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Proot man driest Platt – Oostfreesen düren dat

| | 04.01.2022 18:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Grietje Kammler, Leiterin des Plattdüütskbüros, hält für das Plattdeutsche die Fahne hoch. Foto: Ortgies/Archiv
Grietje Kammler, Leiterin des Plattdüütskbüros, hält für das Plattdeutsche die Fahne hoch. Foto: Ortgies/Archiv
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Seitdem ein Ratsmitglied in Ostrhauderfehn eine Ratssitzung auf Platt verhindert hat, wird die Frage diskutiert: „Wie viel Platt ist erlaubt?“

Ostfriesland - Die mittelamerikanische Halbinsel Yucatán trägt diesen Namen, seit 1517 der Spanier Francisco Hernández de Córdoba dort mit seinem Schiff vor Anker ging. Er erkundigte sich bei den einheimischen Maya, wie denn die Gegend heiße. Seither heißt die Halbinsel sinngemäß: „Ich verstehe dich nicht.“

Was und warum

Darum geht es: In Ostfriesland wird Platt gesprochen. Manche Zugezogene sind damit jedoch nicht einverstanden.

Vor allem interessant für: Plattproters und Ostfriesen-Sympathisanten

Deshalb berichten wir: In Ostrhauderfehn gibt es jedes Jahr eine Ratssitzung auf Plattdeutsch. Im Dezember wurde die auf Wunsch eines einzigen Ratsmitgliedes ausgesetzt.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Zwar heißt in Ostfriesland keine Ortschaft „Ick verstaah di nee“, aber die Haltung, mit der die Spanier die Antwort der Maya missdeuteten, ist offenbar noch weit verbreitet: Hochdeutsche gehen selbstverständlich davon aus, dass Ostfriesen ihre Sprache verstehen und bedienen. Das zeigt eine Reihe von Leserbriefen, die jüngst an diese Zeitung gerichtet wurden, und die mich als plattdeutsche Ostfriesin hart getroffen haben.

Rat verzichtet auf Platt

Anlass war ein Bericht über eine Ratssitzung in Ostrhauderfehn, in der eigentlich Plattdeutsch gesprochen werden sollte. So ist es dort für die letzte Sitzung im Jahr üblich. Nun beklagte sich ein Ratsmitglied, er verstehe die Sprache nicht, und es war niemand da, der ihm übersetzen konnte. Obwohl die anderen Ratsmitglieder mit der plattdeutschen Sitzung einverstanden waren, gaben sie nach.

Leserbriefschreiber fanden das völlig in Ordnung. Ostfriesen, die in Gegenwart von Hochdeutschen Platt sprechen, wurden von ihnen als arrogant oder respektlos dargestellt oder des „übertriebenen Heimatstolzes“ bezichtigt. Eine Dame verkündete, die Sprache „gefalle ihr nicht“. Allen gemeinsam ist die Vorstellung, dass Ostfriesen hochdeutsch zu sprechen haben, sobald jemand kein Platt versteht.

Sprachverlust ist kein Zufall

Dabei profitieren sie von dem Umstand, dass für Ostfriesen ganz normal ist, was diesen Hochdeutschen selbst offenbar zu anstrengend ist: Sie beherrschen zwei Sprachen. Zumindest ein großer Teil der Einheimischen. Vielen ist das Plattdeutsche verloren gegangen, oder sie sprechen es nur selten. Das ist kein Zufall, erst recht kein Beleg dafür, dass Platt „nicht mehr zeitgemäß“ ist, wie in einem Kommentar behauptet wurde.

Die Sprache wurde nicht aus freien Stücken aufgegeben, sondern weil den Nachkriegsgenerationen weisgemacht wurde, Plattdeutsch verringere die Chancen auf Bildung und einen Arbeitsplatz. Blanker Unsinn, doch in Zeiten von Strukturschwäche und Arbeitslosigkeit reagierten Eltern, in dem sie mit den Kindern Hochdeutsch sprachen. Heute ist wissenschaftlich belegt, dass eine zweisprachige Erziehung im Gegenteil viele Vorteile birgt.

Platt ist staatlich geschützt

Ostfriesen kämpfen für den Erhalt ihrer Sprache. Eine Errungenschaft ist die Unterzeichnung der Europäischen Sprachencharta zum Erhalt der Regional- und Minderheitensprachen. Diese hat die niedersächsische Landesregierung 1999 übernommen. Darin verpflichtet sich das Land, das Plattdeutsche und das Saterfriesische zu fördern. Durch die Charta ist unter anderem geregelt, an welchen Stellen des öffentlichen Lebens Platt gesprochen werden darf.

Ja, in den Räten darf Platt gesprochen werden. Grietje Kammler, Leiterin des Plattdüütsk-Büros der Ostfriesischen Landschaft, bestätigt nicht nur das, sondern auch, dass in den meisten Gemeinden mindestens eine Sitzung pro Jahr auf Platt geführt wird. „De meesten maaken dat in September, in uns Plattdüütsk-Maand“, sagt sie. Allerdings, so unterstreicht sie, müsse Anwesenden die Möglichkeit einer Übersetzung gegeben werden. Jedoch: Wortbeiträge auf Platt seien in jeder Ratssitzung möglich. „Dat kann nüms verbeden“, so Kammler.

Plattdeutsch im Bundestag

Der Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretär bei der Innenministerin, Johann Saathoff (SPD), lässt sich das nicht mal bei Reden im Deutschen Bundestag verbieten. Mindestens einen plattdeutschen Satz lasse er einfließen, sagte er auf Anfrage, er hielt sogar schon ganze Reden in seiner Heimatsprache. Als Bürgermeister der Krummhörn habe er Sprechstunden angeboten: „Natürlich konnten Einwohner auf Hochdeutsch fragen, aber geantwortet habe ich auf Platt.“

Reporterin Karin Lüppen spricht Platt und will darauf nicht verzichten. Foto: Ortgies/Archiv
Reporterin Karin Lüppen spricht Platt und will darauf nicht verzichten. Foto: Ortgies/Archiv

An plattdeutsche Sitzungen und Redebeiträge kann sich Rico Mecklenburg, Präsident der Ostfriesischen Landschaft, aus seiner Zeit als Ratsmitglied in Emden, gut erinnern. „Unsere Heimatsprache hat es verdient, nicht beiseite geschoben zu werden“, sagt er – dabei ist er kein gebürtiger Ostfriese. Inzwischen könne er kleinere Grußworte auf Platt halten: „Doon deit lehren“, versichert er. Für Ratssitzungen empfiehlt er, für eine direkte Übersetzung zu sorgen, schon alleine, damit Beschlüsse rechtssicher seien. Aber eine Sitzung pro Jahr auf Platt, das hält Mecklenburg für wünschenswert.

Um das noch mal festzuhalten: Es ging in Ostrhauderfehn um eine einzige Sitzung im ganzen Jahr. Was besprochen wurde, hätte jeder den hochdeutschen Sitzungsunterlagen entnehmen können. Wer zehn oder 20 Jahre in Ostfriesland lebt und vorgibt, nicht mehr zu verstehen als „Moin“ und „Wo geiht“, sollte sich fragen, ob er den richtigen Wohnort hat. Aber bitte nicht nach Stuttgart oder in den Schwarzwald umziehen! Denn gemäß einer offiziellen Werbung für Baden-Württemberg kann man dort alles – außer Hochdeutsch.

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