Johann Saathoff mit dabei

Bundestag hat eigene Plattdeutschgruppe

| | 14.01.2022 19:58 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Johann Saathoff ist bekannt dafür, auch im Bundestag nicht aufs Plattdeutsche zu verzichten. Archivfoto: Ortgies
Johann Saathoff ist bekannt dafür, auch im Bundestag nicht aufs Plattdeutsche zu verzichten. Archivfoto: Ortgies
Artikel teilen:

Johann Saathoff (SPD) hat mit weiteren Bundestagsabgeordneten und Interessierten eine parlamentarische Gruppe Plattdeutsch ins Leben gerufen. Im Interview erzählt er, was es damit auf sich hat.

Krummhörn/Berlin - Es ist wohl niemand so bekannt dafür, das Plattdeutsche auch in Berlin zu vertreten, wie Johann Saathoff. Der SPD-Bundestagsabgeordnete und vormalige Bürgermeister der Krummhörn hat nun auch eine Parlamentsgruppe zum Plattdeutschen gegründet.

Im Interview mit unserer Zeitung spricht Saathoff über die Bedeutung des Plattdeutschen und die neue Parlamentsgruppe.

Frage: Herr Saathoff, es gibt im Bundestag neuerdings eine Parlamentsgruppe Plattdeutsch. Was muss man sich darunter vorstellen?

Saathoff: In einer Parlamentsgruppe finden sich Menschen aus dem parlamentarischen Raum zu einem bestimmten Thema zusammen. Bei uns ist es die plattdeutsche Sprache. Ich bin aber zum Beispiel auch Vorsitzender des Werder-Bremen-Fanclubs im Deutschen Bundestag, das ist ebenfalls eine Parlamentsgruppe.

Frage: Wie ist die Idee zur plattdeutschen Gruppe entstanden?

Saathoff: 2018 saß ich während einer Dienstreise abends mit einigen Kolleginnen und Kollegen zusammen, darunter Gyde Jensen [Anmerkung der Redaktion: FDP-Bundestagsabgeordnete aus Schleswig-Holstein]. Da stellten wir fest, dass wir beide Platt sprechen. Daraus entwickelte sich dann die Idee einer Parlamentsgruppe. Es hat aber noch ein bisschen gedauert, bis wir dann nach der vergangenen Bundestagswahl auch die Gruppe gegründet haben.

Frage: Wer ist denn noch Mitglied?

Saathoff: Im Gegensatz zu Parlamentariergruppen sind bei einer Parlamentsgruppe nicht nur Abgeordnete Mitglied. Bei uns sind zwar einige Bundestagsabgeordnete dabei, aber auch einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen, die einen Bezug zum Platt haben.

Frage: Aus welchen Regionen kommen die Mitglieder und welches Platt ist vertreten?

Saathoff: Meine Kollegin und Mit-Initiatorin Gyde Jensen kommt aus Schleswig-Holstein, eine Kollegin aus dem Oldenburger Raum und ein Kollege aus NRW. Ich freue mich auch über die Teilnahme meiner „Nachbarin“ Anja Troff-Schaffarzyk. Andere kommen aus Mecklenburg-Vorpommern. Und selbstverständlich sind Bremen und Hamburg auch vertreten. Es ist eine breite Mischung von Menschen aus den nördlichen Bundesländern.

Frage: Hand aufs Herz: Verstehen Sie sich untereinander, wenn Sie Platt sprechen?

Saathoff: Sie wissen ja selbst, dass man schon Schwierigkeiten bekommen kann, wenn man aus der Krummhörn ins Rheiderland fährt. Plattdeutsch ist eben regional stark unterschiedlich und es gibt meines Erachtens kein richtig und falsch. Aber genau das macht es aus und das bringt auch großen Spaß.

Frage: Was sind die Ziele der Parlamentsgruppe?

Saathoff: Die Pflege der Kultur des Plattsprechens verbindet uns. Im politischen Berlin herrscht eine eigene Sprache und wir wollen das Platt hier im Deutschen Bundestag mehr zur Geltung bringen. Deutschland ist vielfältig, auch in seiner Sprache. Deshalb wollen wir den Deutschen Bundestag mit mehr Platt bereichern. Und vielleicht trägt das dann ja auch dazu bei, dass die Öffentlichkeit noch mehr für die niederdeutsche Sprache sensibilisiert wird. Letztlich wollen wir erreichen, dass es wieder mehr Platt in allen Lebensbereichen gibt. Ich weiß zum Beispiel schon aus meiner Zeit als Bürgermeister, dass einige Menschen in erster Linie Platt sprechen und Hemmungen im Hochdeutschen haben. Und außerdem wollen wir die bereits bestehenden Bemühungen für das Platt wertschätzen und noch mehr Menschen dazu ermuntern, sich für das Platt einzusetzen.

Frage: Wie häufig schaffen Sie es in Berlin, Platt zu sprechen?

Saathoff: Tja, das schaffe ich leider viel zu selten. Es gibt im Bundesinnenministerium einen Ausschuss für niederdeutsche Sprache, da bin ich seit Jahren Mitglied. Aber der tagt leider auch viel zu selten. Ich spreche auch in Berlin meistens Platt, wenn ich mit Ostfriesen telefoniere. Es gibt ja auch in meinen Berlin-Wochen immer Angelegenheiten in Ostfriesland zu regeln.

Frage: Sie sind ja auch bekannt dafür, dass Sie in Ihren Reden immer mindestens ein plattdeutsches Wort oder einen plattdeutschen Satz unterbringen. Spricht man in Berlin über dieses „Markenzeichen“?

Saathoff: Tatsächlich würde ich das als mein Markenzeichen bezeichnen. Und genau deshalb bin ich ja überhaupt erst zu meiner plattdeutschen Rede gekommen. Die Kolleginnen und Kollegen im Innenausschuss haben mich genau wegen dieser Zitate seinerzeit gefragt, ob ich zu einem Antrag der AfD eine Rede auf Platt halten möchte.

Frage: Ihre plattdeutsche Rede gegen eine Initiative der AfD, die Deutsch als Landessprache im Grundgesetz verankern wollte, hat bundesweit für Aufsehen gesorgt. Bekommen Sie auf Ihre plattdeutschen Einschübe viele Rückmeldungen?

Saathoff: Kurz nach der Rede habe ich unglaublich viele Reaktionen bekommen. Und 99 Prozent waren positiv. Das war so viel, ich konnte längst nicht allen Menschen antworten. Heute werde ich noch immer auf diese Rede angesprochen, obwohl sie schon fast vier Jahre her ist. Besonders fand ich immer die Reaktionen der Bundestagspräsidenten auf meine Zitate, vor allem die von Claudia Roth.

Frage: Ich hatte jüngst ein Gespräch mit einer Familie aus dem Schwarzwald, begeisterte Ostfriesland-Fans, die jetzt Plattdeutsch lernen wollen, um bei Besuchen in der regionalen Zunge sprechen zu können. Wie finden Sie das?

Saathoff: Das finde ich toll! Durch das Erlernen einer Sprache erweitert man seinen Horizont. Ich würde mich gern überall auf der Welt in Landessprache verständigen können. Doon deiht lehren…

Frage: Die Familie macht sich Sorgen, dass Ostfriesland seine plattdeutsche Stimme verlieren könnte. Teilen Sie diese Angst?

Saathoff: Diese Sorge kann ich ihnen nehmen. Ich weiß, dass bei vielen jungen Menschen Platt wieder in Mode gekommen ist. Ich bin zuversichtlich, dass unser Platt nicht aussterben wird.

Frage: Welchen deutschen Zungenschlag können Sie eigentlich am wenigsten verstehen?

Saathoff: Ich habe eine sehr nette Kollegin aus dem bayerischen Wald. Bei der war ich sogar schon im Wahlkreis zu Besuch. Wenn die richtig loslegt, verstehe ich kein Wort mehr.

Ähnliche Artikel