OZ-Serie „Wohnen und Leben“
Bauen in Ostfriesland: Große Nachfrage, kaum Angebot
Der Traum vom Eigenheim ist auch in Ostfriesland für viele inzwischen unerschwinglich. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Ostfriesland - Schicke Fehnhäuser im ostfriesischen Stil, moderne Stadtvillen oder auch sanierungsbedürftige Häuser aus den 60er Jahren: Der Immobilienmarkt in Ostfriesland ist bunt gemixt. Doch eine passende Immobilie zu finden, ist gar nicht so einfach.
Sina Schilling und ihr Partner Nico Müller durchforsten seit knapp zwei Jahren die gängigen Portale auf denen Häuser und Wohnungen in Ostfriesland angeboten werden.
Die Serie „Wohnen und Leben“
Die Preise für Immobilien steigen, auch in Ostfriesland. Für immer mehr Menschen wird der Traum vom Eigenheim unerschwinglich. Welche Alternativen gibt es? Wie lebt es sich in einem Tiny-House und vor welchen Herausforderungen stehen alle, die selbst ein Haus auf Vordermann bringen? Was für Trends lassen sich erkennen? Immer montags geht es in dieser Serie um Fragen wie diese. Die Serie ermöglicht hin und wieder auch einen Blick durch Schlüsselloch. Heute: Wie lässt sich der Immobilienmarkt in Ostfriesland beschreiben?
Seit zwei Jahren auf Haussuche
Die beiden Leeraner suchen ein uriges Haus im Rheiderland. „Einen alten Bauernhof oder ein altes Fehnhaus“, sagt Sina Schilling. Weil die 23-Jährige auch ihrem Pferd auf dem Grundstück ein Dach über dem Kopf und Auslauf bieten möchte, sollte das Grundstück rund 4500 Quadratmeter messen. Inzwischen haben die beiden ihre aber Suche fast aufgegeben. Das ernüchternde Ergebnis nach mehr als 20 Monaten Suche und mehreren Fast-Käufen: „Es wird immer teurer, man kann es sich fast gar nicht mehr leisten“, sagt Sina Schilling. „Und in letzter Zeit kommen kaum noch neue Angebote rein.“
Frerich Büürma kann dies bestätigen. Der Immobilienmakler verkauft und vermittelt Häuser und Wohnungen seit inzwischen 25 Jahren im gesamten ostfriesischen Raum. „Die Lage ist sehr angespannt“, sagt er. „Es gibt eine enorme Nachfrage, aber kaum Angebot.“ Die Preise entwickeln sich immer weiter nach oben, vor allem in den letzten drei bis vier Jahren habe es einen kräftigen Anstieg gegeben, sagt Büürma. Viele Menschen, die eine Immobilie suchen, haben in etwa denselben Traum: Ein Einfamilienhaus in guter Lage mit etwa 160 Quadratmetern Wohnfläche und 600 Quadratmeter Grundstück. Doch: „Das kann sich kaum noch jemand leisten“, sagt Büürma.
Probleme Objekte anzubieten
Rosige Zeiten für Makler also? Diese Frage kann Büürma nicht mit einem klaren „Ja“ beantworten. „Was nützt es mir, wenn ich Häuser für viel Geld verkaufen kann, es aber keine Immobilien gibt, die ich anbieten kann?“ Inzwischen nimmt der Makler bereits Immobilien aus dem Ruhrgebiet mit in sein Portfolio auf, um mehr anbieten zu können. Das hat auch damit zu tun, dass Häuser und Wohnungen in Ostfriesland nach wie vor sehr beliebt bei Menschen aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland sind. Diese Erfahrung haben auch Sina Schilling und Nico Müller schon gemacht. Mehrfach sind sie außerdem in ein Bieterverfahren geraten, bei dem sich Interessenten mit Kaufabsicht mit dem Preis für die Immobilie gegenseitig überbieten.
Grundstücksmarktbericht
Der Grundstücksmarktbericht wird jährlich von den regionalen Gutachterausschüssen und dem Oberen Gutachterausschuss der Bundesländer erhoben. Auf Grundlage der registrierten Kaufverträge für Grundstücke ermitteln sie statistische Daten. Der Grundstücksmarktbericht lässt sich kostenlos herunterladen unter www.immobilienmarkt.niedersachsen.de
Nicht nur Häuser, auch unbebaute Grundstücke sind in Ostfriesland begehrter denn je, was unter anderem zu langen Wartelisten für geplante Neubaugebiete führt. Beispiele sind etwa die Projekte „Conrebbersweg-West“ in Emden oder auch „Im Timp“ in Aurich. Trotz hoher Quadratmeterpreise ist die Nachfrage groß. „Normale Preise für Grundstücke liegen inzwischen bei 150 bis 200 Euro, in guten Lagen auch mal bis zu 300 Euro pro Quadratmeter“, so Büürma.
Häuserpreise um 87 Prozent gestiegen
Hohe Preise und lange Wartelisten für Grundstücke: Mit Geld allein ist es also nicht getan, es braucht auch ein wenig Glück, wenn es darum geht, eines der begehrten Fleckchen Erde in Ostfriesland zu erwerben. Ein Trend den Büürma beobachtet: Alternativ kaufen Interessenten ältere Häuser aus den 50er oder 60er Jahren samt Grundstück, reißen die Gebäude ab, um dann neu zu bauen.
Die Zahlen aus dem aktuellen Grundstücksmarktbericht bestätigen die Einschätzung, die Büürma aus dem Bauch heraus getroffen hat: Der übliche Kaufpreis für ein durchschnittliches Einfamilienhaus, Baujahr 1980 und 140 Quadratmeter Wohnfläche lag im Jahr 2020 zwischen 175.000 Euro im ländlichen Bereich und 230.000 Euro in den Städten. Das Preisniveau der Ein- und Zweifamilienhäuser war 2020 erneut deutlich um zehn Prozent gestiegen. Damit beläuft sich die Preissteigerung der letzten zehn Jahre auf 87 Prozent. Ähnlich verhalten sich die Preise bei Eigentumswohnungen. Und auch die Mietpreise ziehen dementsprechend an, wie Büürma bestätigt.
Gut vorbereitet kauft es sich leichter
Ostfriesland - Das Exposé liest sich gut, die Zimmeraufteilung und Kaufpreis stimmen. Der Termin zu Besichtigung ist gemacht. Worauf gilt es zu achten? Welche Informationen fehlen noch, um anschließend mit dem Exposé bei den Banken vorstellig zu werden? Mit ein wenig Vorbereitung auf den Besichtigungstermin lässt sich im Nachgang vieles schneller und einfacher regeln. Gutachter geben in der Regel folgende Tipps für die Besichtigung: Falls möglich, sollte die Immobilie immer bei Tageslicht angeschaut werden. Nur so lässt sich beurteilen, in welche Räume tagsüber die Sonne scheint und ob es Bereiche gibt, die trotz Tageslicht zu dunkel sind.
Weil ein Hauskauf oft die größte Investition im Leben ist, sollten sich Käufer Zeit für die Besichtigung nehmen. Wer anschließend noch das Gefühl hat, etwas vergessen zu haben, sollte den Makler um einen zweiten Termin bitten. Interessenten sollten sich am besten schon vor der Besichtigung das Exposé zusenden lassen. Auf diese Weise haben sie die wichtigsten Fakten schon zur Hand. Neben dem Exposé ist es ratsam, etwas zum Schreiben mitzunehmen sowie einen Zollstock. Auch Bausachverständige können den Termin begleiten.
Ist der Keller feucht? Wie wird geheizt? Wie hoch sind die Decken? Fragen wie diese sollten beim ersten Besichtigungstermin bereits eine Rolle spielen. Auch der Garten und die Außenanlagen sollten bei der Besichtigung nicht vernachlässigt werden. In welchem Zustand sind Auffahrten, Carports, Wege, Terrassen und Balkone? Bekommt die Terrasse nachmittags und abends Sonne? All das sollte nach der Besichtigung beantwortet sein.
Vor allem für die finanzierende Bank, aber auch für Versicherungen und vieles weitere sind wichtige Kennzahlen rund ums Haus wichtig. Wie viele Quadratmeter hat das Haus? Wie groß ist das Grundstück? Was steht im Energieausweis und im Grundbuch? Letztlich auch den Zuschlag für eine Immobilie ist es in der angespannten Lage wichtig, auch als Käufer einen guten Eindruck zu machen. In beliebten Wohnlagen wird es oft mehrere Interessenten geben, unter denen der Verkäufer auswählen kann. Vielen Verkäufern ist es nicht nur wichtig, dass der Kaufpreis möglichst hoch ist. Sie wollen ihr Haus außerdem in guten Händen wissen. Am besten bringen Interessenten bereits zur Besichtigung eine Mappe mit Schufa-Auskunft, Gehaltsnachweisen oder einer Finanzierungsbestätigung von der Bank mit.
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In vielen Neubaugebieten in Ostfriesland sind Quadratmeterpreise von 100 bis 150 Euro üblich. Wieviel im Jahr 2020 gezahlt wurde, das lässt sich im Grundstücksmarktbericht 2021 nachlesen. Demnach liegt der mittlere Preis inklusive Erschließungskosten bei 98 Euro (Stadt Emden), 68 Euro (Landkreis Aurich), 125 Euro (Stadt Aurich), 81 Euro (Landkreis Leer), 149 Euro (Stadt Leer), 69 Euro (Landkreis Wittmund), 79 Euro (Stadt Wittmund).
Wie groß sind die Grundstücke?
Die mittlere Größe der im Jahr 2020 verkauften Grundstücke in Ostfriesland beträgt 810 Quadratmeter (Landkreis Leer), 740 Quadratmeter (Stadt Leer), 770 Quadratmeter (Landkreis Wittmund), 780 Quadratmeter (Landkreis Aurich), 680 Quadratmeter (Stadt Aurich), 510 Quadratmeter (Stadt Emden).
Tipps
Für die Immobiliensuche:
Neben Online-Portalen finden sich Immobilienanzeigen und Exposés in Zeitungen, bei Banken oder Versicherungen sowie in Bestandslisten von Immobilienmaklern. Bei Maklern und auch bei Banken können sich Interessierte auf Listen setzten lassen. Sobald ein passendes Objekt verfügbar ist, werden die Interessenten informiert. Oft werden Immobilien direkt auf diesem Weg verkauft und tauchen gar nicht erst als Anzeige auf.
Mitmachen!
Sie haben einen alten Gulfhof oder eine traditionelle Stadtvilla modern renoviert? Sie leben in einem Tiny-Haus oder in einem besonderen Wohnprojekt mit mehrren Generationen? Ihr Haus ist architektonisch auffällig oder Sie haben ein Händchen für besondere Einrichtung? Wir suchen Menschen in Ostfriesland, die uns einen Blick durchs Schlüsselloch gewähren und ihren Wohntraum vorstellen. Interessierte können sich per E-Mail an s.tome@zgo.de oder auch telefonisch unter 0170/3707342 melden.