Einzelhandel

Supermarkt ohne Verkäufer: Ist das die Zukunft des Einkaufens?

Grit Mühring
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Von Grit Mühring
| 15.10.2020 17:07 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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In Thüringen gibt es einen Dorfladen, der ohne Verkäufer auskommt. Deutschlandweit scheint es Interesse an dem Konzept zu geben. Doch in Ostfriesland ist man skeptisch.

Altengottern/Ostfriesland - Ist es die Zukunft des Einkaufens auf dem Land? Seit Januar gibt es in Altengottern (Thüringen) einen Dorfladen, der ohne Verkäufer auskommt. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ist der kleine Supermarkt geöffnet. Außer mehr als 1200 verschiedenen Produkten bieten der lokale Bäcker und Fleischer ihre Waren an. Es gibt Obst und Gemüse von Landwirten aus der Region und eine Paketstation.

„Personalkosten fressen Träume auf“, sagt Erwin Kuglmeier. Er gehört zum Gründungsteam von „Emma’s Tag- und Nachtmarkt“. Auch für einen kleinen Supermarkt in Altengottern seien die Personalkosten und weitere Ausgaben zum Problem geworden. Er schloss bereits vor längerer Zeit. Statt auf Personal setzt das Konzept von „Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ nun auf Technik. In Ostfriesland steht man dem skeptisch gegenüber.

Digitale Kundenkarte ist Türöffner

„Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ funktioniert so: Im Internet kann sich der Kunde für den Laden registrieren lassen. Einmalig bekommt er eine digitale Kundenkarte und PIN-Nummer ausgehändigt. Mit beiden erhält er Zutritt zum Laden. Bezahlt wird via EC- oder Kreditkarte an Selbstbedienungskassen.

Um Diebstahl zu vermeiden, ist jedes Produkt mit einem sogenannten RFID-Chip gesichert. Dabei handelt es sich um ein kleines Etikett, das Funkwellen sendet. Zahlt ein Kunde nicht, piept es. Zusätzlich sind im Laden Kameras installiert. Sie und die Software der Kassen sorgen zudem dafür, das verkaufte Produkte automatisch nachbestellt werden. „Es gibt einen Standortverantwortlichen“, sagt Kuglmeier. Der fülle die Regale auf und schaue auch sonst nach dem Rechten.

„Der Handel lebt von seinen Mitarbeitern“

„Als Einzelfall denkbar“, sagt Jörg Thoma, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Ostfriesland. „Viele Hofläden betreiben ja schon einen ähnlichen Verkauf, wo sich der Kunde nimmt, was er will, und das Geld dann passend – oder eben nicht – in eine Box legt.“ In der Fläche glaubt Thoma allerdings nicht an einen Erfolg. Auch komme es bei einem solchen Konzept immer auf die Branche an. „Service, persönliche Beratung werden in vielen Branchen nach wie vor großgeschrieben“, sagt Thoma. Bei einem Konzept wie in Thüringen müsse man abwägen: Verkauf oder Kundenberatung.

Ähnlich sieht das Thomas Bruns, Geschäftsführer vom E-Center Bruns in Aurich: „Der Handel lebt von seinen Mitarbeitern.“ Sie machten den Unterschied, ob der Kunde zufrieden den Markt verlässt. Bruns: „Täglich geben unsere Mitarbeiter Hilfestellung, beantworten Fragen zum Sortiment und nehmen Wünsche der Kunden auf.“ Vielleicht lasse sich die Idee von „Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ in großen Innenstädten umsetzen. „Dann aber nur als Ergänzung zu den bereits bestehenden Märkten.“

Verkaufsplattform für Landwirte

Aber genau von großen Innenstädten will „Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ sich fernhalten. „Unser Laden-Modell ist für Orte zwischen 500 und 1500 Einwohner ausgelegt“, erklärt Kuglmeier unserer Zeitung. Ziel sei es, dort Infrastruktur zu erhalten oder wieder zu schaffen, wo sich seiner Ansicht nach ohnehin kein großer Supermarkt ansiedeln würde. Gleichzeitig wolle man regionalen Anbietern eine Möglichkeit geben, ihre Waren zu verkaufen.

„Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ in Altengottern ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche geöffnet. Bild: Emma’s Tag- und Nachtmarkt
„Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ in Altengottern ist 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche geöffnet. Bild: Emma’s Tag- und Nachtmarkt
Kuglmeier kennt das Prinzip der Hofläden. Gerade in Bayern richteten viele Landwirte einen ein, investierten Hunderttausende. Aber, so Kuglmeiers Überlegung, müsse der Kunde, um alles zusammenzubekommen, trotzdem zahlreiche Kilometer abfahren. „Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ biete Landwirten die Möglichkeit, ihre Waren dort anzubieten, und den Kunden, alles an einem Standort zu bekommen.

Auch für Senioren attraktiv?

In Strackholt wird der Dorfladen von einer Genossenschaft betrieben. Christian Schöttler ist Mitglied und er gibt Kuglmeier teils recht: „Wir merken das ja bei uns selbst.“ Rund 6000 Euro müsse „Mein Dorfladen“ monatlich an Personalkosten zahlen. Es gibt vier Angestellte und zwei Aushilfen, von denen eine über das Amt finanziert wird. Schöttler: „Und das muss auch, sonst wird es eng.“

Trotzdem steht Schöttler der Geschäftsidee kritisch gegenüber. Für jüngere Leute sei das Konzept sicherlich attraktiv, aber „Dorfläden wie in Strackholt werden doch in der Regel von älteren Menschen genutzt“. Und die wünschten sich eine persönliche Ansprache. Kuglmeier relativiert: Auch immer mehr ältere Menschen nutzten „Emma’s Tag- und Nachtmarkt“: „Das System ist leicht verständlich“, und mache den Einkauf stressfreier. Kassiererinnen scannten nicht im Eiltempo die Waren. Jeder bestimme sein eigenes Tempo. Die Kasse selbst lese jedes Produkt, das gescannt wird, einmal laut vor.

Deutschlandweites Interesse

Laut Kuglmeier wurde acht Jahre lang an der Technik für „Emma’s Tag- und Nachtmarkt“ gearbeitet – und sie wird weiter verfeinert. Um den Laden auch zu einem Treffpunkt zu machen, gibt es eine Café-Station mit einer digitalen Infotafel, die über das Neuste aus der Gemeinde informiert. Ein kostenloser WLAN-Hotspot wurde eingerichtet und es gibt eine E-Ladesäule für Autos. Künftig soll es möglich sein, ein E-Caddy und E-Fahrräder auszuleihen.

Rund 300.000 Euro hat der Laden gekostet, finanziert wurde er unter anderem über EU-Fördermittel. Die Gemeinde stellte das Grundstück zur Verfügung. Seit Eröffnung wurde bereits deutschlandweit berichtet und Erwin Kuglmeier ist seitdem im Dauereinsatz. Bürgermeister und Ortsvorsteher in Thüringen und Bayern wollen mehr über das Geschäftsmodell wissen. Auch in Norddeutschland wachse das Interesse. „Kommende Woche bin ich in Bremen“, sagt Kuglmeier.

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