Ostfriesland

Ein technokratischer Taschenspielertrick

Fabian A. Scherschel
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Von Fabian A. Scherschel
| 28.04.2020 19:15 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Kann eine Corona-Warn-App tatsächlich dazu beitragen, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen? Der Journalist und IT-Experte Fabian A. Scherschel ist skeptisch. Ein Gastkommentar.

Ostfriesland - Die Politik hat sich mit den corona-bedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens in eine Sackgasse manövriert, aus der es jetzt einen Ausweg zu finden gilt. Nicht nur sorgt das Kontaktverbot für enorme wirtschaftliche Schäden, es verursacht auch heute schon direktes Leid bei großen Teilen der Bevölkerung. Die Verantwortlichen wissen, dass sich dieser Zustand nicht auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten lässt. Denn irgendwann platzt auch dem geduldigsten Bürger die Hutschnur. Wohnungsgrößen in Deutschland sind in der Regel einfach nicht darauf ausgelegt, dass Vater und Mutter beide von zu Hause arbeiten, während die Kinder um sie herumturnen. So kann man kurzzeitig einen Notstand überbrücken, aber auf Dauer funktioniert das nicht.

Fabian A. Scherschel Bild: Privat
Fabian A. Scherschel Bild: Privat
Deswegen muss jetzt eine Corona-Warn-App her. Denn wir haben vom US-Konzern Apple gelernt, dass es für alles die passende App gibt. Nur leider stimmt vieles von dem, was in der Werbung gesagt wird, nicht. Wenn man sich die Konzepte für Corona-Apps anguckt, stellt man schnell fest, dass die meisten davon hauptsächlich dazu taugen, dem Staat zu berichten, was wir so den ganzen Tag machen – oder schlimmer. In weniger demokratischen Ländern wie China wurden die Apps dazu genutzt, die Bevölkerung direkt zu kontrollieren: Wer verdächtigt wird, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, darf sich im öffentlichen Raum nicht mehr bewegen. Die App wird gewissermaßen zum digitalen Seuchenpass.

Mehr als die Hälfte aller Bundesbürger müsste die App nutzen

Der Autor

Fabian A. Scherschel ist freier Investigativjournalist und Podcaster. Er schreibt und spricht auf Deutsch und Englisch über IT-Sicherheit, Datenschutz und Open-Source-Software. In seiner bisherigen beruflichen Laufbahn war er unter anderem Reporter für Linux-Themen bei einer Nachrichtenseite in London und Redakteur beim Computermagazin „c’t“, wo er sich auf die Berichterstattung über Hackerangriffe spezialisiert hat.

Und selbst die Vorschläge, die aus Datenschutz-Sicht erst einmal unbedenklich sind, haben ein riesiges Manko: Sie funktionieren wahrscheinlich gar nicht. Denn die Bluetooth-Technik moderner Handys, mit der die geplante Warn-App den Abstand von Menschen zueinander erkennen soll, wurde dafür entwickelt, Kopfhörer zu steuern – und nicht, um die Verbreitung von Viren nachzuempfinden.

Nur weil mein Handy nah am Handy einer anderen Person ist, bin ich noch lange nicht ansteckungsgefährdet. Es könnte sich zum Beispiel eine Glasscheibe zwischen uns befinden. Zumal selbst nach konservativen Schätzungen von Experten weit mehr als die Hälfte aller Bundesbürger so eine App installieren müsste, damit sie uns auch nur annähernd verlässlich vor einem Bruchteil der drohenden Ansteckungen warnen könnte. Und was genau würde mich dazu bewegen, so eine App zu installieren? Sie schützt mich ja nicht vor einer Coronavirus-Infektion. Sie soll nur verhindern, dass ich andere anstecke, falls ich später herausfinde, dass ich selbst infiziert bin. Der einzige Grund dafür, so eine App zu installieren, ist also, weil man daran glaubt, dass genügend andere Leute das auch tun werden, damit wir dann alle zusammen die Allgemeinheit schützen können.

Nicht jedes Problem lässt sich mit Technik lösen

Stellen wir uns einmal einen von der Pandemie ans Existenzlimit gebrachten Mindestlohn-Empfänger vor, der sich freut, endlich wieder zur Arbeit gehen zu können, weil er dann seine Familie ernähren kann. Wird der freiwillig eine App installieren, die ihm dann vielleicht sagt, dass er zu Hause bleiben muss? Und dann eventuell auch noch ganz grundlos, weil die Technik nicht richtig funktioniert und viel zu viele Leute warnt? Ich würde an seiner Stelle einen weiten Bogen um so eine App machen. Ich hätte doch in der jetzigen Situation auch so schon genug Probleme. Da brauche ich keine App, die mich dann noch zusätzlich in Quarantäne schickt – basierend auf Technik, die ich eh nicht richtig verstehe. Und alles nur aus einer vagen Motivation heraus, etwas Gutes für die Gesellschaft getan zu haben.

Diese Corona-Warn-Apps sind Luftschlösser von Technokraten, die denken, dass man alle Probleme mit Technik lösen kann. Man kann aber nicht alle Probleme mit Technik lösen. Die Nerds und Start-up-Hipster werden sich wohl oder übel daran gewöhnen müssen, dass sie auch dieses Mal nicht die Welt retten werden. Wir können schon froh sein, wenn sie uns nicht noch weiter in einen ohnehin schon an George Orwell erinnernden Datenschutz-Alptraum hineinmanövrieren. Als hätten wir ihrem technischen Fortschritt nicht auch so schon genug Spionage, Hackerangriffe und Datenlecks zu verdanken, die dazu führen, dass unsere Privatsphäre heutzutage im digitalen Raum – und zunehmend auch offline – kaum noch existent ist.

Politiker dürfen sich nicht hinter einer App verstecken

Wir brauchen keine Corona-App. Wir brauchen eine vernünftige Analyse der Daten, die eh schon zentral bei Bundesbehörden wie dem Robert-Koch-Institut (RKI) vorliegen. Und dann brauchen wir Politiker, die diese Daten rational bewerten und zwischen dem Wohl der Allgemeinheit und den Rechten des Einzelnen abwägen – wie es seit jeher ihre Aufgabe war.

Deswegen haben wir sie gewählt und dafür bezahlen wir sie. Nicht dafür, dass sie unser Geld ein paar Start-ups hinterherschmeißen, die magische Lösungen mit Apps und künstlicher Intelligenz versprechen – das sind technokratische Taschenspielertricks. Unsere Regierungschefs auf Bundes- und Länderebene wollten Verantwortung über das Wohlergehen ihrer Bürger haben, als sie sich zur Wahl gestellt haben. Jetzt sollen sie die auch bitte annehmen und Entscheidungen treffen, ohne sich hinter den Meinungen von Wissenschaftlern oder einer App wegzuducken.

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