Interview
Festivalforscherin sagt dem Filmfest „rosige Zeiten“ voraus
Tanja Krainhöfer erklärt im Interview, warum die Corona-Zeit die Filmfestival-Branche zum Teil auch beflügelt hat. Probleme sieht sie in Zukunft beim Thema Klimaschutz.
Emden - Das internationale Filmfest Emden-Norderney ist beendet. Die Corona-Version des Festivals zählte mit 10.000 Besuchern deutlich weniger Gäste als in den Vorjahren. Welchen Stellenwert haben Filmfestivals heutzutage eigentlich und wie haben sie sich in der Corona-Zeit verändert? Tanja Krainhöfer aus München ist Filmfestivalforscherin und hat für uns einen Blick auf die Branche geworfen.
Was und warum
Darum geht es: Film-Festivalforscherin Tanja Krainhöfer sagt dem Filmfest Emden-Norderney rosige Zeiten voraus. Die Expertin sieht weniger sinkende Besucherzahlen als vielmehr klimapolitische Probleme für Festivals.
Vor allem interessant für: Filminteressierte und Kinogänger
Deshalb berichten wir: Das internationale Filmfest Emden-Norderney ist beendet. Die Corona-Version des Festivals zählte deutlich weniger Besucher. Wir wollten wissen, welchen Stellenwert Filmfestivals heutzutage eigentlich haben. Die Autorin erreichen Sie unter: s.tome@zgo.de
Frage: Guten Tag, Frau Krainhöfer! Schön, dass Sie Zeit haben für ein Gespräch. Sie haben einen interessanten Beruf: Sie sind Filmfestivalforscherin. Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?
Tanja Krainhöfer: Als Medienökonomin beschäftige ich mich einerseits mit angewandter Forschung im Bereich des strategischen Managements und der Entwicklung des Filmfestivalsektors als ein eigenständiges Ökosystem. Andererseits berate ich Filmfestivals bei ihrer strategischen Entwicklung auch in programmatischen Fragen.
Frage: Kinos gehören zu den Verlierern der Corona-Krise. Lange Zeit waren sie geschlossen. Wie hat sich die Zeit des Lockdowns auf die Film-, Kino- und Festivalwelt ausgewirkt?
Krainhöfer: Sehr unterschiedlich. Erstmal bin ich der Meinung, dass die Filmfeste überhaupt keine Verlierer sind. Sie haben sich vielmehr sehr innovativ und resilient gezeigt und die Chance für enorme Entwicklungssprünge genutzt. Filmfestivals waren die ersten, die bereits sechs Wochen nach dem Lockdown Online-Angebote umgesetzt hatten. Man kann sagen, dass Filmfestivals über Monate hinweg eine Art kulturelle Grundversorgung geleistet haben. Während Theater-, Lesebühnen und Konzertsäle geschlossen waren, haben schätzungsweise die Hälfte der deutschen Filmfestivals online nicht nur kuratierte Filmprogramme angeboten und damit ein Publikum weit über die lokale Bevölkerung hinaus erreicht. Filmfestivals haben dabei auch zahlreiche zukunftsweisende Innovationen in die Wege geleitet, die uns mit Sicherheit auch in der Zukunft weiter begleiten werden.
Frage: Und wie sieht es bei den Kinos aus?
Krainhöfer: Was man wirklich vermisste: dass bis auf sehr vereinzelte Kinos kaum innovative Lösungen in der Zeit der Pandemie vorangetrieben wurden. Nur wenige setzten Open Air-Konzepte um und noch viel weniger entschieden sich, den digitalen Kinosaal für ihr Publikum zu eröffnen. Eine Maßnahme, die in den USA beispielsweise unmittelbar umgesetzt wurde. Selbst Formate, die Begegnungen und den Austausch mit den Machern ermöglichten, wurden bei den Filmfestivals in den virtuellen Raum transformiert. Und das sind beispielsweise Lösungsansätze, die uns sicherlich erhalten bleiben.
Frage: Das Filmfest Emden-Norderney hat sich ganz bewusst gegen ein Online-Festival entschieden, auch mit dem Argument, dass dabei sehr viel Atmosphäre verloren geht. Was sagen Sie denn dazu?
Krainhöfer: Ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Man muss natürlich immer sehen, mit welcher Art von Filmfestival man es zu tun hat. Bei einem Festival, das stark von der lokalen Bevölkerung lebt, bestehen andere Voraussetzungen als bei einem Festival, das beispielsweise die Drehscheibe für den deutschen Filmnachwuchs darstellt. Da stellen sich andere Fragen und auch eine andere Verantwortung der Branche gegenüber. Das Filmfest in Emden ist hingegen aus der Erwachsenenbildung heraus entstanden und hat somit auch eine starke Vermittlungsaufgabe bei der der Austausch zentral ist.
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Frage: Welchen Stellenwert haben denn solche Filmfestivals, wie zum Beispiel das in Emden und auf Norderney, für die Branche?
Krainhöfer: Meines Erachtens liegt die zentrale Aufgabe genau darin, den Austausch zu ermöglichen. Filmemacher haben ja im Gegensatz zu Musikern oder Schauspielern bei einem Konzert oder im Theater kaum die Möglichkeit, die Reaktion des Publikums auf ihre Arbeit zu erfahren. Ein Filmfest bietet also genau das und macht es möglich, auch die Wirkung des Films zu überprüfen. Zudem finden viele Filme heute überhaupt keinen Platz mehr im Kino oder sind vielleicht gerade einmal für ein paar Tage zu sehen. Infolgedessen finden zahlreiche Filme ihre Präsentation im Kino wie auch Auswertung maßgeblich nur über Filmfestivals. Filmfestivals sind außerdem seit jeher die Orte der Avantgarde, die gerade Filme präsentieren, die nicht den allgemeinen Mainstream abbilden. Nicht nur Cineasten auch Branchenmitglieder erfahren auf Filmfesten neue Entwicklungen – über neue Erzählweisen bis hin zu technischen Innovationen – und nutzen die Orte auch, um sich auszutauschen, vielleicht auch in Richtung einer möglichen Zusammenarbeit.
Frage: Welche Trends gibt es in der Branche?
Krainhöfer: Ich sehe einen Trend, dass nicht nur auf der Ebene der A-Filmfestivals – wie der Berlinale und der Filmfestivals der Medienstandorte wie unter anderem Hamburg, München und Köln – auch verstärkt Branchen-Veranstaltungen angeboten werden. Es erscheint als Gebot der Stunde, dass man auch für die Fachbesucher seine Attraktivität steigert. Ich denke jedoch, um die dafür notwendigen Investitionen zu rechtfertigen, bedarf es einer differenzierten Abstimmung mit den bestehenden Formaten und auch eine klare Vision, was man damit erreichen will. Das Filmfest Emden-Norderney hat sich ja mit seinem Drehbuchpreis sehr hervorgetan und dabei auch mit „Systemsprenger“ ein sehr gutes Händchen bewiesen. Dies könnte ein Ansatz sein, um ein Angebot aufzubauen und gerade Berufsanfängern etwas Gutes zu tun.
Frage: Die Besucherzahlen des diesjährigen Filmfests in Emden und auf Norderney lagen deutlich unter denen der Vorjahre. Werden sich Festivals wie Emden-Norderney wieder erholen?
Krainhöfer: Allem voran muss ich sagen, dass man in Emden ein Bomben-Ergebnis erzielt hat. Mit etwa 35 bis 40 Prozent der Besucher aus den Vorjahren liegt Emden an der Spitze der durchweg erreichten Besucherzahlen. Es gab andere Festivals, da saß man schon mal zu dritt im Kinosaal. Wir wissen selbst nicht, woran das genau liegt und haben das auch noch nicht erforscht. Jedoch gehen wir davon aus, dass die Leute einfach noch in den neuen Pandemie-Gewohnheiten verhaftet oder einfach noch ängstlich sind. Man kennt ja Filmfestivals. Da sind viele Menschen, überfüllte Plätze, enge Schlangen beim Einlass ins Kino. Das wollen einige wohl lieber noch nicht. Für wesentlicher halte ich jedoch, dass wir uns sehr in neuen Pandemie-Gewohnheiten eingerichtet haben, auch neue Interessen, Freizeitbeschäftigungen entwickelt haben. Mit Sicherheit haben wir auch den einen oder anderen Kinobesucher an die Streamer verloren. Da hat sich ebenfalls ein neues Konsumentenverhalten im Laufe der letzten anderthalb Jahre herausgebildet. Doch da sehe ich bei den Kinos mittelfristig ein größeres Problem als bei den Filmfestivals. Vielmehr denke ich, dass Filmfestivals in großem Maße als Stütze und Promoter für das Kino insgesamt wirken und auch wirken werden.
Frage: Was sind die Herausforderungen für Filmfestivals wie Emden?
Krainhöfer: Es gibt zahlreiche Herausforderungen. Dabei mache ich mir über die Mobilisierung der Menschen in Emden ehrlich gesagt die wenigsten Sorgen. Die Emder Bevölkerung hat seit jeher eine große Vorliebe für das besondere Kino, ehemals einen starken Filmclub, ein breites bürgerschaftliches Engagement und eine feste Verankerung am Ort. Toll auch, dass es jetzt noch mehr Möglichkeiten gibt, über die Hotellerie mehr Zuschauer, Filmemacher oder Fachbesucher zu versorgen. Die großen Herausforderungen sehe ich vielmehr im Bereich des Klimaschutzes. Kann man noch guten Gewissens einen japanischen Filmemacher für wenige Tage einfliegen? Welche Fachbesucher möchte man gerne ansprechen, nur deutsche oder europäische? Ein weiteres ganz großes Thema ist die Frage nach Fachkräften. Wir haben unglücklicherweise in Deutschland weder eine Aus- oder eine Fortbildung noch ein Studium für Kino- und Filmfestival-Management. Gleichzeitig stehen Filmfestivals unter einem enormen Professionalisierungsdruck. Nicht nur in Schlüsselpositionen können nur Saisonkräfte beschäftigt werden, die aber auch über das ganze Jahr hinweg irgendwo beschäftigt werden müssen. Und da haben wir ein vielfältiges Problem: Auf der einen Seite müssen wir dafür sorgen, dass wir den Wissensaufbau auch für das Festival gewährleisten und trotz begrenzter Mittel Experten beschäftigen und nicht auf eine Armada an Praktikanten setzen. Und auf der anderen Seite müssen wir auch für sozial nachhaltige Beschäftigungsstrukturen sorgen.
Frage: Welche Verantwortung haben Filmfestivals?
Krainhöfer: Ein weiteres großes Feld ist im Sinne der Inklusion und Diversität die Schaffung von Zugangsmöglichkeiten für kulturelle Angebote. Nicht nur weil Filmfestivals in aller Regel gemeinnützig sind, haben sie auch eine viel größere Verantwortung, alle abzuholen. Ein Kulturangebot, das gerade auch in Krisenzeiten die Breite der Bevölkerung anspricht, ist heute gefragt. Somit war es vor mehr als 30 Jahren sehr weitsichtig von der Volkshochschule, das Medium Film mit seiner großen Popularität in der Breite zu nutzen, um darüber auch eine Form kultureller Bildung anzubieten. Ich sage dem Festival sehr rosige Zeiten voraus.