Tod und Trauer

Neuer Alltag in der Auricher Hospizarbeit

| | 05.11.2021 20:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hospizarbeit ist für Klaudia Christoffers (links) und Britta Baumann vom Verein Hospiz Aurich eine Herzenssache. Foto: Böning
Hospizarbeit ist für Klaudia Christoffers (links) und Britta Baumann vom Verein Hospiz Aurich eine Herzenssache. Foto: Böning
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Jetzt zur dunklen Jahreszeit werden die Hospizdienste mehr gebraucht denn je. Gut also, dass der Verein Hospiz Aurich nach den Wirren der Corona-Zeit in einen neuen Alltag durchstartet.

Aurich - Mit dem November kommen der Volkstrauertag und Totensonntag. Draußen verabschiedet sich die Natur mit jedem Blatt, das vom Baum fällt, in den Winterschlaf. Statistisch gesehen beginnt jetzt die Zeit, in der auch die Sterberate zunimmt, daran hat auch die Corona-Pandemie nichts geändert. „Die älteren Leute sagen: Die Menschen sterben, wenn die Blätter kommen und wenn sie gehen“, sagt Klaudia Christoffers. Die Koordinatorin des Vereins Hospiz Aurich kann das Sprichwort aus eigener Erfahrung bestätigen. Christoffers organisiert die Arbeit des Vereins seit eineinhalb Jahren in neuer Formation mit Britta Baumann. Gemeinsam haben sie ihn durch die Wirren der Pandemie geführt.

Was und warum

Darum geht es: Nach dem Corona-Lockdown stellt sich der Verein Hospiz Aurich neu auf.

Vor allem interessant für: Sterbende, Angehörige und Menschen, die dem Thema Sterben in die Augen blicken wollen.

Darum berichten wir: In der dunklen Jahreszeit sterben mehr Menschen als im restlichen Jahr. Wir wollten wissen, wie sich das auf die Arbeit der Hospizdienste auswirkt.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Während draußen das Leben in den Ruhemodus geht, kehrt bei Hospiz Aurich ein neuer Alltag ein und das Vereinsleben fährt wieder hoch. „Die Begleitung der Sterbenden und Trauernden lief die ganze Zeit weiter, aber vieles andere blieb lange auf der Strecke oder konnte nur eingeschränkt stattfinden“, sagt Klaudia Christoffers. Das ändert sich gerade. Einen großen Schritt zurück in die Normalität tat der Verein am Freitag: Da startete der erste Kurs für ehrenamtliche Hospizhelfer an der Kreisvolkshochschule seit dem Beginn der Corona-Pandemie. Über ein halbes Jahr erhalten Menschen hier eine Grundausbildung als Sterbebegleiter.

Gruppen und Gesprächskreise kehren zurück

Außerdem kehren immer mehr Gruppen und Gesprächskreise zurück in das helle Gebäude am neuen Hafen, wenn auch in kleinerer Gruppenstärke: Kinder-, Jugend- und Erwachsenentrauergruppen, Einzelgespräche, ein Gesprächskreis trauernder Eltern, Supervisionen, Termine an Schulen und Sondertermine – all das gilt es jetzt wieder unter einen Hut zu bekommen. Zusätzlich 24-Stunden-Rufbereitschaft täglich. 46 ehrenamtliche Helfer hat der Verein, alles ausgebildete Sterbebegleiter. „Todesmutig“, nennt Britta Baumann sie und lacht anerkennend. Fünf davon sind männlich. Insgesamt, schätzt Klaudia Christoffers, betreuen sie jedes Jahr etwa 40 bis 45 sterbende Menschen.

Ein zunehmender und inzwischen größerer Teil der ehrenamtlichen Arbeit liege aber bei der Trauerbegleitung – also bei der Begleitung der Hinterbliebenen. Gerade das schwindende Tageslicht mache die Menschen melancholischer. Das wirke sich auch auf diesen Teil ihrer Arbeit aus. „Wie fühlen Sie sich, wenn die Sonne scheint und alles voller Energie ist?“, fragt Britta Baumann, um die Situation zu verdeutlichen. „Und wie fühlen Sie sich an einem dunklen Herbsttag?“ Die Jahreszeit führe dazu, dass mehr Hinterbliebene eine intensive Betreuung benötigen. Vielen reiche es, wenn sie sich öffnen und über ihre Gefühle reden können. „Grundsätzlich ist Trauer nichts Krankhaftes“, sagt Britta Baumann ,“wenn man ihr Raum geben kann, hilft es den meisten Menschen schon sehr viel weiter.“

Für die Koordinatorinnen war das Thema nicht neu

Klaudia Christoffers hat 25 Jahre lang in der ambulanten Pflege gearbeitet, die letzten fünfzehn Jahre davon im Palliativbereich. Dabei geht es darum, sterbenden Menschen die Schmerzen zu nehmen, damit sie sich befreit aus dem Leben verabschieden können. 2016 kam sie zu Hospiz Aurich. Britta Baumann ist gelernte Kinderkrankenschwester und hat lange in München im deutschen Herzzentrum gearbeitet. Schon dort hat sie sterbende Kinder und ihre Familien betreut. Die Hospizarbeit war für sie schon immer wichtig. In Aurich startete sie zunächst ehrenamtlich und absolvierte dann die Ausbildung zur Koordinatorin, bevor sie vor eineinhalb Jahren hauptamtlich einstieg.

Beide haben den Umbruch durch die Pandemie genutzt, die Weichen der Hospizarbeit in Aurich neu zu stellen. „Wir wollen ein Treffpunkt für Betroffene und ein offener Anlaufpunkt für unsere Ehrenamtlichen sein“, so Klaudia Christoffers. Den Dienst in Aurich gibt es inzwischen seit 21 Jahren. Viel habe sich bereits im Umgang mit dem Sterben in dieser Zeit getan. „Es bleibt aber noch viel zu tun“, sagt Britta Baumann: „Wenn die Menschen wieder lernen, wie sie Abschied voneinander nehmen und miteinander ins Reine kommen, macht das etwas mit ihnen.“ Das hat Klaudia Christoffers auch bei frisch ausgebildeten Sterbebegleitern erlebt: „Keiner geht durch den Kurs einfach so durch, er verändert jeden. Nicht nur den Blick der Teilnehmer auf den Tod, sondern vor allem auch auf das Leben. Genau das wollen wir erreichen.“

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