Zeitreise im Emder Einzelhandel

Vor genau 40 Jahren kam die Hiobsbotschaft: Hertie schließt

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 16.12.2020 19:28 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Emden galt als die Einkaufsstadt Ostfrieslands. Dann kam am 16. Dezember 1980 die Schreckensnachricht: Hertie schließt. Eine der fast 300 Beschäftigten war Marlies Grimjes. Mit dieser Zeitung hat sie eine Zeitreise gemacht - und auch auf die Neutorarkaden geschaut.

Marlies Grimjes arbeitete zehn Jahre lang als Servicefachkraft. Bild: Archiv
Marlies Grimjes arbeitete zehn Jahre lang als Servicefachkraft. Bild: Archiv
Emden - Es war ein Schock für die Beschäftigten: Am 16. Dezember 1980 war klar, dass das Emder Einkaufszentrum Hertie schließen würde. „Wir hatten noch gestreikt und gekämpft um unseren Arbeitsplatz“, erinnert sich Marlies Grimjes heute noch gut. Als die Hiobsbotschaft kam, waren sie und ihre fast 300 Kollegen und Kolleginnen fassungslos. „Einige haben geweint.“ Grimjes - in Emden auch unter dem Spitznamen „Pünktchen“ bekannt - erinnert sich zum Jahrestag der schlimmen Entscheidung trotzdem gerne an ihre Arbeit im Hertie-Restaurant zurück. „Wo fange ich da an?“, fragt sie im Gespräch lachend. „Wir waren wie eine Familie.“

Über die Jahre hat Marlies Grimjes viele Zeitungsartikel und Berichte zum Kaufhaus Hertie gesammelt - auch alte Speisekarten aus dem Restaurant hat sie noch. Bild: Hanssen
Über die Jahre hat Marlies Grimjes viele Zeitungsartikel und Berichte zum Kaufhaus Hertie gesammelt - auch alte Speisekarten aus dem Restaurant hat sie noch. Bild: Hanssen
Emden war in der Blütezeit von Hertie die Einkaufsstadt Ostfrieslands - mit dem größten Einkaufszentrum. „An den langen Sonnabenden war ganz Emden in der Vorweihnachtszeit beleuchtet und belebt“, sagt Grimjes. In den 1970er-Jahren war „ihr“ Restaurant praktisch überlaufen. Zehn Bedienungen wuselten um die Gäste, die am liebsten an der Fensterfront saßen. „Man hatte einen tollen Ausblick.“ Ein Gedeck - also eine Mahlzeit mit Vorspeise, Hauptgericht und Dessert - gab es für knapp sechs D-Mark. „Und zwar gute ostfriesische Hausmannskost“, betont Grimjes. Von Schüler bis Bänker traf sich ganz Emden oben bei Hertie. Viele Gäste kamen regelmäßig, erinnert sich Grimjes, nutzten den Besuch auch zum Erzählen. Marlies Grimjes hatte für ihre Nöte, privaten Probleme und sogar Kriegserinnerungen ein offenes Ohr, sagt sie. „Ich liebte es immer, mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen.“

Ein Blick auf den Emder Einzelhandel heute

Das Einkaufsangebot der Geschäfte war weit gefasst. „Es gab alles von A bis Z“, sagt die Emderin. Nur an Teeservices und Ostfriesennerzen mangelte es. Vielleicht weil das Unternehmen aus Frankfurt gesteuert wurde, vermutet sie. Der Niedergang des Emder Standorts kam nach einem Erweiterungsbau, das Unternehmen kriselte. Auch unter dem Namen Kaufhalle konnte sich das Einkaufszentrum nicht lange halten. 2002 schloss es. Seit 2010 stand das Gebäude, bei dem Ende 2018 der Abriss begann, leer. Derzeit entstehen hier die Neutor-Arkaden. Dessen Projektentwickler List Develop Commercial sprach im Sommer diesen Jahres noch von einem Fertigstellungstermin im Sommer 2021. „Ich hoffe, dass der Neubau die Innenstadt neu belebt“, sagt Marlies Grimjes. „Ich würde mich freuen, wenn Emden wieder die Einkaufsstadt wird.“

Regelmäßig treffen sich ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hertie in Emden. Bild: Privat
Regelmäßig treffen sich ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hertie in Emden. Bild: Privat
Sobald die Neutor-Arkaden fertig sind, möchte sie sich dort mit anderen ehemaligen Hertie-Mitarbeitern treffen. Regelmäßig hatte sie Treffen mit den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen organisiert - zuletzt kurz vor dem Abriss der Kaufhalle in dem leer stehenden Gebäude.

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