Schiffsunglück

Havarie-Sandbank vor Wangerooge ist seit Jahren bekannt

| | 04.02.2022 15:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die „Mumbai Maersk“ hat am Freitagnachmittag Bremerhaven erreicht. Foto: Schuldt/DPA
Die „Mumbai Maersk“ hat am Freitagnachmittag Bremerhaven erreicht. Foto: Schuldt/DPA
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Die Untiefe vor Wangerooge, auf der die „Mumbai Maersk“ aufsetzte, besteht aus Sand von Ausbaggerungen – und ist in Seekarten verzeichnet. Wie es dennoch zur Havarie kam, soll bis Dienstag feststehen.

Wangerooge/Cuxhaven - Die Sandbank vor Wangerooge, auf die in der Nacht zu Donnerstag die „Mumbai Maersk“ aufgesetzt war, ist laut dem Havariekommando „seit Jahren“ bekannt und sowohl in analogen als auch digitalen Seekarten verzeichnet. Zur Markierung der Stelle, an der Sand von Fahrrinnenausbaggerungen abgelegt worden sei, gebe es auch Tonnen, sagte am Freitag Dieter Schmidt, Nautik-Experte des Kommandos, bei einer Pressekonferenz in Cuxhaven. Der rund 400 Meter lange Megafrachter hatte nach der Havarie bis zur Nacht auf Freitag rund 6,5 Kilometer nördlich der Insel gelegen. Nachdem am frühen Donnerstagmorgen ein Schleppversuch gescheitert und zum Mittagshochwasser von einem weiteren abgesehen worden war, waren die Bergungsexperten laut Kommando-Chef Dr. Robby Renner am Freitag gegen Mitternacht erfolgreich.

In der Nacht wurde der havarierte Frachter wieder freigeschleppt. Foto: Havariekommando
In der Nacht wurde der havarierte Frachter wieder freigeschleppt. Foto: Havariekommando

„Der Versuch hat gegen 0.30 Uhr begonnen“, sagte Renner bei der Pressekonferenz. Es habe bei auflaufendem Wasser 36 Minuten gebraucht, um das Schiff freizubekommen. Für den ersten Impuls, den ersten Ruck, seien 470 Tonnen Pfahlzug an Kraft erforderlich gewesen – obwohl das auflaufende Wasser geholfen und der Sandboden – anders als Schlick oder Matsch – nur wenig Saugkraft gegengesteuert habe. Zuvor hatte die „Mumbai Maersk“ bereits 7000 Tonnen Ballastwasser abgelassen. An Bord waren laut Renner rund 7300 Container. Laut dem Kommando-Chef waren neben den Mehrzweckschiffen „Mellum“ und „Neuwerk“ der deutschen Behörden unter anderem auch zwei Schlepper eines von der Reederei beauftragten Privatunternehmens in den Niederlanden im Einsatz.

Stärkster deutscher Schlepper kam nicht zum Einsatz

Nicht mit dabei war der deutsche Hochsee-Bergungsschlepper „Nordic“, der als leistungsfähigstes deutsches Schiff in diesem Bereich gilt. Renner bestätigte am Freitagmittag, dass sich das Spezialschiff mit mehr als 200 Tonnen Zugkraft zur Reparatur in der Werft finde. Es habe bei einem anderen Notschlepp-Einsatz einen Schaden erlitten und sei deshalb aktuell nicht einsatzfähig. Er ergänzte allerdings, dass der „Nordic“-Ausfall durch ein anderes Schiff kompensiert worden sei. Schmidt erklärte auf Nachfrage, dass die behördlichen Schiffe allein die „Mumbai Maersk“ nicht aus dem Sand hätten befreien können. Aufgrund der Masse und der Größe des Containerschiffes seien dafür enorme Zugkräfte – und damit die Unterstützung von Privaten – nötig gewesen.

Die „Mumbai Maersk“ war von Rotterdam unterwegs nach Bremerhaven – in diesem Bild aber schon auf Grund. Foto: Schuldt/DPA
Die „Mumbai Maersk“ war von Rotterdam unterwegs nach Bremerhaven – in diesem Bild aber schon auf Grund. Foto: Schuldt/DPA

Die Schiffe würden immer größer, das Verkehrsaufkommen immer höher und die Bebauung mit Offshore-Windanlagen immer dichter, sagte Renner. Nadelöhre zwischen Fahrrinne und Land oder Untiefen führten zu großen Herausforderung für die Bergung von Schiffen aus Notlagen. Und nur dafür ist das Havariekommando zuständig. Ist die Gefahr gebannt, muss sich jede Reederei selbst ums Wegschleppen oder ums Fitmachen für die eigene Fahrt kümmern – zu eigenen Kosten. Laut Renner wird die Reederei mit ihrer Versicherung klären müssen, wie der Bund und das private Unternehmen aus den Niederlanden fürs Sichern und Freischleppen bezahlt werden. Kosten fürs Schleppen in einen Hafen dürften jedoch nicht anfallen: Gegen 14 Uhr erreichte sie aus eigener Kraft – aber in Begleitung – einen Liegeplatz in Bremerhaven.

Ruder und Maschine sind intakt

Nach Auskunft des Havariekommandos hatte ein Funktionstest der Besatzung ergeben, dass weder Ruder noch Maschine des Schiffes beschädigt worden waren. Das widerlegt Spekulationen, dass ein kaputtes Ruder für den Unfall verantwortlich gewesen sein könnte. Auch Mutmaßungen, dass das Unglück bei der Aufnahme eines Lotsen geschehen sein könnte, sind nicht tragbar: Laut Havariekommando war der Lotse bereits an Bord, als die „Mumbai Maersk“ auf die Sandbank fuhr. Unseren Informationen zufolge fuhr der Kapitän eine Wende, weil er zunächst keinen Liegeplatz in Bremerhaven bekommen hatte. Im Anschluss daran berührte sein Containerschiff den Meeresboden. Warum das Schiff auf die Sandbank geriet, obwohl die potenziell gefährliche Untiefe in den Seekarten steht, ist noch unklar.

Schmidt sagte bei der Pressekonferenz auf Nachfrage einer Journalistin, dass es durchaus Gründe gebe, eine solche Wende zu fahren. Im Revier, grob gesagt in der Einfahrt zum Hafen, sei so etwas nicht mehr möglich, weswegen ein solches Manöver an der Wesermündung gefahren werden müsste. Weitere Angaben machte das Kommando mit Verweis auf die Ermittlungen der Wasserschutzpolizei nicht. Eine Sprecherin der Oldenburger Inspektion sagte auf Nachfrage, dass in Bremerhaven die gesicherten Daten der Blackbox entgegengenommen würden, um sie auszuwerten. „Voraussichtlich werden wir spätestens Dienstag die Unfallursache kennen“, sagte sie. Gegebenenfalls könnten auch schon am Montag Details genannt werden.

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