Bildung
Wie Architektur das Lernen unterstützt
An der Grundschule Jennelt wurde jüngst ein Raum umgebaut, damit ein hörgeschädigtes Kind besser am Unterricht teilnehmen kann. Doch welche Rolle spielt Architektur beim Lernen allgemein?
Jennelt - Sie ist wohl die meistdiskutierteste Schule in der Krummhörn: die Grundschule Jennelt. Während es bei der Frage nach Neubau oder Kernsanierung weiterhin keine Einigung gibt, wird die Schule immer wieder auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler hin umgebaut. Zumindest, soweit es die baulichen Rahmenbedingungen zulassen. Hauptaugenmerk ist dabei die Inklusion, die sich die Schule seit mittlerweile mehr als 20 Jahren groß auf die Fahne schreibt.
Was und warum
Darum geht es: Ein Experte empfiehlt beim Thema Schulneubau: Mit den Beteiligten früh ein Konzept erarbeiten.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für Schule, Bildung oder Architektur interessieren
Deshalb berichten wir: An der Grundschule Jennelt dreht sich viel um Architektur und Raumbeschaffenheit. Wir haben mit einem Experten über das Thema gesprochen. Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de
So wurde jüngst ein Klassenraum für ein hörgeschädigtes Kind umgebaut. „Es wurde eine schallabsorbierende Decke eingezogen“, so Schulleiterin Jutta Lerche-Schaudinn auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Maßnahme soll den grundlegenden Lärmpegel, der durch die normale Beschulung entsteht, reduzieren. Das helfe nicht nur dem hörgeschädigten Kind, sondern allen. Es ist aber nicht die einzige geplante Maßnahme. Eigentlich soll auch eine Glasfront ausgetauscht werden. „Diese Front ist der Hauptgrund für Nachhallzeiten“, so Lerche-Schaudinn.
Immer wieder Maßnahmen
Unter der Nachhallzeit versteht man die Zeit, die vergeht, bis der Schalldruck nach Verstummen der Schallquelle deutlich abfällt, es also „still“ wird. „Infolge einer erhöhten Nachhallzeit sinkt die Sprachverständlichkeit durch den Verlust an richtig verstandenen Konsonanten. Besonders für Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Muttersprache und im fremdsprachlichen Unterricht kann daher von einem deutlichen Verlust an Lehr- und Lernleistungen ausgegangen werden“, schreibt dazu beispielsweise das Land Niedersachsen.
Die immer wieder getroffenen Maßnahmen, die die Inklusion an der Grundschule Jennelt ermöglichen sollen, zeigen, wie bemüht die Schule genau um dieses Thema ist. So wurden in den vergangenen Jahren verschiedene Maßnahmen vom Schulträger, die Gemeinde Krummhörn, umgesetzt. Die Zugangstüren öffnen sich automatisch und nach langer Diskussion wurde in jüngerer Vergangenheit ein Treppenlift für ein Kind im Rollstuhl eingebaut.
„Es gibt viele architektonische Irrtümer, die Lernen verhindern“
Laut dem Regionalen Landesamt für Schule und Bildung müssen Schulen in Niedersachsen „grundsätzlich barrierefrei sein“. Konkrete gesetzliche Vorschriften gebe es aber nicht. Die Ausstattung oder auch der Umbau der Schulen sei Aufgabe des Schulträgers, betont das Landesamt. Man stehe den Schulen aber beratend zur Seite, wenn es um Arbeitssicherheit gehe. „Alle Maßnahmen, die Inklusion verbessern oder ermöglichen, sollten so geplant und abgestimmt sein, dass sie keine Verschlechterung für andere Schülerinnen und Schüler erzeugen“, so das Landesamt.
Doch welche Rolle spielt die Architektur grundsätzlich, wenn es ums Lernen geht? „Es gibt viele architektonische Irrtümer, die Lernen verhindern“, sagt Dr. Otto Seydel im Gespräch mit unserer Zeitung. Seydel hat das „Institut für Schulentwicklung“ in Überlingen (Baden-Württemberg) gegründet und sich vor allem seit 2010 auf den Schulneu- oder -umbau spezialisiert. Beispiele seien eine veraltete Raumaufteilung oder schlechte Nachhallzeiten. Mittlerweile sei man auch in Deutschland so weit, dass man Architektur und Pädagogik zusammen betrachte, sagt Seydel. Seit ungefähr zehn Jahren sei das so, Auslöser seien auch Forschungen von Seydel selbst gewesen. „Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Architekten ist sehr wichtig“, sagt der Experte. Denn: „Selbst wenn Architekten alles nach aktuellen Standards planen, müssen die Ergebnisse nicht zu den Ansprüchen der Lehrerinnen und Lehrer und der Mitarbeiter der Schule passen“, sagt er.
Vor der Ausschreibung steht das Konzept
Deswegen spricht sich Seydel unter anderem für eine „Phase 0“ aus. Diese Phase sei wichtig, und müsse „vor der eigentlichen Ausschreibung stattfinden“, sagt Seydel. Denn in ihr würde ein tragfähiges inhaltliches und räumliches Konzept durch beziehungsweise unter enger Einbeziehung der Pädagoginnen und Pädagogen erstellt. „Dieses Konzept sollte auch verbindlich in die Ausschreibung geschrieben werden“, sagt Seydel.
Tatsächlich ist, nach längerem Hin und Her, so etwas ähnliches jetzt auch in der Krummhörn geplant. Wie Bürgermeisterin Hilke Looden beim Besuch von Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne bekannt gab, wolle die Verwaltung zusammen mit der Schule erarbeiten, was genau benötigt wird. In diesem Zusammenhang empfiehlt Seydel, dass sich die Beteiligten nicht nur die grundlegende Literatur zum Thema anschaut, sondern auch „interessante Schulbauten“ ansehen. „In Bremen, Münster oder Herford gibt es solche Schulen“, nennt Seydel Beispiele. Hier würden unter anderem Clusterlösungen genutzt. „Wenn man sich solche Schulen anschauen, entstehen Ideen, wie es an der eigenen Schule aussehen könnte“, so Seydel.