Umwelt
Schadstoff könnte auch die Krummhörn erreichen
Trotz der Industrie an der niederländischen Grenze entschied sich die Krummhörner Politik 2018 gegen Luftmessstationen. Jetzt steht vor allem ein Stoff im Fokus, der auch dort Thema werden könnte.
Was und warum
Darum geht es: Möglicherweise giftiger Chemiestaub aus den Niederlanden könnte sich schon lange seinen Weg nach Ostfriesland bahnen. Jetzt muss die Genehmigung für ein damit zusammenhängendes Produktionsverfahren verlängert werden.
Vor allem interessant für: Alle Menschen, die in der Region leben und möglicherweise krebserregenden Staub einatmen oder schon eingeatmet haben.
Deshalb berichten wir: Kürzlich ging es bereits darum, dass sich die Stadt Emden um den Chemiestaub sorgt und ein kritisches Schreiben an die für Delfzijl zuständige Provinz Groningen verschickt hat. Daraufhin meldete sich Johann Smid bei uns, um auf die mutmaßlichen Auswirkungen auch für die Gemeinde Krummhörn hinzuweisen. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
Diese hatte kürzlich bereits in einem Protestschreiben an die Provinz Groningen auf eine Studie hingewiesen, laut der die Fasern je nach Windgeschwindigkeit „mehr als zehn Kilometer weit in die Umgebung getragen werden“. Jörg Deuber, Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes, sagt jetzt zudem auf Nachfrage unserer Zeitung, dass 70 Prozent des Windes in Norddeutschland aus Richtung Südwest oder Nordwest kommt, was die hiesige Ausbreitung begünstigen würde. Dabei würde sich belastete Luft vor allem bei wenig Wind und Regenwetter in Ostfriesland absetzen. Ansonsten könnten wohl auch Entfernungen von 200 Kilometern überbrückt werden, so Deuber.
Produktions-Genehmigung soll verlängert werden
Siliziumkarbid wird in Delfzijl schon seit dem Jahr 1977 produziert, um unter anderem als Schleifmittel in der Mechanik, der Optik sowie bei der Herstellung von Halbleitern für Solarzellen zu dienen. Dabei kommt es allerdings ab und an zu unkontrollierten Explosionen, bei denen giftige Stäube in die Luft geschleudert werden können. Auch deshalb muss die Produktionsgenehmigung in den Niederlanden derzeit erneuert werden. Als unsere Zeitung vor zwei Monaten über eine Stellungnahme der Bürgerinitiative (BI) Saubere Luft Ostfriesland zu diesem Thema berichtete, war dieses den hiesigen Behörden auf Nachfrage jedoch nur teilweise bekannt.
Meta Janssen-Kucz (Bündnis 90/Die Grünen), Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtags, bezeichnet jetzt die Entwicklung auf Nachfrage als „erschreckend“. Man befürchte, dass die Schadstoffe eine „erhebliche Belastung“ für Ostfriesland und auch die dortigen Luftkurorte darstellen könnten. „Hier brauchen wir schnellstmöglich Aufklärung. Zwischen Delfzijl und dem niedersächsischen Emsufer liegen gerade mal sechs Kilometer Luftlinie.“ Auch allgemein seien die Umweltauswirkungen kritisch zu betrachten, die von mehreren Fabriken in Delfzijl sowie von dem RWE-Kohlekraftwerk in Eemshaven ausgingen.
Messstationen werden gefordert
Um aus den Niederlanden kommende Schadstoffe in der Krummhörn und darüber hinaus nachweisen zu können, müssten jedoch Messstationen eingerichtet werden. Das würden die Grünen schon seit Jahren fordern, so die Borkumerin Janssen-Kucz. Derzeit gebe es aber noch nicht einmal einen Datenaustausch zwischen Deutschland und den Niederlanden. „Es darf keine systematische Luftverschmutzung auf Kosten der ostfriesischen Nachbarregion geben“, fordert sie daher. Wenn dies technisch nicht gewährleistet werden könne, müsse auch die Siliziumkarbid-Produktion in Delfzijl eingestellt werden.
Auch Ute Dauert, die beim Umweltbundesamt das Fachgebiet zur Beurteilung der Luftqualität leitet, sind SiC-Messungen in Ostfriesland nicht bekannt. Innerhalb der Europäischen Union würden vor allem Stickstoffdioxid, Ozon, Feinstaub und Schwermetalle zum „Schadstoffportfolio“ gehören. „Siliziumkarbid-Fasern zählen definitiv nicht zum Routine-Messprogramm“, versichert sie.
Generell würden sich Fasern schwer online erfassen lassen, auch, wenn es entsprechende Systeme gibt, teilt das Umweltbundesamt mit. Man könne aber die Fasern sammeln, aufkonzentrieren und mit mit dem Rasterelektronenmikroskop nachweisen. Der Erfolg dieses Verfahrens sei aber von verschiedenen Faktoren abhängig, etwa der Konzentration der Fasern, dem Messort und anderen.
Meldungen über komische Gerüche im Westen von Emden
Dabei sind es nur wenige Jahre her, dass es sogar in der Gemeinde Krummhörn selbst konkrete Bestrebungen dafür gab, eigene Luftmessstationen aufzubauen, um angesichts der benachbarten Industrie in den Niederlanden Gewissheit zu haben. 2018 entschied sich dann jedoch die Politik dagegen, nachdem der TÜV Süd alleine für eine Anlage Kosten von 50.000 Euro pro Jahr veranschlagt hatte. Beim TÜV Nord wären es sogar 74.000 Euro gewesen. Seitens der Gemeinde hieß es zudem, dass Experten vor der Anschaffung abgeraten hätten, da nicht mit erhöhten Schadstoffwerten zu rechnen sei. Vor der Entscheidung hatte sich bereits der „Arbeitskreis Emsmündung“ aufgelöst, der sich für die Stationen eingesetzt hatte. Der damalige Vorsitzende, Johann Smid (Gruppe CDU/HARO/S.W.K./Smid), äußert sich jetzt ebenfalls zu der Problematik mit den SiC-Fasern. So sind seiner Meinung nach vor allem die Dörfer Rysum, Loquard und Campen von der möglicherweise ungesunden Luft betroffen. „Aber auch die Siedlung Escherweg südlich von Manslagt, da scheint es eine besondere Windschneise zu geben.“
Auch wenn es derzeit keine dauerhaften Messungen zu industriebedingten Schadstoffen aus den Niederlanden gibt, so verzeichnet die Stadt Emden „auffällig viele Berichte“ aus den westlichen Stadtteilen Wybelsum, Twixlum, Larrelt und Logumer Vorwerk über „starke und unangenehme Gerüche“, die an ein Gemisch aus Mineralöl und Schwefel erinnern. Auch die Gefahrgutgruppe der Emder Feuerwehr musste deswegen in der Vergangenheit schon mehrfach ausrücken und Messungen durchführen. Von der Knock berichtete sie unserer Zeitung im September 2018 beispielsweise von Ammoniakgeruch und einer „mysteriösen Wolke in hellblauer Färbung“. Schadstoffe konnten an diesem Tag aber nicht gemessen werden. Ein weiterer Einsatz folgte fast genau ein Jahr später. Auch da wurde Ammoniakgeruch gemeldet – die Messungen blieben ebenfalls unauffällig.