Agrar
Landwirtschaft der Zukunft: Kühe melken sich jetzt selbst
Wie kann ein großer Milchviehbetrieb von zwei Menschen bewirtschaftet werden? Diese Frage haben die Hilke-und-Fritz-Wolff-Stiftung und ihre Pächter mit einem neuen Stall beantwortet.
Was und warum
Darum geht es: Automatisierung ist in die Landwirtschaft eingezogen. Wir haben uns einen Melkroboter angeschaut.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich für Landwirtschaft interessieren und Tiere mögen
Deshalb berichten wir: Nach einem Artikel zur Frage, wie Ostfriesland ohne Kühe aussehen würde, lud Fritz Wolff, dessen Stiftung der Betrieb gehört, zu einer Besichtigung des neuen Stalls ein.
Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de
Dort steht seit gut fünf Monaten ein nagelneuer Laufstall. „Unser Ziel war es, einen Stall zu bauen, der alle Voraussetzungen für die nächsten zehn bis 20 Jahre erfüllt“, sagt Fritz Wolff. Eigentümerin des Hofes ist seine Frau Hilke Wolff. Die beiden Pächter, Luuk Nijman und Johan Stoker, sollten in der Lage sein, den Betrieb mit rund 250 Kühen wirtschaftlich zu betreiben. „Außerdem haben wir alles reingepackt, das für das Tierwohl sein muss“, betont Wolff.
Decke so hoch wie in einer Kirche
Der Stall ist riesig, 3000 Quadratmeter, und an den Seiten offen, die Luft ist kühl. Die Decke ist so hoch wie in einer Kirche, von beiden Seiten stecken die Kühe neugierig ihre Köpfe in den Mittelgang. Das machen sie nicht nur wegen der Besucher, sondern vor allem, weil hier das Trockenfutter liegt. Mit der Tierhaltung von früher, als die Kühe angebunden monatelang in einem dunklen, stickigen Gulf standen, hat das nichts mehr zu tun. Sie können sich frei bewegen und sich zum Wiederkäuen auf einem der Wasserbetten niederlegen, die einen Großteil der beiden großen Boxen füllen. Wenn die Kühe sich das Futter im Gang holen, kommt zwangsläufig hinten irgendwann Dung raus. Einen Spaltenboden, der über viele Jahre Standard in Laufställen war, gibt es hier nicht mehr. „Der ist nicht gut für die Hufe“, sagt Nijman. Stattdessen verläuft eine Kette längs durch die Box, die alle Nase lang einen großen Schieber antreibt, der den Dung wegtransportiert. Die Kühe stören sich nicht daran, sondern steigen, mit vollem Maul kauend, einfach darüber hinweg.
Warum wir eigentlich hier sind, sind vier große rote Container am Ende des Stalls: die Melkroboter. An der Seite hat jede der vier Anlagen der Marke Lely „Astronaut“ eine Art Käfig. In einen läuft gerade eine Kuh hinein. Sobald die Anlage den Transponder an ihrem Halsband ausgelesen hat, wird ihr Kraftfutter ausgeworfen. „Deshalb kommt sie her, angelockt von dem Futter“, sagt Stoker. Gleichzeitig lässt sich das Tier melken – vollautomatisch. Die beiden Landwirte müssen nichts mehr dabei machen.
Euter wird zuerst gesäubert
Von unten schiebt sich ein Arm unter das Euter, zwei rotierende Bürsten säubern die Zitzen und desinfizieren. Es scheint angenehm zu sein, denn die Kuh hält vollkommen still. Die Bürsten werden zurückgezogen und gleich mit heißem Wasser gereinigt. Dann schiebt der Roboter ein Melkgeschirr unter die Kuh. Man kann sehen, wie das Euter mit einem roten Messstrahl abgetastet wird, bis die Anlage eine Zitze fixiert hat und den Melktrichter dorthin schiebt.
Das scheint jetzt zu kitzeln, denn die Kuh schubst mit dem Bein dagegen. Trotzdem saugt sich das Melkgeschirr nacheinander mit allen vier Trichtern fest. Man hört, wie die Pumpe anfängt zu arbeiten. Die ganze Zeit bedient sich die Kuh von dem Kraftfutter und wartet ab, bis sie gemolken ist. Der Roboter erkennt, wann Schluss ist, die Melktrichter fallen von alleine herunter, wenn aus einer Zitze nichts mehr rauskommt.
Der Roboter weiß alles
Das ist aber nicht alles. Der Roboter weiß wirklich alles über die Kuh. Entweder am großen Bildschirm nebenan, oder auf einer App auf dem Handy können Stoker und Nijman jederzeit alles ablesen. Gemessen werden nicht nur der Fett- und Eiweißgehalt der Milch, sondern ebenso die Parameter wie Salzgehalt, Temperatur, und Leitfähigkeit. Der Roboter weiß, wie viel Kraftfutter die Kuh bekommen hat, ob sie großen Hunger hatte oder appetitlos ist. Wie oft kommt sie zum Melken? Wie viel Milch gibt sie? „Jede kleine Abweichung wird angezeigt“, sagt Nijman. Das helfe zum Beispiel, Krankheiten wie eine Euterentzündung sehr früh zu erkennen. Er habe schon mit dem Tierarzt Diskussionen gehabt – „aber am Ende hatte der Roboter recht“, sagt Stoker.
Weil die Veränderungen so früh erkannt werden, könne man eine Erkrankung des Euters schon früh gut mit Salbe behandeln, damit werde eine Antibiotika-Behandlung vermieden. Bekommt die Kuh trotzdem ein Medikament, weiß der Roboter das auch und separiert die Milch: Sie kommt nicht in den großen Tank, der von der Molkerei geleert wird. Wir stehen wieder auf dem Mittelgang, wo sich jetzt ein großer runder Apparat in Bewegung setzt. Noch ein Roboter, dieser schiebt ungefähr alle halbe Stunde das Trockenfutter zusammen, dass die Kühe beim Fressen mit ihren Nasen auseinanderschieben. Früher hätte das einer der beiden Pächter machen müssen. Die Automaten helfen dabei, Arbeitszeit zu sparen. „Arbeitskräfte findet man kaum noch“, sagt Nijman, außerdem kosten sie Geld.
Manche Kühe lernen schnell
Bei den stagnierenden Milchpreisen müsse jedoch ökonomisch gewirtschaftet werden. „Nur mit diesen Hilfsmitteln wird es möglich sein, einen Hof mit einer ausreichenden Zahl an Milchkühen auskömmlich zu bewirtschaften“, ist Wolff überzeugt. Viele Betriebe im Umkreis haben schon aufgegeben, ein Bauer in Bingumgaste hat erst in diesem Jahr um die 100 Tiere an Nijman und Stoker abgegeben. Diese waren das Melken morgens und abends gewöhnt. Wie kommen sie mit der neuen Selbstständigkeit zurecht? „Es gibt Kühe, die verstehen das sofort, bei anderen dauert es“, sagt Stoker. Er lacht.
Eine Kuh, die sie wegen ihres fortgeschrittenen Alters Oma nennen, müsse er immer dazu bewegen, sich melken zu lassen. „Hopp, Hopp, sage ich zu ihr – das versteht sie und stellt sich in die Anlage.“ Woher er weiß, dass sie gemolken werden muss? Das weiß, wie sollte es anders sein, der Roboter. Er meldet den Landwirten, wenn eine Kuh auffällig lange nicht zum Melken gekommen ist. Die meisten Kühe hätten den alten Rhythmus aufgegeben und ließen sich mehrmals in 24 Stunden melken, manchmal auch mitten in der Nacht. Die Milch fließt durch eine Kühlanlage in den großen Tank. Der Stall verfügt über einen Tiefbrunnen und eine Wasseraufbereitungsanlage, denn täglich werden rund 40.000 Liter Wasser benötigt, überwiegend als Trinkwasser für die Kühe und zur Reinigung der Geräte. Im nächsten Jahr soll eine Anlage dazukommen, die das Futter für die Kühe aus Gras- und Maissilage und weiteren Zutaten für drei Tage mischt und verteilt.
Technik kostet viel Geld
So viel Automatisierung kostet Geld. Alleine die Melkroboter schlagen mit rund 650.000 Euro zu Buche. „Wir hatten noch Glück, wir hatten gebaut, bevor Holz so teuer wurde“, sagt Wolff. Der Bau wurde von der Stiftung finanziert. „Für private Landwirte müsste es mehr Fördermittel geben“, findet er. Denn neben der Arbeitsersparnis bringe die moderne Form der Milchviehhaltung vor allem Vorteile in Sachen Tierwohl, was unterstützt werden sollte.
Aktuell stellt das Bundeslandwirtschaftsministerium bis zum Jahr 2024 insgesamt 816 Millionen Euro für ein Investitions- und Zukunftsprogramm zur Verfügung. Damit sollen landwirtschaftliche Betriebe unterstützt werden, wenn sie in Klima-, Natur und Umweltschutz investieren. Weitere 45 Millionen Euro sollen zur Förderung der künstlichen Intelligenz ausgeschüttet werden. Satellitennavigation für Traktoren gehören dazu ebenso wie Melkroboter.
2196 Melkroboter in Niedersachsen
Mittlerweile machten Roboter einen Anteil von 85 Prozent bei den Neuanschaffungen von Melkanlagen aus, sagt Dr. Michael Hubal, Berater Melktechnik und Eutergesundheit der Landwirtschaftskammer Niedersachen: „Aktuell, das heißt Ende 2020, melken 1188 Betriebe mit 2196 Melkrobotern in Niedersachsen. Dies sind 17 Prozent aller Betriebe.“ Der Anteil steige bislang jährlich um anderthalb Prozent – ob das so anhalte, sei abzuwarten, ist aber aus Hubals Sicht wahrscheinlich. Die Anschaffung lohne bei mehr als 60 zu melkenden Kühen.
Im Dienste der grasenden Mehrheit
Einmal Waschen, Schneiden, Melken, bitte!
Sinnvoll sei der Einsatz eines Melkroboters, wenn er mit Arbeitserleichterung, Effizienz- oder Produktionssteigerung verbunden sei, so Hubal. Er bestätigt die Meinung der beiden Landwirte hinsichtlich des Tierwohls: „Das häufigere Melken hat physiologische Vorteile für die Kuh, denken wir nur daran, wie häufig ein Kalb täglich von der Kuh gesäugt wird.“ Die Messwerte der Sensoren gewährleisteten die Überwachung der Tiergesundheit besser als beim zweimaligen Melken im konventionellen Melkstand.
Wenn das Frühjahr kommt, werden die Kühe in Bingumgaste noch mehr Freiheit bekommen. Dann können sie auf Wunsch den Stall verlassen, um auf dem umliegenden 180 Hektar großen Grünlandflächen zu grasen. Wo gerade das beste Gras wächst, dorthin dirigiert sie wiederum eine neue Technik namens Grazeway. Damit erfülle ihr Betrieb die Voraussetzungen für das Prädikat „Weidemilch“, sagt Nijman. Dass die Tiere nach draußen kommen, ist für ihn klar: „Kühe gehören auf die Weide.“