Bauen
Traum vom Eigenheim lässt sich nicht immer erfüllen
Die Gemeinden Bunde und Jemgum wollen junge Familien mit Förderprogrammen animieren, dort den Traum vom Eigenheim zu realisieren. Wir wollten von Experten wissen, ob das zu Niedrigzinszeiten eine Chance oder eher Risiko ist.
Rheiderland - Über viele junge Familien freut sich jede Kommune. Sie sind wichtig für den Erhalt von Kindergärten, Schulen und Vereinen. Gleichzeitig sorgen sie in der überalternden Gesellschaft für eine ausgewogene Altersstruktur. Die Gemeinden Bunde und Jemgum wollen junge Familien mit Förderprogrammen animieren, dort den Traum vom Eigenheim zu realisieren. Wir wollten von Experten wissen, ob das zu Niedrigzinszeiten eine Chance oder eher Risiko ist.
Was und warum
Darum geht es: Die Zinsen sind zwar verlockend niedrig, Kosten für Grundstücke und den Bau eines Einfamilienhauses steigen aber weiter. Die Finanzierung eines Eigenheims gelingt vielen jungen Paaren nur noch, wenn beide Partner berufstätig sind. Sind Förderprogramme tatsächlich eine finanzielle Hilfe? Wir haben nachgefragt.
Vor allem interessant für: Junge Familien, die sich den Wunsch vom Eigenheim erfüllen wollen und Menschen, die sich für die Entwicklung auf dem Immobilienmarkt interessieren.
Deshalb berichten wir: Nach Angaben verschiedener Banken liegen Baupreise für ein Einfamilienhaus in Ostfriesland zwischen 300.000 und 400.000 Euro. Für viele junge Familien mit geringem Einkommen und ohne Eigenkapital ist die Baufinanzierung schwierig. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
Die Baufinanzierer der Geldinstitute haben tagtäglich mit Kunden zu tun, die ein Eigenheim finanzieren wollen. „Zurzeit explodieren die Baukosten förmlich. Auch die Preisentwicklung für die Anschaffung von Gebrauchtimmobilien geht steil nach oben“, beschreibt Carsten Mohr, Sprecher der Sparkasse Leer-Wittmund die aktuelle Situation. „Gerade für junge Familien ist es in der heutigen Zeit sehr schwer, ihren Traum vom Eigenheim zu verwirklichen.“
Neubau nicht mehr für 200.000 Euro realisierbar
Vor zehn Jahren beliefen sich die Kosten für einen Neubau für eine vierköpfige Familie im Landkreis Leer noch auf etwa 200.000 Euro. „Inzwischen liegt der durchschnittliche Preis für eine Immobilie bei etwa 2.800 bis 3.200 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche“, berichtet Timo Cyriacks Sprecher der Oldenburgischen Landesbank (OLB) auf Nachfrage. So käme man auf eine Summe von mehr als 300.000 Euro. Der monatliche Abtrag liege in der Regel bei etwa 1.400 bis 1.600 Euro ohne den entsprechenden Einsatz von Eigenkapital. Das Interesse an entsprechenden Programmen ist laut Cyriacks groß. „Viele Kunden wollen die Möglichkeit der staatlichen Förderung in Form von Darlehen oder Tilgungszuschüssen nutzen.“
Solche Programme können sogar ein Kaufanreiz für Altimmobilien sein. Als Beispiel nennt er ein Förderprogramm des Landes Niedersachsen. „Wenn eine Photovoltaik-Anlage inklusive Speicher verbaut werde, gewähre das Land einen entsprechenden Tilgungszuschuss für den Speicher. „Dieses Kontingent von 75 Millionen Euro ist bereits seit einigen Wochen gestoppt worden, weil die Nachfrage zu hoch war.“ Auch über die KfW gebe es teilweise sehr hohe Tilgungszuschüsse für die energetische Sanierung oder für Neubauten. „Dabei greift die Regel: Je besser der Energiestandard ausfällt, desto höher die Förderung.“
Ostfriesen ist das Eigenheim wichtig
In Ostfriesland sei der Wunsch nach einem Eigenheim nach Beobachtung von Sparkassensprecher Carsten Mohr noch immer ungebrochen. „Es ist schon hilfreich, wenn kommunale Förderprogramme zusätzlich Anreize bieten, die in eine mögliche Finanzierung mit einfließen können und den Kapitaldienst entlasten“, so Mohr.
Allerdings warnt er auch davor, in einer Zeit der Niedrigzinsphase auch mögliche künftige Entwicklungen nicht aus den Augen zu verlieren. „In zehn oder 15 Jahren kann das Zinsniveau deutlich ansteigen. Dann muss eine Finanzierung auch noch tragbar sein“, macht Mohr deutlich. Entscheidend sei der Kapitaldienst, der sich unter anderem aus den Einkünften und den bestehenden Belastungen ergebe und natürlich die Höhe des Eigenkapitals. „Manche Häuslebauer können ihre Belastung durch Eigenleistungen auf der Baustelle reduzieren“, ergänzt Mohr.
Schuldnerberater warnt
Nach Einschätzung von Stefan Brauner von der ADN-Schuldnerberatung in Leer wird es für Bauwillige immer schwieriger, sich den Traum von den eigenen vier Wänden zu erfüllen. „Wenn man von normalen Durchschnittsverdienern ausgeht, ist eine monatliche Abtragszahlung von 1500 bis 1700 Euro ja nur möglich, wenn beide Partner berufstätig sind“, sagt Brauner. Wenn durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit eine finanzielle Säule wegbreche, könne die Finanzierung ins Wanken geraten.
Aktuell hätten er und seine Kollegen zwar vermehrt mit Geschäftsinsolvenzen durch die Corona-Pandemie zu tun. Beratungsanfragen von Personen, die aufgrund finanzieller Engpässe um die Hausfinanzierung fürchten müssen, habe es bislang nicht gegeben. Brauner hält es für wahrscheinlich, dass dieser Effekt als Folge der Kurzarbeit in der Coronazeit mit Verzögerung in den kommenden Monaten noch eintritt. „Ein finanzielles Risiko könnte minimiert werden, wenn es unabhängige Beratungsstellen für Bauwillige gäbe“, so der Schuldnerberater. „Es wäre sinnvoll, wenn jemand Externes einen Blick auf die Finanzierung wirft.“