Politik
Wenig Naturschutz: Kompromiss zum Fehntjer Tief in Sicht
Das Fehtnjer Tief ist ein Paradies für Wiesenvögel und muss unter Schutz gestellt werden. Die EU droht mit Bußgeldern. Landwirte fürchten Einschränkungen. Nun ist ein Kompromiss in Sicht.
Aurich - Die Kuh ist noch nicht vom Eis, doch in Sachen Fehntjer Tief rückt eine Lösung in greifbare Nähe: Die Landkreise Aurich und Leer sowie die betroffenen Landwirte haben einen Kompromiss erarbeitet. Ergebnis: Nur ein kleiner Teil der Niedermoor-Niederung in den Gemeinden Großefehn, Ihlow und Moormerland soll unter Naturschutz gestellt werden. In weiten Teilen begnügen sich die Behörden mit der Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet. Das lässt den Landwirten mehr Möglichkeiten zur Bewirtschaftung. Dann dürfen sie im Fehntjer Tief mähen, düngen und Vieh weiden lassen.
Die Zeit drängt. Bis zum 15. Oktober muss das Fehntjer Tief - wie auch das Große Meer und das Loppersumer Meer - unter Schutz gestellt werden, sonst drohen hohe Bußgelder. Diese Frist hat die niedersächsische Landesregierung den Landkreisen gesetzt. Die Europäische Union hat gegen die Bundesrepublik Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, weil sie ihrer Pflicht seit Jahren nicht nachgekommen ist. Die Gebiete fallen unter die Vogelschutzrichtlinie und die FFH-Richtlinie und gelten als besonders schützenswert. FFH steht für Flora, Fauna, Habitat. Im Fehntjer Tief brüten seltene Wiesenvögel.
Sorge um Altersvorsorge
Landeigentümer und Landwirte befürchten weitere Auflagen für die Bewirtschaftung und einen Wertverlust ihrer Flächen. Das wurde am Dienstag in der Sitzung des Auricher Kreisentwicklungsausschusses erneut deutlich. Im Publikum saß ein gutes Dutzend Landwirte mit kritischen Fragen. Jens Soeken, Landwirt aus Timmel, stellte den Kreistagsabgeordneten eine rhetorische Frage: „Würden Sie Flächen in einem Naturschutzgebiet pachten?“ Soeken zeichnete ein düsteres Bild: Für manche Landeigentümer seien die Pachteinnahmen die Altersvorsorge. Von Flächen in einem Naturschutzgebiet könnten sie jedoch nicht leben, weil diese nichts wert seien.
Baudezernent Eiko Ahten gab auf solche Fragen immer wieder dieselbe Antwort: Dass die Flächen unter Schutz gestellt werden müssen, stehe außer Frage. „Das hat die Bundesrepublik Deutschland entschieden, indem sie die EU-Verträge unterschrieben hat.“ Es gehe nicht um das Ob, sondern um das Wie. Es sei sinnvoll, wenn man vor Ort eine gemeinsame Lösung finde, statt sich Vorgaben von oben machen zu lassen, so Ahten. „Der Druck aus Hannover ist groß.“
„Das ist ein Novum“
Der Dezernent nannte Zahlen für das Fehntjer und das Bagbander Tief, die den Landkreis Aurich betreffen: Insgesamt müssten rund 800 Hektar neu unter Schutz gestellt werden. 520 Hektar davon werde man als Landschaftsschutzgebiet ausweisen, 290 als Naturschutzgebiet. Von diesen 290 Hektar wiederum befinde sich die Hälfte in öffentlichem Eigentum, also nicht im Eigentum von Landwirten. Im Landkreis Leer sehe die Verteilung ähnlich aus.
Landrat Olaf Meinen (parteilos) sprach nach der Sitzung von einem „Ergebnis, das sich sehen lassen kann“. Er und sein Leeraner Kollege Matthias Groote (SPD) hätten viele Gespräche mit Landwirten geführt. „Das ist ein Novum, dass Betroffene so intensiv eingebunden werden.“ Man sei sich allerdings noch nicht in allen Punkten einig geworden. Strittig sind die Gewässerrandstreifen. Die Landkreise wollen in einem Korridor von 20 Metern keine Düngung zulassen. Das ist den Landwirten entschieden zu viel.
„Ich weiß nicht, ob wir das noch in diesem Jahr hinbekommen“
Naturschützer sehen den Kompromiss kritisch. Der Naturschutzbund (Nabu) fordert, das Fehntjer Tief ohne Wenn und Aber unter Naturschutz zu stellen, zumindest in weiten Teilen. Das Gebiet sei „ein einzigartiger Lebensraum mit internationaler Bedeutung für viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten“, heißt es in einer Stellungnahme.
Meinen machte im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich, dass die Frist 15. Oktober nicht eingehalten werden könne. Das wisse der Umweltminister in Hannover. Die Verordnung solle zügig vom Kreistag beschlossen werden. „Aber ich weiß nicht, ob wir das noch in diesem Jahr hinbekommen“, sagte Meinen. Notfalls müsse der Innenminister ihn in Beugehaft nehmen, scherzte der Verwaltungschef.