Justiz

War Leer die Zentrale eines großen Schleuser-Netzwerks?

| | 10.01.2022 16:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Der mutmaßliche Kopf der Schleuser-Bande sitzt in Untersuchungshaft – und wurde deshalb in Handschellen in den Saal geführt. Foto: Ortgies
Der mutmaßliche Kopf der Schleuser-Bande sitzt in Untersuchungshaft – und wurde deshalb in Handschellen in den Saal geführt. Foto: Ortgies
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Vier Syrer sollen von Leer aus Landsleute nach Deutschland geschleust haben. Einer der am Landgericht Aurich Angeklagten soll gar der Kopf einer international tätigen Bande mit Zentrale in Leer sein.

Aurich - Der Kopf des Hauptangeklagten ist kahl rasiert. Seine drei mutmaßlichen Komplizen hingegen haben volleres Haar. In Pullover oder Parka heben sich die Syrer ab von Staatsanwalt, Verteidigern und Richtern in ihren schwarzen Roben. Die vier Männer sitzen im großen Sitzungssaal des Auricher Landgerichts, weil sie als Schleuser-Bande von Leer aus andere Syrer illegal nach Deutschland und weitere Länder geholt und dafür bis zu 10.000 Euro pro Person kassiert haben sollen. Angeklagt sind im am Montag begonnenen Prozess fünf Fälle, und die Ermittler – das wird im Vortrag von Erstem Staatsanwalt Malte Sanders ganz deutlich – haben sich die größte Mühe gegeben, sie zu rekonstruieren.

Eine von der Staatsanwaltschaft nicht identifizierte und damit auch nicht in Aurich angeklagte Person soll dafür gesorgt haben, dass die Syrer über die Türkei nach Griechenland kamen – auf Geheiß des 35 Jahre alten und seit eineinhalb Jahren in Deutschland lebenden Hauptangeklagten. Sanders nennt ihn in der Anklageverlesung den „Kopf einer international agierenden Bande“. In Griechenland sollen die jetzt mit ihm vor Gericht stehenden mutmaßlichen Komplizen ins Spiel gekommen sein: Wer das Spar-Paket gebucht habe, sei per Landweg über Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland gekommen. Wer mehr Geld gezahlt habe, sei ab Athen geflogen – beispielsweise nach Deutschland oder in die Niederlande.

Kreative Lösung für Pass-Problem

Das Problem der nicht vorhandenen Pässe der zu Schleusenden sollen die mutmaßlichen Banden-Mitglieder kreativ gelöst haben – und zwar nicht etwa durch Fälschungen. Der mutmaßliche Kopf der Bande soll sich in Deutschland die Pässe südländisch aussehender Frauen organisiert haben, darunter auch den seiner eigenen Schwester. Mit diesen Papieren im Gepäck soll dann jeweils einer der Komplizen nach Athen geflogen sein. Mit der zu schleusenden Frau sei dieser dann in Athen zum Friseur und Stylisten gegangen – um das Aussehen der Frau dem Passfoto anzugleichen. Mit fremdem Pass und neuem Aussehen sollen sie dann in den Flieger nach Deutschland gestiegen sein.

Dieses Vorgehen wurde der Bande schlussendlich aber zum Verhängnis. Einer der Komplizen – ein 25-Jähriger, der in Leer lebt – wurde von Sicherheitskräften am Flughafen in Athen kontrolliert, als er die Papiere der Schwester des mutmaßlichen Banden-Chefs dabei hatte. Die Behörden stellten den Reiseausweis sicher und übergaben sie der deutschen Auslandsvertretung in Griechenland. Die Schleusung war gescheitert. Die Aktion hatte von vornherein nicht unter einem guten Stern gestanden: Geplante Ausreisen über die Flughäfen Hamburg und Düsseldorf waren wegen der Corona-Pandemie gescheitert. Erst im dritten Anlauf war der Mann – nun über Amsterdam – überhaupt nach Athen gekommen.

„Mein Ziel war es, zu helfen“

Im Verhandlungssaal lassen die Angeklagten über ihre Anwälte ausrichten, dass sie zunächst nichts sagen würden. Es könne aber zu einem späteren Zeitpunkt mit Aussagen gerechnet werden. Der mutmaßliche Banden-Chef hält sich aber nicht an die Absprache. Irgendwann redet er auf Arabisch los – und die Dolmetscherin übersetzt: „Sehr geehrte Damen und Herren und Richter, ich gebe zu, dass ich Fehler gemacht habe. Aber mein Ziel war es, zu helfen.“ Dass pro geschleuster Person an den Mann bis zu 10.000 Euro gezahlt worden sein sollen, spricht allerdings eher für Eigennutz. Dazu kommt ein weiterer angeklagter Fall, in dem zwei Komplizen des Mannes mit den zu Schleusenden eher wie mit Objekten als mit Menschen umgegangen sein sollen.

Mit zwei Autos sei es in einer Winternacht von Wien aus über die deutsche Grenze bei Passau gegangen – in einem Wagen drei Geflüchtete, in einem anderen sechs. Einen von ihnen sollen die Männer in den Kofferraum gesteckt haben. Bei der Verfolgung durch die Bundespolizei kam der mit sechs Geflüchteten besetzte Wagen wegen Schneeglätte ins Rutschen und kam von der Straße ab. Der Komplize im anderen Wagen konnte mit den drei anderen Geflüchteten entkommen. Laut Staatsanwaltschaft fuhr er zurück nach Wien. Dort seien die Menschen in einer Wohnung eingesperrt worden, sagt Sanders während der Verhandlung. „Sie wurden dort im Anschluss durch Wiener Polizeikräfte befreit.“

Der Prozess wird am Montag kommender Woche um 11 Uhr in Saal 03 fortgesetzt.

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