Wohnen

Baugebiete: Zwischen „leistbar“ und „nachhaltig“

| | 22.02.2022 15:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Im Baugebiet Grachten II in Greetsiel werden keine besonderen Ansprüche an nachhaltige Bauweisen gestellt. Foto: Wagenaar
Im Baugebiet Grachten II in Greetsiel werden keine besonderen Ansprüche an nachhaltige Bauweisen gestellt. Foto: Wagenaar
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Besondere, über den Standard hinausgehende Anforderungen an Häuslebauer in der Krummhörn gibt es nicht. Wurde hier eine Chance für mehr Nachhaltigkeit vertan?

Krummhörn - Im Mega-Baugebiet Conrebbersweg-West in Emden will die Stadt beim Thema Nachhaltigkeit ganz neue Wege gehen. Für die Bauwilligen herrschen strenge Vorgaben, so müssen die Häuser beispielsweise ohne fossile Energien auskommen. Doch wie sieht das eigentlich in der Krummhörn aus? Hier wird ja schließlich gerade darüber diskutiert, ob ein Klimaschutzmanager eingestellt werden soll oder nicht. Da wäre Nachhaltigkeit, quasi im vorauseilenden Gehorsam, doch auch beim Thema Bauen wichtig.

Doch wie die Gemeinde auf Nachfrage bestätigt: Im großen Baugebiet Grachten II in Greetsiel gibt es keine besonderen Nachhaltigkeitsvorgaben, die Häuslebauer bei ihren Objekten beachten müssen. Dies wurde politisch nicht festgelegt. Doch woran liegt das?

Breite Front gegen noch mehr Auflagen

Eine Anfrage an die Parteien, die im Krummhörner Rat vertreten sind, zeigt, wo vor allem die Politik das Problem sieht: Der Traum vom Eigenheim ist in den vergangenen Jahren immer teurer geworden. Und noch mehr Auflagen würden die Preise für Bauwillige noch weiter in die Höhe treiben. „Natürlich soll die nachhaltige Bauweise bei der Planung von neuen Baugebieten eine Rolle spielen“, betont Alfred Jacobsen, Chef der SPD-Fraktion im Gemeinderat. „Bei den explodierenden Preisen, nicht nur bei Baumaterialien, muss die Nachhaltigkeit aber durch Fördermöglichkeiten von Bund und Land aufgewogen werden, sonst können sich nur noch wohlsituierte Bürger ein neues Zuhause leisten. Das ist natürlich nicht im Sinne der SPD“, sagt Jacobsen weiter.

Heiko Ringena von der Freien Bürgerliste Krummhörn (FBL) gibt außerdem zu bedenken, dass die Planungen für Baugebiete wie Grachten II oder auch Escherweg in Pewsum schon seit Jahren in der Mache sind. „Bei den bisherigen Baugebieten, deren Planung ja schon viele Jahre zurückliegt, war dieser Gedanke noch nicht umsetzbar“, sagt Ringena. Die Planungen bezüglich der Nachhaltigkeit bei Conrebbersweg-West hält Ringena aber für „richtungsweisend“. Und weiter: „Das sollte auch für die Krummhörn Standard werden, gegebenenfalls zudem eine verpflichtende Photovoltaikanlage.“

Vor allem Bund und Land in Pflicht

Jan Looden von der AfD hält unterdessen die Vorgaben durch die Förderrichtlinien der KfW für ausreichend, wenn es um den Bau von Privatwohnungen geht. „Das ist Anreiz genug, um eine nachhaltige Bauweise zu fördern“, teilt er auf Anfrage mit. Auf die bereits bestehenden, hohen Anforderungen an Neubauten weist auch die Gruppe CDU/SWK auf Nachfrage hin. Gerade in Bezug auf Neubauten habe sich in den vergangenen Jahren viel getan. „Es ist doch schon ärgerlich, dass dies keine Beachtung findet und der Eindruck erweckt wird, dass erst durch ,Zwang und gemeindeeigene Auflagen‘ hier etwas für den Klimaschutz entstehen würde.“ Es werde schon jetzt, und das zunehmend, Wert auf Nachhaltigkeit durch übergeordnete Vorschriften beim Bau gelegt.

Wie auch schon die SPD, befürchten auch CDU und Soziale Wählergemeinschaft, dass über die aktuellen Standards hinausgehende Auflagen dazu führen würden, dass sich nur noch „privilegierte“ ein Eigenheim in der Gemeinde leisten könnten. Allgemein sieht die Gruppe vor allem Bund und Land in der Pflicht, hier höhere finanzielle Anreize zu schaffen, um hier der Entwicklung auf dem Markt entgegenzuwirken.

Mehr auf Gebrauchtimmobilien gehen

In eine ganz andere Richtung argumentieren unterdessen die Grünen. Für diese ist zwar die Festlegung von Auflagen zum Klima- und Umweltschutz in Neubaugebieten „zwingend“ für die Zukunft. Aber: „Aus Sicht der Grünen-Fraktion im Krummhörner Rat muss man zunächst die Frage beantworten, ob es grundsätzlich eine weitere Ausweisung von Baugebieten geben soll.“ Die Grünen seien da „zurückhaltend“ und würden den Blick lieber zunächst verstärkt auf die „innerörtliche Verdichtung“ und die „Schließung von Baulücken werfen“.

Ein „Ausweichen“ auf „Gebrauchtimmobilien“ sehen CDU und SWK, die diesen Punkt von sich aus kurz ansprechen, aufgrund des Marktes aber auch kaum als Alternative an. Zum Hintergrund: Während die Politik bei Neubaugebieten durch Vergaberichtlinien, wie sie etwa in Grachten II Anwendung finden, noch bis zu einem gewissen Grad steuern kann, dass hier vor allem Einheimische zum Zuge kommen, ist dies bei bestehenden Häusern, die auf dem freien Markt angeboten werden, nicht möglich.

Was sagt die Bürgermeisterin?

„Grundsätzlich darf nichts gegen nachaltige(re) Bauweisen sprechen“, betont Krummhörns Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos), aber: „Wenn wir jedoch Bauwillige oder künftige Mieter finanziell überfordern, wird die Umsetzung eher behindert als befördert beziehungsweise ist nur noch für bestimmte Bevölkerungsgruppen leistbar.“ Damit liegt die Bürgermeisterin auch auf der Linie, die von einem Großteil des Rates offenbar eingeschlagen wird.

Die Bürgermeisterin betont aber auch, dass „niemand daran gehindert“ werde, die bereits bestehenden Standards zur Energieeffizienz noch zu ergänzen und darüber hinaus zu gehen. Für künftige Baugebiete werde man, davon geht Looden aus, „um eine Diskussion über alternative Energieversorgung für Neubauten nicht umhinkommen“. Das Thema werde auch zu Recht aufgegriffen, jedoch betont sie erneut, dass die Baukosten nicht zu hoch ausfallen dürfen dadurch.

Looden spricht allerdings auch den Mietwohnraum an. Ein Punkt, den auch die SPD bedacht haben möchte. „Wir reden überwiegend über Baugrundstücke, aber wir haben zu wenig Mietwohnungen zu bezahlbaren Preisen in der Krummhörn“, so Jacobsen. Auch der soziale Wohnungsbau sei vernachlässigt worden.

In diesem Zusammenhang weist Jacobsen auch auf die für Ende März angesetzte Klausurtagung des Rates zum Thema „Bauen und Wohnen“ hin. Auch die Grünen sind der Meinung, dass es „in Zukunft vermehrt auch um die Bereitstellung von Mietwohnraum“ gehen müsse.

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