Lebensmittel
Combi testet in Emden den Supermarkt der Zukunft
Kassen, an denen die Kunden ihren Einkauf selbst scannen können, gibt es schon eine Weile. Die Handelskette Bünting geht einen Schritt weiter – und eröffnet in Emden einen Supermarkt, in dem die Kunden zeitweise ganz ohne Mitarbeiter einkaufen können.
Emden - Ganz allein im Supermarkt? Diese Möglichkeit sollen Kunden bald in Emden bekommen. Die Handelskette Bünting plant, den neuen Combi-Markt in den Neutor-Arkaden außerhalb der üblichen Öffnungszeiten ganz ohne Personal zu betreiben. Losgehen soll es nach Auskunft von Bünting-Vorstandschef Markus Buntz im September. Aber wie soll das funktionieren? „Es gibt bereits eine Combi-Kundenkarte und eine dazugehörige Smartphone-App“, sagt Buntz. Die Kundendaten sollten dazu dienen, den Markt zu öffnen.
„Der Kunde macht quasi selbst das Licht an“, sagt der Vorstandschef lachend. Anschließend könne er durch die Regale schlendern und sich seinen Einkauf zusammenstellen. Damit Kinder und Jugendliche keinen Tabak oder Alkohol kaufen, seien diese Produkte in abgesperrten Bereichen, die nur mit einer altersverifizierten Karte geöffnet werden könnten. Bezahlt werde am Ende in Eigenregie am Terminal. Verlasse der Kunde den Markt, werde hinter ihm wieder abgesperrt – alles vollautomatisch.
Ziel ist Betrieb rund um die Uhr
Aber was passiert, wenn der Kunde den Laden nicht wieder verlässt, zum Beispiel im Fall eines medizinischen Notfalls? „Der Markt wird natürlich überwacht, und man kann beispielsweise anhand von Aufenthaltszeiten feststellen, dass möglicherweise etwas nicht in Ordnung ist“, erklärt Buntz. Dann könnten entsprechende Stellen kontaktiert werden. Dasselbe gelte für mögliche technische Fehler: „Schon jetzt ist es so, dass wir Mitarbeiter vor Ort anrufen können, wenn beispielsweise die Alarmanlage auslöst.“ Für die Kunden bestehe außerdem die Möglichkeit, eine Hotline anzurufen.
Buntz versichert außerdem, dass während einer Kernzeit auf jeden Fall Personal im Markt sei. Es gehe nicht darum, rund um die Uhr auf Mitarbeiter zu verzichten. „Wir wollen den Emdern ein erweitertes Angebot machen und beispielsweise die Öffnungszeiten um ein, zwei Stunden erweitern“, sagt er. Das große, aber noch in etwas weiterer Zukunft liegende Ziel seien Öffnungszeiten rund um die Uhr. „Für Emden müssen wir schauen, wie es mit den rechtlichen Bedingungen bezüglich der Öffnungszeiten aussieht“, sagt Buntz. Wie genau diese aussehen sollen, könne er noch nicht sagen. Auch die Kern-Öffnungszeit des Emder Pilotprojekts, in der Personal die Kunden im Markt betreuen soll, beziffert der Vorstandschef noch nicht.
Potenzial auch in der Fläche
In der Oldenburger Innenstadt läuft neben dem Combi-City-Markt bereits ein 24/7-Automat. Der verkauft allerdings nur 500 verschiedene Artikel. Der neue 500-Quadratmeter-Markt in Emden soll ein zehnmal so großes Angebot haben. Zum Vergleich: Ein normalgroßer Combi-Laden verkauft 25.000 unterschiedliche Produkte. Für Emden habe man sich entschieden, weil das neue Konzept dort schnell umgesetzt werden könne, die Größe gut passe und der Markt zentral liege, sagt Buntz. Aber auch in der Fläche könne ein solcher Markt Potenzial haben: etwa an Standorten, an denen wegen geringer Frequenz ein durchgehend mit Personal besetzter Laden nicht rentabel wäre.
Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Ostfriesland, freut das. Er sagt: „Ich finde ganz spannend, was da passiert.“ Das Konzept sei eine Fortführung der Möglichkeit, seinen Einkauf selbst zu scannen, wie zum Beispiel die Familie Brahms es fürs kommende Jahr für Multi Nord in Leer plant. Zum Bünting-Vorhaben sagt Doden: „Es wird interessant sein, zu sehen, wie gut das angenommen wird.“ Er könne sich vorstellen, dass vor allem junge Menschen Interesse an dieser Art des Einkaufen zeigen könnten. Und die jungen Menschen von heute hörten ja nicht irgendwann auf, die Technik zu nutzen, nur weil sie älter würden. Es sei deshalb klasse, dass Innovationen im Einzelhandel nicht nur in Großstädten, sondern auch in Ostfriesland angewandt und erforscht würden.
Auch Gewerkschaftssekretär Arne Brix, beim Verdi-Bezirk Weser-Ems für den Handel zuständig, findet das Projekt innovativ – „es ist schon spannend, was Menschen so hinbekommen“. Er sehe allerdings langfristig die Gefahr, dass das Personal im Handel Opfer der Digitalisierung werden könne. „Wenn das Schule macht und die Zeiten, in denen das Personal für die Kunden da ist, reduziert werden, ist das die pure Arbeitsplatzzerstörung.“ Die Arbeitgeber im Einzelhandel trügen dann die Verantwortung, alternative Arbeitsplätze zu schaffen. Dass Maschinen und Computer viele Aufgaben übernähmen, sehe man überall. „Beim Einkauf – auch im Lebensmitteleinzelhandel – ist die Beratung durch Menschen allerdings nicht zu ersetzen“, sagt Brix.