Abenteuer

Nach sechs Monaten: Schulsegelschiff legt wieder in Emden an

Mona Hanssen
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Von Mona Hanssen
| 11.04.2021 12:58 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
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Vor sechs Monaten war die „Pelican of London“ Emden gestartet – mit rund 30 Jugendlichen an Bord. Das Schulsegelschiff legte am Sonnabend wieder am Nordkai an. Angehörige warteten sehnsüchtig.

Familie Schütze-Alberg schwenkt für Sohn Hannes eine Wilkommensfahne.
Familie Schütze-Alberg schwenkt für Sohn Hannes eine Wilkommensfahne.
Emden - Die Stimmung ist am Sonnabendvormittag aufgeladen am Emder Nordkai. Eltern, Geschwister und andere Angehörige aus ganz Deutschland warten sehnsüchtig auf die Ankunft der „Pelican of London“. Sechs Monate war das Schulsegelschiff mit mehr als 30 Jugendlichen etwa 14.000 Seemeilen (mehr als 26.000 Kilometer) im Mittelmeer, Atlantik und Pazifik unterwegs, legte an mehr als zehn Ländern und Inseln an. Als Deutschlands wohl einziges „durchgängig geöffnetes Klassenzimmer“ bezeichneten es die Verantwortlichen des „Ocean Colleges“ (also etwa der Ozean-Schule). An Bord ist auch der 15-jährige Hannes Schütze aus Berlin.

Am Nordkai wird fotografiert, gefilmt und natürlich gewunken.
Am Nordkai wird fotografiert, gefilmt und natürlich gewunken.
Seine Eltern und seine ältere Schwester Paula halten aufgeregt Ausschau nach dem Dreimaster. Sie halten eine Flagge hoch, die Hannes Mutter Ulrike Alberg selbst genäht hat - mit dem Segelschiff, Fahnen der besuchten Länder und Willkommenssprüchen. Während der sechsmonatigen Trennung hatten sie nur telefonieren oder anderweitig über WhatsApp kommunzieren können, wenn die Jugendlichen ihre Handys haben durften und es Internetempfang gab, erklärt Ulrike Alberg. „Ich wäre jetzt lieber selbst auf dem Schiff“, sagt Paula Schütze lachend. Vor drei Jahren habe sie das Abenteuer „Ocean College“, das pro Person 25.000 Euro kostet, mitgemacht. „Man erlebt so viele besondere Sachen.“ Insbesondere mitgenommen habe sie die Reisefreude, das Verständnis für andere Kulturen, mehr Selbstständigkeit und einige Freundschaften, die noch bis heute halten.

„Da kommen sie!“

Ihr Abenteuer aber war nicht unter Pandemie-Bedingungen: wechselnde Quarantäne- und Testbestimmungen der angelaufenen Länder, kurzfristig umgelegte Routen und zuletzt vier durchgängige Wochen an Bord, weil Kuba nicht angelaufen werden konnte. Auch am Nordkai gelten für die Familien unter anderem aus München, Leipzig und Köln die Maskenpflicht und die Abstandsregeln, wie ein Mitarbeiter der Emder Hafenbehörde gelegentlich durchsagt. Die Polizei ist mit einem Bulli vor Ort. Als Ausnahme habe die Berliner Familie in Emden im Hotel übernachten dürfen, erklärt Hannes Vater Wolfgang Schütze. Die Stadt habe das wegen des triftigen Grunds gestattet. Sobald sie ihren Sohn in Empfang genommen haben, wollen sie sich aber gleich auf den Heimweg machen.

Und dann ist es endlich so weit. „Da kommen sie“, ruft jemand aus. Tatsächlich kommt das Segelschiff langsam in Sicht. Schon von weitem ist zu sehen, dass zahlreiche Jugendliche in der Takellage des Hauptmastes stehen. Ihre Silhouetten zeichen sich gegen den blauen Himmel ab. Dann hört man den Gesang. Aus voller Brust stimmen die Jungen und Mädchen englische Shantis an. Die Angehörigen an Land schwenken ihre Plakate, rufen. „Wo ist er? Ist das Hannes?“, fragt Ulrike Alberg. Kurz darauf ist der 15-Jährige mit Brille und einer gesunden Gesichtsfarbe erspäht - er sitzt im Beiboot, winkt grinsend. „Das war ja klar“, sagt Paula Schütze.

Nach sechs Monaten wieder in die Arme schließen

Endlich wieder vereint: Wolfgang Schütze schließt seinen 15-jährigen Sohn in die Arme.
Endlich wieder vereint: Wolfgang Schütze schließt seinen 15-jährigen Sohn in die Arme.
Obwohl sie einander schon sehen können und die „Pelican of London“ schließlich sachte am Kai anlegt, dauert es noch eine gefühlte Ewigkeit, bis die Familie ihren Hannes in die Arme schließen kann. Zuvor wird viel gesungen, es werden Ansprachen von Kapitän und Verantwortlichen gehalten, Jugendliche liegen sich weinend in den Armen - und dann kommt der wegen Corona durchstrukturierte Abgang. Einzeln verlassen die Jugendlichen das Schiff, das sie sechs Monate ihr zu Hause nannten, setzen auf dem Steg, der Schiff und Kai verbindet, ihre FFP2-Masken auf und können mit Sack und Pack endlich zu ihren Angehörigen. An Bord galt keine Maskenpflicht, weil es eine große „Quarantäne-Blase“ war, wie der Kapitän schildert.

Ulrike Alberg steht schon fotografierend am Steg. Dann kommt Hannes endlich an Land - und ist bald in den Armen seiner Angehörigen verschwunden. „Es ist total komisch, wieder hier zu sein“, sagt der 15-Jährige. Er ist noch aufgekratzt, schwankt leicht nach der langen Zeit mit Seegang. Was ihm wohl am meisten in Erinnerung bleiben wird? „Es sind die ganze Zeit Leute um dich herum. Irgendjemand ist immer wach. Man ist auf ganz kleinem Raum zusammen“, schildert er. Corona sei „ein bisschen nervig“ gewesen, natürlich. Aber: Er habe das erste Mal die Karibik besuchen können. „Die Schule lief auch ganz gut“, sagt er grinsend.

Paula Schütze (von links), Ulrike Alberg, Hannes und Wolfgang Schütze schießen ein letztes Erinnerungsfoto vor dem Schulsegelschiff.
Paula Schütze (von links), Ulrike Alberg, Hannes und Wolfgang Schütze schießen ein letztes Erinnerungsfoto vor dem Schulsegelschiff.
Außer einer nautischen Ausbildung, Praktika im Regenwald und auf einer Kaffeefarm, einem mehrtägigen Besuch bei einem indigenen Volk in Costa Rica, Surf- und Spanischkursen, hatte es auch fast täglichen Schulunterricht entsprechend der Bildungspläne der Bundesländer gegeben, teilt „Ocean College“ mit. Lehrerinnen und Lehrer waren entsprechend neben der Schiffsmannschaft und Betreuungskräften an Bord. Was Hannes als erste macht, wenn er wieder zu Hause ist? „Ich leg mich in mein Bett.“ Über eine Pizza würde er sich auch freuen. „Ich hoffe, man sieht ein paar Leute vom Schiff wieder“, sagt er abschließend. Ein bisschen Heimweh habe er zwischendurch wohl gehabt, aber: „Die Stimmung war echt sehr gut.“ Jetzt beginnt für ihn eine Zeit mit Wechselunterricht, Distanzlernen, Lockdown und sozialem Abstand. „Wenn ich erst mal ein bisschen angekommen bin, will ich gerne wieder weg“, sagt er lachend.

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