Silvester
Böller: Hört da der Spaß auf?
In den Niederlanden sind Böller verboten, diesseits der Grenze wird diskutiert: Die Polizeigewerkschaft fordert Verbotszonen. Wir haben uns umgehört: Was meinen die Ärzte und was die Leser?
Rheiderland/Niederlande - „Ohne Feuerwerk ist es für mich einfach ein Tag wie jeder andere, das wäre so, als würde man an Weihnachten den Baum verbieten“, schreibt eine Nutzerin, viele andere pflichten ihr bei und sprechen sich gegen ein Böllerverbot aus. Tradition, Spaß und Rücksicht auf die Branche sind die häufigsten Argumente. „Für die Tiere ist es der Horror – das ist Fakt“ oder „ich habe nichts gegen Raketen, aber Böller finde ich überflüssig“, schreiben andere und weisen auf die Situation in den Krankenhäusern und die Umweltbelastung hin. Das Thema Böllerverbot polarisiert bei der Online-Umfrage dieser Zeitung.
Was und warum
Darum geht es: Böller an Silvester ja oder nein? Die Polizeigewerkschaft fordert erneut Verbotszonen und vor allem, dass sich schnell etwas tut. Wir haben eine Umfrage bei Facebook gestartet und haben noch weitere Stimmen zusammengetragen.
Vor allem interessant für: Diejenigen, die eine Meinung zum Jahreswechsel mit oder ohne Knallwerk haben.
Deshalb berichten wir: Die Diskussion läuft derzeit auf Hochtouren. Die Autorin erreichen Sie unter: v.vogt@zgo.de
Auch in der öffentlichen Diskussion gehen die Meinungen auseinander. Die Deutsche Polizeigewerkschaft in Niedersachsen bittet dieser Tage erneut um Böllerverbotszonen: „Silvester-Spaß natürlich gern, doch ist es in diesem Jahr unausweichlich, auf das Böllern zu verzichten, um etwaige Engpässe in den Krankenhäusern zu verhindern, denn da hört der Spaß wirklich auf“, wird der Landesvorsitzende Patrick Seegers in einer Pressemitteilung zitiert.
Meinung aus der Medizin
In den Niederlanden wurde im November ein Böllerverbot ausgesprochen. Hintergrund sei, so teilte die Regierung mit, dass sich die wegen der Pandemie stark beanspruchten medizinischen Notdienste nicht auch noch um Verletzungen durch Böller kümmern müssten. Das grenznahe Universitätsklinikum Groningen (Universitair Medisch Centrum Groningen, UMCG) lobte diese Entscheidung, das Borromäus-Hospital in Leer teilte auf Anfrage mit, dass die Situation in Bezug auf Verletzungen durch Feuerwerkskörper in den vergangenen Jahren ruhig gewesen sei, ein Böllerverbot sich wohl dennoch positiv in der Zentralen Notaufnahme bemerkbar machen würde.
Wie sehen es die Ärzte? Auf Nachfrage teilt Uwe Köster, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung mit, dass es keine „Hausmeinung“ der KVN gebe: Für ein Verbot spreche, „dass die Notaufnahmen in der Silvesternacht wahrscheinlich weniger Verletzte zu versorgen hätten“. Dies würde für eine gewisse Entlastung sorgen, aber das Problem seien die längerfristig gebundenen Kapazitäten auf den Intensivstationen. Die seien von den „Böllerverletzten“ nur in einem geringeren Umfang betroffen. „Ein Böllerverbot würde natürlich auch die Hersteller der Feuerwerkskörper hart treffen“, so Köster. Menschen kämen zum Böllern allerdings oft angeheitert zusammen: „Das Risiko besteht, dass unter diesen Umständen die Masken- und Abstandsgebote nicht eingehalten werden und die Infektionszahlen steigen.“
Abwägen, abwarten
Als isolierte Maßnahme hätte ein Böllerverbot laut Köster wohl nur eine begrenzte Wirkung. „Eher stellt sich die Frage grundsätzlich, ob man die Silvesterfeiern angesichts der hohen Infektionszahlen auf den kleinsten privaten Kreis“ seitens der Politik beschränken wolle – als allerletztes Mittel. Das bleibe abzuwarten.
Abwarten hält die Polizeigewerkschaft für einen Fehler: „Städte und Kommunen müssten Böllerverbote gezielt, in diesem Jahr zudem rechtlich gut vorbereitet und nachhaltig vor allem in den Innenstädten und besonderen Orten, aussprechen“, so Seegers. „Böllerverbotszonen haben sich in den vergangenen Jahren auch in Niedersachsen sichtlich bewährt.“ Dass die nötige Vorbereitung fehle, könne in diesem Jahr keine Begründung sein.
Kurz vor Silvester kam die Entscheidung
Im vergangenen Jahr ging es erst kurz vor Silvester ans Eingemachte: Ein deutschlandweites Verkaufsverbot von Böllern und Feuerwerk wurde verhängt, öffentliche Feuerwerke wurden gestrichen. Auf belebten Straßen und Plätzen waren Böller und Raketen verboten. Die Landkreise und Städte hatten dafür Allgemeinverfügungen erlassen, nachdem ein niedersachsenweites Verbot nach einer Klage gekippt worden war.
Erst am 28. Dezember konnte so die Verfügung des Landkreises Leer kommen. Der Kreis hatte die Städte und Gemeinden laut Sprecher Philipp Koenen an der Entscheidung beteiligt. Nachdem die Verordnung des Landes gekommen sei, habe man vor Ort nachgefragt, welche Zonen für ein Verbot infrage kämen. Der Krisenstab des Landkreises habe nach Rücksprache mit der Polizei eine Bewertung vorgenommen, auf welche Bereiche das Kriterium „belebt“ an Silvester und Neujahr zutreffe. Daraufhin seien dann die Straßen, Plätze, Brücken und Promenaden festgelegt worden.