Dorfentwicklung in Hinte

Start mit viel Engagement

| | 26.02.2022 17:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Dirk Kaminski und seine Kollegin Kimberley Kropp vom Planungsbüro NWP aus Oldenburg führten das Dorfgespräch mit den Canhusern – und waren sichtlich begeistert vom Engagement der Gruppe. Foto: Hock
Dirk Kaminski und seine Kollegin Kimberley Kropp vom Planungsbüro NWP aus Oldenburg führten das Dorfgespräch mit den Canhusern – und waren sichtlich begeistert vom Engagement der Gruppe. Foto: Hock
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Das Dorfentwicklungsprogramm bietet mehr Chancen, als man zunächst ahnen mag. Das zeigen die Dorfgespräche in der Gemeinde Hinte. Hier geht es mit vielen Ideen los.

Canhusen/Hinte - Die Gemeinde Hinte und ihre Ortschaften starten ins Dorfentwicklungsprogramm. Die ersten der sogenannten Dorfgespräche haben begonnen - und stehen unter einem guten Stern.

Was und warum

Darum geht es: Der Gemeinde Hinte steht eine interessante Zeit bevor, an deren Ende viele Projekte und Aktionen stehen werden.

Vor allem interessant für: Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde, aber auch anderer Dörfer.

Deshalb berichten wir: Aktuell finden in der Gemeinde Hinte die Dorfgespräche zum Dorfentwicklungsprogramm statt.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Unsere Zeitung hat sich das Gespräch in Canhusen angehört, der Ort liegt am Rand der Gemeinde, aber Parallelen zwischen dem Dorf mit seinen rund 160 Einwohnern und anderen Orten lassen sich ziehen. Zehn Bürgerinnen und Bürger nahmen in Canhusen teil, außerdem ein Vertreter der Gemeinde.

Die Dorfgespräche

Normalerweise hätte es vor den sogenannten Dorfgesprächen noch mindestens eine große Informationsveranstaltung gegeben. Diese musste aufgrund der Pandemie und der geltenden Bestimmungen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Sobald sich die Corona-Regeln ändern, wird dieses nachgeholt. Allen Beteiligten war es wichtig, den Prozess möglichst schnell in Gang zu bringen.

Die Dorfgespräche, wie das in Canhusen, dienen der Information der Bürgerinnen und Bürger der Dorfregion. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, soll aber einen möglichst breiten Querschnitt der Dorfgemeinschaft darstellen – sowohl beim Alter als auch bei der Wohndauer im Ort und den Berufen.

Die Planung

Die Dorfgespräche dienen dazu, erste Impulse für den Dorfentwicklungsplan, der am Ende herauskommen soll, zu generieren – und den Menschen zu erklären, was eigentlich hinter dem Dorfentwicklungsplan als Förderinstrument steckt. Begleitet wird der gesamte Prozess von einem Planungsbüro. In diesem Fall: die NWP Planungsgesellschaft mbH aus Oldenburg. In Canhusen vor Ort waren Dirk Kaminski und Kimberley Kropp, die beide das Dorfentwicklungsprogramm in den kommenden Jahren begleiten werden. „Uns ist bewusst geworden, dass noch nicht viel über den eigentlichen Prozess bekannt ist“, so Kaminski in Canhusen. Das hätten die bisherigen Ortsgespräche in Cirkwehrum und Westerhusen gezeigt. „Am Ende steht der Dorfentwicklungsplan“, so der Stadt- und Regionalplaner Kaminski. In diesem würde zunächst auch erstmal alles aufgenommen, was sich die einzelnen Dörfer wünschen. Und hier geht es gut los. Präsentationen wurden, nicht nur in Canhusen, von den Bürgerinnen und Bürgern vorbereitet, man hat sich schon im Vorfeld viele Gedanken gemacht. So ein Engagement begeistert die Planer.

In den Präsentationen stehen dabei auch Punkte, die nicht zum Kern der sogenannten Zile-Richtlinie gehören. Zile steht für „Zuwendungen zur integrierten ländlichen Entwicklung“ und bildet den Rahmen für die eigentliche Förderkulisse des Dorfentwicklungsprogramms. Bestes Beispiel für Punkte, die nicht im Fokus stehen: Straßen und Wege. „Die wurden früher in der Dorferneuerung häufig gefördert, im Dorfentwicklungsprogramm liegen die Prioritäten aber in anderen Handlungsfeldern“, so Kaminski.

Das Ziel

Denn das Dorfentwicklungsprogramm habe andere Ziele. „Es steht die dörfliche und soziale Entwicklung im Vordergrund“, so Kaminski im Gespräch mit dieser Zeitung. Ziel sei es, die Dorfgemeinschaften zu (re-)aktivieren, Aktivitäten vor Ort zu fördern und ganz wichtig: die Dörfer zu einer Dorfregion zusammenzubringen. „Die Orte sollen feststellen, dass sie zusammen stärker sind als alleine und mit übergreifenden Projekten auch mehr erreichen können“, sagt der Planer. Also seien auch dorfübergreifende Projekte nicht nur möglich, sondern auch gewünscht.

Bedeutet das nun, dass die Renovierung des Dorfgemeinschaftshauses in Canhusen schlechte Chancen auf Förderung hat? Nein, im Gegenteil. „Dorfgemeinschaftshäuser gehören zu den typischen Beispielen für Projekte“, erklärten Kaminski und Kropp in Canhusen. Solche Projekte, oder auch solche, die die Geschichte des Dorfes vor Ort erfahrbar machen, dienen ja der Stärkung des Gemeinwesens in den Orten – und darauf komme es an.

Wer macht eigentlich was?

Die sogenannte Strategiegruppe ist in Hinte schon gebildet, sie besteht aus den Ortskümmerern sowie Mitgliedern von Planungsbüro, Verwaltung und Behörden. Aus den Gruppen, die sich nun zu den Dorfgesprächen zusammengefunden haben, wird wiederum der sogenannte Arbeitskreis gebildet. Hier sitzen alle Dörfer der Gemeinde gleichberechtigt und ohne Bevorteilung aufgrund der Ortsgröße an einem Tisch. Zudem werden Arbeitsgruppen, ebenfalls zu gleichen Teilen aus Bewohnern der Dörfer, gebildet.

Diese beiden Gruppen sind es, die unter Begleitung des Planungsbüros den Dorfentwicklungsplan entwickeln, aus dem wiederum dann die konkreten Projekte abgeleitet werden. „Das Dorfentwicklungsprogramm ist das bürgernaheste Programm, das es gerade gibt“, so Kaminski. Die Bewohner der Orte würden sehr intensiv eingebunden – und auch begleitet. „Am Ende der Prozesse kennt man sich sehr gut, besser als vorher“, weiß der Planer aus anderen Dorfentwicklungsprogrammen.

Aber, und das betont Kaminski auch, es geht bei den Projekten nicht immer nur ums Geld. Das ganze Programm sei auch darauf ausgerichtet, die Eigeninitiative der Menschen vor Ort zu fördern. Ein Beispiel, das auch in Canhusen genannt wurde: Dorfverschönerung. „Hier können sich die Menschen auch ohne große Förderungen mit Engagement einbringen und so positive Signale setzen – auch in Richtung der Gemeinde“, sagt Kaminski. Wenn man sich das Engagement, das in den Dörfern schon jetzt in die Vorbereitung geflossen ist, ansieht, dann kann man wohl davon ausgehen, dass es solche positiven Signale künftig mehrfach in der Gemeinde geben wird.

Und was ist mit den Straßen?

Die Enttäuschung, dass es wirklich kaum Chancen auf eine Förderung von Straßenbauprojekten durch die Zile-Richtlinie gibt, war manchem der rund zehn Canhuser beim Dorfgespräch anzumerken. Aber: Auf der zweiseitigen Liste gab es schon viele gute Ideen und Ansätze. Und selbst das, was nicht im Fokus von Zile steht, wird in den Dorfentwicklungsplan aufgenommen.

Warum? Zum einen ist der Dorfentwicklungsplan auch eine Handreichung für Verwaltung und Politik. Mit diesem Plan kann man, das wurde im Dorfgespräch deutlich, nicht nur die konkreten Projekte für das Dorfentwicklungsprogramm realisieren – sondern auch weitere Wünsche und „Baustellen“ konkret benennen. Das bietet den Menschen vor Ort auch die Möglichkeit, dies den Entscheidungsträgern in Verwaltung und Politik deutlich zu machen.

Außerdem: „Wir suchen auch nach anderen Förderungen, nicht nur der sogenannten Zile-Richtlinie, die beim Dorfentwicklungsprogramm genutzt wird“, sagt Kaminski. Das bedeutet: Es besteht auch die Chance, dass Projekte nicht nur über die „Zuwendungen zur integrierten ländlichen Entwicklung“ realisiert werden, sondern andere Förderprogramme aufgetan werden können. „Auch deswegen ist es wichtig, den Entwicklungsplan zu formulieren“, so der Planer. Im Dorfentwicklungsprogramm stecken, dank der fachkundigen Begleitung, also noch mehr Chancenl für die gesamte Dorfregion als man anhand der Beschreibung des Programms glauben mag.

Wie lange dauert es?

„Bis zum Dorfentwicklungsplan dauert es ungefähr ein Jahr“, heißt es im Dorfgespräch. Diese Zeit sei arbeitsintensiv und hier sei auch das Planungsbüro besonders gefordert. „Wenn das geschafft ist, ist die eigentliche Umsetzung aber sehr einfach“, sagt Kaminski. Das gesamte Entwicklungsprogramm ist auf rund acht Jahre angelegt. „Gerade im ersten Jahr lernen die Dorfgemeinschaften auch viel über sich und ihre Nachbarn.“ Auch das sei wichtig, da so ein klareres Bild darüber entstehe, wo die Dörfer in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren stehen wollen.

„Es ist wirklich das Ziel, dass etwas Nachhaltiges entsteht, das will das Land Niedersachsen mit dem Programm erreichen“, sagt Kaminski. Genug Kreativität, das haben die bisherigen Dorfgespräche gezeigt, dürfte in der Gemeinde vorhanden sein.

Das wurde anderswo umgesetzt

Die Gemeinde Hinte ist nicht die einzige Dorfregion, die es in Ostfriesland ins Dorfentwicklungsprogramm geschafft hat. Während die Emder Nachbargemeinde erst frisch dabei ist – und in der letztjährigen Neuaufnahmerunde als einzige Gemeinde in Ostfriesland neu aufgenommen wurde – sind andere Regionen schon länger dabei.

So zum Beispiel die Gemeinde Krummhörn. Sie wurde 2017 mit der Dorfregion „Warfendörfer der Gemeinde Krummhörn“ in das Dorfentwicklungsprogramm aufgenommen. Während in Hinte alle Ortschaften mit dem Programm abgedeckt werden, wurden in der Krummhörn die sieben Ortschaften „Canum, Groothusen, Hamswehrum, Jennelt, Upleward, Woltzeten und Woquard in eine zu entwickelnde Dorfregion zusammengefasst“, wie es auf der Internetseite der Gemeinde heißt.

Sieben Dorfregionen im Landkreis

Mit der Dorfregion Hinte sind nun insgesamt sieben Regionen im Landkreis Aurich im Programm. In der Stadt Emden sind Uphusen und Marienwehr in das Programm aufgenommen worden, im Landkreis Leer sind es fünf Dorfregionen und im Landkreis Wittmund eine.

Was über die Programme umgesetzt wird, ist dabei ganz unterschiedlich. In der Krummhörn flossen Mittel aus dem Dorfentwicklungsprogramm in den Trockenstrand. Auch das Dorfgemeinschaftshaus Hamswehrum sowie der Dorfplatz wurden mit Zile-Mitteln saniert beziehungsweise umgestaltet. Die Arbeiten sind seit Mitte Dezember 2020 abgeschlossen, eine Einweihung konnte aufgrund der Pandemie allerdings noch nicht stattfinden.

Auch über eine Sanierung des Dorfgemeinschaftshauses in Woltzeten wurde im vergangenen Jahr diskutiert. Allerdings gab es aufgrund der geschätzten Kosten von fast 850.000 Euro – die Maßnahme in Hamswehrum schlug mit insgesamt 331.808,21 Euro zu Buche, von denen 173.636,10 Euro aus Fördermitteln bestritten wurden – im September einige Diskussionen. Auch wurde seitens Politik und Verwaltung angezweifelt, dass die Dorfgemeinschaft das sanierte Dorfgemeinschaftshaus dauerhaft in Eigenregie unterhalten könne. Seit dieser Diskussion ist es still um das Vorhaben geworden.

Auch private Unterfangen werden gefördert

In der Broschüre „Zukunft Dorf“ hat das Niedersächsische Ministerium für den Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, über das das Dorfentwicklungsprogramm läuft, gelungenen Projekten ein eigenes Kapitel gewidmet. Vom „Treffpunkt Bauernküche“ über Integration bis hin zu „Bäume erhalten – Dörfer gestalten“ sind hier verschiedene Projektideen skizziert.

Aber nicht nur für ganze Orte lohnt ein Blick in das Programm, denn: Über die Richtlinie sind auch Förderungen für private Unterfangen möglich. Dazu zählen laut einem Flyer der Gemeinde Krummhörn beispielsweise Instandsetzungsarbeiten an privaten, aber ortsbildprägenden Gebäuden, Umbaumaßnahmen bei einer Umnutzung zum Beispiel von ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäuden oder Bepflanzungen, die dem Erhalt der typischen Pflanzenwelt dienen.

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