Rote Hochburg
Suurhusen und die SPD
In Ostfriesland funktioniert es noch mit den SPD-Wahlerfolgen. Ein Dorf tut sich dabei regelmäßig hervor: Suurhusen. Doch warum?
Suurhusen - Mindestens ein SPD-Mitglied kennen die meisten Suurhuser beim Namen. Das zeigt eine kleine Straßenumfrage in den vergangenen Tagen – auch wenn von den Befragten niemand namentlich abgedruckt werden möchte. Ein zunehmendes Phänomen, aber das ist ein anderes Thema. Die SPD hat in der Gemeinde Hinte bei der Kommunalwahl die absolute Mehrheit der Ratssitze geholt. Eine der Hochburgen in der Gemeinde ist der Ort Suurhusen.
Was und warum
Darum geht es: Innerparteilich ist die Suurhuser SPD eine Institution.
Vor allem interessant für: Politikinteressierte.
Deshalb berichten wir: Es gelingt nicht mehr überall, aber mancherorts schon: Die SPD holt die absolute Mehrheit im Gemeinderat. So auch in Hinte, wo sich besonders ein Ortsverein hervortut. Wir haben nachgefragt, ob es ein Geheimrezept gibt. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
Zugegeben, am 12. September war Suurhusen nicht der Ort mit den meisten Stimmen für die SPD. Doch die Suurhuser sind dennoch rot. So rot, dass es sogar beispielsweise dem Deutschlandfunk vor vier Jahren einen Bericht wert war. Doch warum?
Eine feste Institution im Ort
„Das Wir ist prägend für unser Dorf“, gibt Gerd Müller, der seit mehr als 30 Jahren den Suurhuser Ortsverband der SPD leitet, als Antwort. „Es ist das Handeln miteinander.“ Das klingt nach einer typischen, politischen Antwort. „Wir nehmen aktiv am Dorfleben teil“, sagt Erich Ruhr, stellvertretender Vorsitzender und ein weiteres SPD-Urgestein. So wird beispielsweise der Maibaum im Ort von der SPD organisiert, aber der Ortsverein ist auch bei anderen Feiern im Ort präsent – und das seit 75 Jahren.
1946 wurde der Ortsverein gegründet, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. 26 Mitglieder zählte der Gründungsverein. Jetzt sind es 28. „Wir hatten aber schon weit über 60“, erinnert sich Müller. Es ist also nicht so, dass ganz Suurhusen in der SPD ist, der Ort hat fast 800 Wahlberechtigte. Die Sozialdemokraten haben, trotz Wahlgewinnen, ein Nachwuchsproblem, der Ortsverein ist im Altersdurchschnitt deutlich älter als die Partei Prozente bei der Kommunalwahl geholt hat.
Mehr Jugendliche einbinden
Ein Problem, das nicht nur Suurhusen betrifft. Erik Heeren, der neue Gemeindeverbandsvorsitzende der SPD Hinte, bestätigt das. „Es wird immer schwieriger, gerade Jugendliche und junge Erwachsene längerfristig zu binden.“ Projetarbeit ja, aber regelmäßig zur gleichen Zeit eine Verpflichtung wahrnehmen, darauf würden sich immer weniger einlassen. „Als Partei hat man, im Gegensatz zu Vereinen, außerdem das Manko, dass Politik nach einer trockenen Sache klingt“, so Heeren, der in der Gemeinde Ihlow als Jugendpfleger arbeitet.
Jusos, die Jugendorganisation der SPD, gibt es in der Gemeinde Hinte daher aktuell nicht. Wobei man im Hintergrund an gewissen Dingen arbeite, wie Heeren durchblicken lässt. Aber Nachwuchs für die Partei gibt es dennoch vereinzelt. So zum Beispiel Paul Bents, der 18-Jährige, der bei der Kommunalwahl am 12. September für die Hinteraner SPD antrat und den Einzug in den Gemeinderat schaffte. „Paul haben wir über das Jugendparlament gewonnen“, sagt Ruhr. Das Kinder- und Jugendparlament sei auf Initiative der SPD gegründet worden, aber nicht vornehmlich, um eigenen Parteinachwuchs zu gewinnen. „Hauptsache, Jugendliche engagieren sich politisch“, so Ruhr.
Für „herausragende Parteiarbeit“ ausgezeichnet
Doch es sind auch weitere Faktoren, die bei der Beliebtheit der SPD in der Gemeinde eine Rolle spielen. In Suurhusen gibt es zum Beispiel keine direkte Konkurrenz. Keine andere Partei unterhält hier einen Ortsverband. Außerdem sei der Suurhuser Ortsverband auch aktiver als manch anderer Ortsverband. Auf Delegiertenversammlungen des Unterbezirks rechne man schon fest mit Anträgen aus Suurhusen. „Auch das ist politische Arbeit“, so Müller. Darüber werde beispielsweise das Wahlprogramm entschieden, ergänzt Heeren. Ob Suurhusen nicht ein Vorbild für andere Ortsvereine sein könne? Darüber wolle man nichts sagen, die anderen Ortsvereine nicht bewerten.
Ansonsten sei man „einfach ansprechbar“, wie die drei Sozialdemokraten übereinstimmend berichten. So bekomme die Partei auch außerhalb der Ratsarbeit ein Gesicht. „Die Leute sagen uns, was sie stört, woran die Politik etwas ändern sollte – und das sind dann Sachen, die wir gegebenenfalls über die Ratsmitglieder in die Gremien tragen“, so Ruhr.
Es sei das Gesamtpaket, das mit zum Erfolg der SPD in Suurhusen und der Gemeinde beitrage. Das sieht man auch andernorts so, so wurde der Ortsverein beispielsweise 2007 auf dem Weser-Ems-Bezirksparteitag für „herausragende Parteiarbeit“ ausgezeichnet. Bei anderen Veranstaltungen, zum Beispiel in Leipzig, habe man auch aktiv Ostfriesland vertreten. Die Hände in den Schoß legen, das können und wollen die Suurhuser nicht. „Es wird Zeit, dass es wieder ein aktives Dorfleben gibt“, sagt Müller. Und: „Wir sind mitten in einem Generationenwechsel. Den müssen wir gestalten“, sagt Heeren. Denn „so rot wie die Dächer“, das mag die Gemeinde Hinte sein – doch das hängt auch an den Aktiven vor Ort.
Ein Blick auf die Zahlen
Nicht nur Hinte ist eine Hochburg der SPD, sondern ganz Ostfriesland. Doch in Hinte stellen die Sozialdemokraten die Mehrheit im Gemeinderat, was nicht mehr überall in der Region gelingt. Doch wählen die Hinteraner nicht auf jeder Ebene gleich.
So stellt die SPD zwar seit 1972 stets die Mehrheit im Gemeinderat, und mit zwei Ausnahmen auch den Bürgermeister. Bei der Kommunalwahl 2016 holte die SPD 52,15 Prozent der Stimmen – dieses Jahr waren es 56,36 Prozent.
Bei der Wahl zum Kreistag gab es „nur“ knapp über 52 Prozent der Stimmen für die Sozialdemokraten. Bei der Wahl zum Deutschen Bundestag lag die Zahl der Zweitstimmen sogar unter 50 Prozent. Allerdings gingen gleichzeitig 61,99 Prozent an Johann Saathoff (SPD). Bei der Landtagswahl 2017 lagen die Stimmen aus Hinte für die Sozialdemokraten allerdings wieder bei deutlich mehr als 50 Prozent.
Schaut man genauer auf die Ergebnisse der jüngsten Kommunalwahl, dann zeigt sich, dass die SPD nicht in jedem Ort die absolute Mehrheit der Stimmen geholt hat. In Osterhusen scheiterte Rot mit 49,62 Prozent knapp an der stimmlichen Mehrheit, in Westerhusen (49,67 Prozent) ebenso. Das schlechteste Ergebnis gab es für die Sozialdemokraten in Canhusen: nur 33,03 Prozent. Aber auch hier lag die SPD vor der CDU und der Freien Liste Hinte.