraut. Rasant hat sich der SC mit ihm von der Streich-Ära gelöst und diese sogar übertroffen. „Er holt aus dieser Mannschaft mehr heraus, als von der Papierform möglich ist“, lobte Clubikone Nils Petersen. 

Nachdem die Freiburger 2023 und 2024 im Achtelfinale der Europa League klar die Grenzen aufgezeigt bekommen haben, ist das Selbstvertrauen mittlerweile gestiegen. Die Haltung hat sich gewandelt, auch wenn dieser Schritt bis ins internationale Endspiel überraschend kommt. War die Freude 2022 beim ersten nationalen Finale der Clubhistorie im DFB-Pokal noch groß, überhaupt dabei zu sein, soll jetzt der erste Titel her. Letzter deutscher Titelträger und einziger seit der Wettbewerb Europa League heißt, ist Eintracht Frankfurt (2022).

Europa lernt Freiburg kennen

Die Außenseiterrolle gegen Aston Villa soll die Badener nicht abschrecken. „Ich habe gehört, sie kennen fast gar keinen aus unserem Team“, sagte Verteidiger Lukas Kübler. „Vielleicht können wir ihnen auf dem Platz zeigen, wer wir sind.“ 

Julian Schuster mischte sich nach dem Finaleinzug unter die Massen. (Archivbild) Foto: Tom Weller
Julian Schuster mischte sich nach dem Finaleinzug unter die Massen. (Archivbild) Foto: Tom Weller

Der Hype in Freiburg ist noch einmal gewachsen

In Freiburg ist die Euphorie gewaltig. In 15 Minuten waren alle 11.000 Tickets für Istanbul vergriffen, 62.000 Fans fragten Karten an. „Die Leute sind hyped auf dieses Finale“, sagte Keeper Atubolu.

Wenn man an den friedlichen Platzsturm nach dem Finaleinzug zurückdenkt, an die Spieler, von Fans auf Schultern getragen, oder an den weinenden Schuster, ist kaum auszumalen, welche Emotionen im Falle eines Triumphs ausbrechen. „Ob ein Spiel ein Jahrhundertspiel ist, wissen wir im Fußball, wenn es vorbei ist“, meinte Ex-Präsident Fritz Keller. Spätestens im Erfolgsfall ist es mit dem Image des kleinen SC Freiburg vorbei.

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