Krieg in der Ukraine
Stehen Spätaussiedler jetzt unter Generalverdacht?
In vielen Medien liest und hört man von Übergriffen auf russischsprachige Menschen in Deutschland. Wir haben mit einer Spätaussiedlerin aus Ostfriesland darüber gesprochen, wie sie sich fühlt.
Ostfriesland - Es ist um die Mittagszeit, als Tatjana Fischer in der Redaktion anruft. Am Abend zuvor hatten wir online über die Debatte über die Ukraine-Flaggen am Leeraner Amtsgericht berichtet, am Morgen erschien der Text in der Zeitung. Sie sei Spätaussiedlerin, sagt die Frau. Sie müsse dringend mit uns über den Artikel sprechen – aber nicht am Telefon. Wir verabreden uns für den Abend bei ihr zu Hause. Die Frau, die eigentlich anders heißt, klingt aufgebracht. Ihre Bedingung für das Treffen ist, dass ihr Name in unserem Text nicht erscheint.
Einige Stunden später sitzen Fischer und ihr Mann gemeinsam mit dem Reporter in der Küche ihrer Wohnung. Was es mit dem einen Satz in dem Artikel auf sich gehabt habe, in dem Rechtsanwalt Kai-Timo Hanses über Spätaussiedler spricht, möchte sie wissen. Hanses hatte kritisiert, dass Ukraine-Flaggen am Gericht hängen, weil die Aktion das Neutralitätsgebot der deutschen Justiz verletze. Russischstämmige oder Spätaussiedler könnten vor Gericht den Eindruck bekommen, benachteiligt zu werden. „Das macht mich richtig wütend“, sagt Fischer. Hanses impliziere, dass Spätaussiedler auf der Seite Putins seien und den Krieg unterstützten.
„Natürlich sind wir gegen den Krieg“
Hanses will so nicht verstanden werden – ganz im Gegenteil, sagt er. In vielen Medien sei zu lesen, dass Menschen mit russischem Akzent angegangen würden – auch Spätaussiedler. Gingen diese Menschen nun ins Gericht, könnten sie befürchten, dass auch die Justiz ungerechtfertigt Partei gegen diese Personen ergreife. „Selbstverständlich gehe ich nicht davon aus, dass alle Spätaussiedler auf der Seite von Russlands Despoten sind“, sagt der Rechtsanwalt. Viel mehr glaube er daran, dass ein Großteil dieses Personenkreises sich gegen den Krieg ausspreche. Schließlich lebten Freunde und Verwandte mitunter in beiden betroffenen Ländern.
„Natürlich sind wir gegen den Krieg“, sagt Fischer, die 1993 aus Russland nach Deutschland gekommen ist. Sie sei für Frieden auf der ganzen Welt. Wie könne man nicht dagegen sein, dass Menschen grundlos sterben? Außerdem seien die Auswirkungen auch hier, in Deutschland, in Ostfriesland zu spüren. Wenn sie von Übergriffen in Großstädten wie Bremen lese, traue sie sich nicht mehr, in der Öffentlichkeit Russisch zu sprechen. Sie fühle sich nicht mehr willkommen – und ihren Angehörigen und Bekannten gehe es ebenso. „Ich bin nach Deutschland gekommen, um in einer Demokratie zu leben“, sagt sie. Und nun fürchte sie die Ausgrenzung.
„Einfach unglaublich traurig“
Spätaussiedler und Aussiedler sind Zuwanderer mit deutscher Abstammung. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) dominierten bis Ende der 1980er Polen und Rumänien als Herkunftsländer, seit 1990 Länder der (ehemaligen) Sowjetunion. Das BAMF schrieb 2013 in einer Analyse: „(Spät-)Aussiedler berichten vergleichsweise selten von Diskriminierungserfahrungen.“ Fischer hat andere Erfahrungen gemacht. Beispielsweise sei ihr Sohn im Kindergarten diskriminiert worden – „nicht von den Kindern, sondern von den Erzieherinnen“. Schon damals habe sie sich machtlos gefühlt. Und jetzt gehe es ihr ähnlich.
„Was sollen wir denn machen? Sollen wir auf die Straße gehen?“, fragt sie. Das führe doch nur zu noch mehr Hass. Sie sorge sich vor allem um ihre Kinder. Sie selbst stehe kurz vor der Rente, Repressalien könne sie zur Not zu Hause ausweichen. Doch die nächsten Generationen seien mitten im Arbeitsleben, an der Uni, in der Schule. Konflikten könne man dort kaum aus dem Weg gehen. „Ich bin einfach unglaublich traurig“, sagt die Spätaussiedlerin und ihre Stimme bricht ein bisschen weg. Auch unter unseren Artikeln zum Ukraine-Krieg gab es Kommentare von Lesern, die Russen und Spätaussiedler pauschal diskriminierten. „Man fühlt sich hilflos“, sagt Fischer.
Bisher 50 Straftaten in Niedersachsen
Furchtbar sei auch, dass sie inzwischen mit ihren Neffen, die in einer russischen Großstadt leben, nur noch minimal kommunizieren könne. Mehr als eine kurze Frage, ob alle gesund seien, sei momentan nicht drin, sagt sie. Zu groß sei die Angst vor Überwachung und Repressalien für kritische Äußerungen. Sie fürchte sich vor der Zukunft, nicht nur mit Blick auf ihre Landsleute in Deutschland, sondern auch mit Blick auf die Menschen in der Ukraine und in Russland. Niemand wisse, wie sich der Krieg entwickeln werde. Niemand könne ausschließen, dass Putin noch weitere Gebiete angreifen werde.
Die Polizei will in Deutschland derweil Menschen schützen, die das Ziel von Angriffen vor Ort sein könnten. „Wir haben im Blick, welche Personen oder Institutionen durch die aktuelle Situation in der Ukraine bei uns besonders gefährdet sein könnten, und treffen entsprechende Maßnahmen“, hatte zuletzt Marco Ellermann, Sprecher der Polizeidirektion Osnabrück, gesagt. Mit Stand von Anfang der Woche habe es in Ostfriesland noch keine polizeibekannten Übergriffe gegeben, sagt er jetzt. Das niedersächsische Innenministerium teilt mit, dass landesweit knapp 50 Straftaten „im thematischen Zusammenhang mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine“ erfasst worden seien – in den meisten Fällen Sachbeschädigungen.
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