Umwelt
Ostfriesische Bürgerinitiative befürchtet dreckige Luft aus Delfzijl
Die Bürgerinitiative (BI) Saubere Luft Ostfriesland übt Kritik an einer Firma, die in den Niederlanden Siliziumkarbid unter freiem Himmel herstellt. Die BI befürchtet, dass möglicherweise krebserregende Stoffe schon seit geraumer Zeit bis nach Ostfriesland wehen könnten.
Ostfriesland/Delfzijl - Die Bürgerinitiative (BI) Saubere Luft Ostfriesland befürchtet, dass möglicherweise krebserregende Stoffe aus einer chemischen Produktionsanlage im niederländischen Delfzijl schon seit geraumer Zeit bis nach Ostfriesland wehen könnten. Die Firma, um die es in diesem Zusammenhang geht, heißt ESD-SiC und produziert Siliziumkarbid (chemische Formel: SiC). Die BI nimmt ein laufendes Verfahren zur Erneuerung einer Umweltgenehmigung zum Anlass, eine Stellungnahme gegen das bisherige Produktionsverfahren bei ESD-SiC einzulegen – und fordert von Behörden und Politik auf deutscher Seite, es ihr gleich zu tun.
ESD-SiC produziert bereits seit 1977 in Delfzijl Siliziumkarbid. Für die Herstellung braucht es vor allem hochreinen Sand und Petrolkoks, ein kohlenstoffhaltiges Restprodukt aus der Ölraffination. Das sehr harte und hitzebeständige Siliziumkarbid findet nach Angaben von Firmen-Sprecherin Marie-Lou Gregoire unter anderem Anwendung in Dieselpartikelfiltern, keramischen Wasserfiltern und Halbleitern für Solarzellen.
Einspruch gegen Produktion unter freiem Himmel
An dem Produkt selbst stößt sich die BI Sauberes Ostfriesland auch gar nicht so sehr. „Siliziumkarbid an sich ist nicht schädlich“, sagt BI-Sprecherin Sandra Koch. Allerdings sieht sie ein großes Problem bei der Herstellung. „Wir wollen Einspruch gegen die Produktion unter freiem Himmel einlegen“, sagt Koch und begründet das mit den immer wieder auftretenden „Bläsern“, die sie als Explosionen bezeichnet.
Dazu muss der Herstellungsprozess genauer betrachtet werden. Um Siliziumkarbid herzustellen, werden laut ESD-SiC etwa 1000 Tonnen Petrolkoks und Sand zu einem Klumpen gemischt, durch den ein zentrales Netz aus Graphit läuft. Ein Graphitkern ist wichtig, da sich um diesen herum das SiC bildet. „Diese Mischung wird dann mit zirka 3.000 Tonnen nicht spezifizierten Nebenprodukten abgedeckt. Diese Schicht dient als Isolator, um die Wärme im Ofen zu halten und um eine Kunststofffolie über den Ofen legen zu können“, heißt es in einer Erklärung von ESD-SiC.
Folien fangen Gas auf - und reißen immer wieder
Die Folienabdeckung dient dazu, Prozessgas auffangen zu können, das sich bei der Herstellung bildet. Kommt es unter der Folie zu Druckveränderungen, kann die Folie reißen. „Dadurch wird ein Gemisch freigesetzt, das schnell brennen kann und in manchen Fällen Staub freisetzt. Dies ist ein sogenannter Bläser“, erläutert ESD-SiC.
Diese Stäube, sagt BI-Sprecherin Koch, würden über 100 Meter in die Höhe geschossen und die auch in den Niederlanden als krebserregend eingestuften SiC-Fasern sowie Schwermetalle freisetzen, die dann wahrscheinlich mehrere zehn Kilometer weit mit dem Wind verfrachtet würden.
Verschmutzung durch „Bläser“
„Unserer Einschätzung nach“, so Koch weiter, „ist die Verschmutzung durch die Bläser und durch die Produktion unter freiem Himmel deutlich gravierender als die Emissionen irgendeiner anderen Produktionsstätte im Industriegebiet in Delfzijl. Der nur wenige 100 Meter davon entfernt beginnende Nationalpark Wattenmeer ist dem schutzlos ausgeliefert.“
Nachdem es in den Vorjahren zu deutlich mehr „Bläsern“ gekommen war, gab es im Jahr 2020 insgesamt sechs solcher Vorfälle. Die für die Erneuerung der Umweltgenehmigung zuständige Provinz Groningen nimmt das Thema ihrem Sprecher zufolge sehr ernst. „Der durch ESD verbreitete Stoff enthält besonders besorgniserregende Substanzen. Durch die Vorschriften beabsichtigt die Provinz, dass ESD die Staubausbreitung reduziert und dadurch die Ausbreitung von besonders besorgniserregenden Substanzen verringert“, antwortet Jan van der Meide auf Anfrage unserer Redaktion.
Auch Provinz Groningen hält „Bläser“ für bedenklich
Die Bedenken bezüglich der „Bläser“ teile die Provinz. Nachdem ESD-SiC im Jahr 2018 Vorschriften auferlegt worden seien, deren Einhaltung von der Provinz überwacht würden, sei die Zahl der „Bläser“ deutlich zurückgegangen. Zugleich hält van der Meide fest, dass durch die „Bläser“ Staub und SiC-Fasern in die Luft geblasen würden. „Im vergangenen Jahr haben wir in einigen Wohngebieten kontinuierlich die Menge der Fasern gemessen. Die Menge an Fasern ist so groß, dass die Provinz der Meinung ist, dass sie eingeschränkt und überwacht werden muss, obwohl die gemessene Menge an Fasern unter dem maximal zulässigen Standard für diesen Stoff liegt“, so van der Meide.
Auf deutscher Seite ist das Thema unterdessen bisher kaum bis nicht bekannt, zumindest bei den befragten Behörden. Die erstaunlichste Antwort gibt dabei die Sprecherin des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), die die Bürgerinitiative bei diesem Thema auch in der Pflicht sieht: „Unseren FachkollegInnen ist das Thema völlig unbekannt“, so Bettina Dörr.
Landkreis Aurich will sich mit anderen Kommunen austauschen
Die Entwicklungen der Industrieanlagen auf niederländischer Seite würden grundsätzlich aufmerksam beobachtet, versichert Aurichs Kreis-Sprecher Rainer Müller-Gummels. Bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Aurich war das Thema bisher allerdings nicht bekannt. Es werde aber sicherlich einen Austausch mit den anderen ostfriesischen Landkreisen sowie der Stadt Emden in der Sache geben.
Bei der Stadt Emden war die Firma ESD-SiC bisher ebenfalls kein großes Thema. Stadt-Sprecher Eduard Dinkela auf eine Anfrage unserer Redaktion: „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen und Aussagen der Niederlande sind keine Auswirkungen auf Deutschland zu befürchten.“ Gleichwohl werde die Verwaltung im Rahmen einer Stellungnahme Unterlagen anfordern.
Zeit für Stellungnahmen noch bis zum 24. März
Für eine Stellungnahme im aktuellen Verfahren bleibt noch bis zum 24. März Zeit. Die BI Saubere Luft Ostfriesland wird in ihrer Stellungnahme fordern, so BI-Sprecherin Koch, „dass die Produktion unter freiem Himmel beendet werden muss und dass mit den regelmäßigen Explosionen endgültig Schluss sein muss“. Koch spricht sich für die Produktion von Siliziumkarbid in einer Halle aus, um die Emissionen zu unterbinden.
Die Firma ESD-SiC erteilt diesem Wunsch eine Absage: „Ein vollständige Verlagerung der Produktion in eine Halle oder eine vollständige inhäusige Produktion ist, unter anderem aus Sicherheitsgründen, nicht möglich.“ Auch wenn das Unternehmen bestrebt sei, den Ausstoß von „Bläsern“ zu vermeiden, sei dies nicht vollständig zu gewährleisten. Das habe auch ein unabhängiger Gutachter bestätigt.
Auch Groningens Provinz-Sprecher van der Meide erteilt den Hoffnungen auf eine Produktion in einer Halle eine Absage: „ESD wurde 1977 eine unbefristete Genehmigung für die Produktion im Freien erteilt. Aufgrund der Gebläse wird eine Produktionshalle nicht als realistische Maßnahme angesehen.“