Soziales

Ukraine-Konflikt: Nicht nur Menschen suchen Bleibe

Michael Hillebrand Claus Hock
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Von Michael Hillebrand und Claus Hock
| 17.03.2022 20:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Diese Aufnahme hat unser Kollege Claus Hock am polnisch-ukrainischen Grenzübergang Medyka gemacht. Sie zeigt eine Frau namens Irina zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Katze, die aus der zerstörten ukrainischen Großstadt Charkiw geflohen sind. Foto: Hock
Diese Aufnahme hat unser Kollege Claus Hock am polnisch-ukrainischen Grenzübergang Medyka gemacht. Sie zeigt eine Frau namens Irina zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Katze, die aus der zerstörten ukrainischen Großstadt Charkiw geflohen sind. Foto: Hock
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Den Hunde- und Katzenbesitzern unter den ukrainischen Flüchtlingen gelingt es nicht immer, eine gemeinsame Bleibe zu finden. Auch in Ostfriesland müssen daher jetzt Tierschützer mit einspringen.

Norden/Medyka - Die Menschen in der Ukraine haben ihre Hunde und Katzen genau so lieb wie wir unsere. Darum nehmen manche sie auf ihrer Flucht in Richtung Westen mit. Auch in Ostfriesland sind bereits die ersten Tiere angekommen. Das stellt die Besitzer jedoch vor ein Problem: Nicht immer finden sie eine Unterkunft, in der sie ihre Lieblinge mitnehmen dürfen, die ihnen auch emotionalen Halt geben. Das weiß Sonja Lindemann aus eigener Erfahrung. Sie ist die Vorsitzende des Norder Vereins Aktive Tierfreunde und versucht in diesen Tagen, zusammen mit Gleichgesinnten, Lösungen für dieses Problem zu finden.

Was und warum

Darum geht es: Die hier ankommenden Familien aus der Ukraine müssen teilweise auf verschiedene Haushalte aufgeteilt werden und ihre Hunde und Katzen abgeben. Ehrenamtliche versuchen, sie möglichst schnell wieder zusammenzubringen.

Vor allem interessant für: Menschen, die sich für die Folgen interessieren, die die aktuelle Weltlage auf Ostfriesland hat

Deshalb berichten wir: Der Verein Aktive Tierfreunde hatte uns auf seine Spendensammlung für Tiere aus Osteuropa aufmerksam gemacht. Gleichzeitig trafen wir an der ukrainischen Grenze auf Geflüchtete mit Haustieren.

Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de

Auf Nachfrage unserer Zeitung berichtet sie vom Beispiel einer Frau, ihrer Tochter und ihrer Schwester, die bislang mit ihren drei Wohnungskatzen in einer ukrainischen Großstadt lebten. Derzeit sind die Tiere allerdings in der Pflegestelle von Angelika Tammen in Osteel untergebracht. Der Grund: Mutter und Schwester wohnten zwar derzeit bei einer Tierschützerin in Berumbur. Die habe aber mehrere Hunde, was die Katzen womöglich unnötig stressen würde. Die Tochter wiederum sei kapazitätsbedingt in Emden untergebracht, wo sie ebenfalls keine Katzen halten könne.

Vieh wird zurückgelassen

Man suche nun nach einer Lösung, um die drei Frauen gemeinsam mit ihren Tieren zusammen unterzubringen. Derzeit stehe man deswegen mit einer Norderin in Kontakt und hoffe, dass es klappt, erklärt Lindemann. Falls sich weitere Menschen in Ostfriesland explizit dazu bereit erklären, auch Ukrainer mit Hunden oder Katzen aufzunehmen, könne der Verein ihnen auch regelmäßig Futter und andere Dinge vorbeibringen, kündigt sie an. Man sammele nämlich auch Katzenklos, Decken, Körbchen und mehr.

„Mathilda“ soll dauerhaft auf dem Tierschutzhof in Neuschoo leben.
„Mathilda“ soll dauerhaft auf dem Tierschutzhof in Neuschoo leben.

Während die Katzen der drei Ukrainerinnnen noch Glück im Unglück hatten, mussten andere Tiere zurückgelassen werden, auch Vieh, das nun teilweise nicht mehr versorgt werde, sagt Lindemann. „Kühe werden nicht gemolken und haben deshalb Schmerzen.“ Komme es noch schlimmer, verhungerten oder verdursteten sie. Auch in einem großen Tierschutzzentrum in Odessa sei die Lage unklar und man wisse dort nicht, wann und ob evakuiert werde. In Krisengebieten sei es schwieriger, vor Ort an Nachschub für die Versorgung zu kommen. Man könne dann auch nicht einfach über das Internet bestellen. Das ist auch der Grund, warum die Aktiven Tierfreunde nicht nur hier vor Ort helfen wollen, sondern auch Spenden für das Krisengebiet sammeln und mit Tierschützern vor Ort in Kontakt stehen.

Spendensammlung für Osteuropa

Zuletzt seien bei einer Abfrage ihres Spendenkontos 5200 Euro zusammengekommen. Dazu kommen 600 weitere Euro direkt vom Verein. Das Geld gehe an den Deutschen Tierschutzbund, an Peta und an White Paw (weiße Pfote), die im Krisengebiet aktiv seien. Auch am polnisch-ukrainischen Grenzübergang Medyka sind Tierretter im Einsatz, auf die jetzt unser Kollege Claus Hock im Rahmen einer mehrtägigen Dienstreise traf. „Wir sind hier, um vor allem Flüchtende mit Haustieren zu betreuen“, sagte ihm die Vorsitzende des Vereins Tierrettung Chemnitz, Sandra Kögel. Der Einsatz an der Grenze wurde über den Bundesverband Gemeinschaft Deutscher Tierrettungsdienste organisiert, an dem Freiwillige aus unterschiedlichen Orten teilnehmen.

Die Tierretter bieten neben Futter auch medizinische Versorgung. Aber auch Leinen und Taschen sind vorrätig. Lindemann ergänzt, dass darüber hinaus auch an der Grenze geimpft wird. So mache zwar der Bund eine Ausnahme und lasse die Menschen notfalls erst einmal mit ihren Tieren einreisen. Diese müssten dann aber bei erster Gelegenheit die vorgeschriebenen Immunisierungen erhalten.

Hund sucht neues Zuhause

Als die Aktiven Tierfreunde den Kontakt nach Osteuropa herstellten, lernten sie nicht nur Menschen im Kriegsgebiet, sondern auch aus der restlichen Ukraine, aus Russland und Ungarn kennen, die gerettete Tiere nach Westeuropa vermitteln – mit und ohne Kriegshintergrund. So sorgt sich Lindemanns Verein aktuell auch um zwei Hunde, die auf dem eigenen Tierschutzhof in Neuschoo leben. „Mathilda“ werde nicht vermittelt und werde daher wohl dauerhaft dort bleiben. Für Hündin „Djuni“ wird derzeit nach einem neuen Zuhause gesucht.

Für Hündin „Djuni“ wird nach einem neuen Zuhause gesucht. Fotos: Privat
Für Hündin „Djuni“ wird nach einem neuen Zuhause gesucht. Fotos: Privat

Auf Nachfrage bei den Behörden in Ostfriesland teilt Nikolai Neumayer, ein Sprecher des Landkreises Aurich, mit, dass im Falle der Erstaufnahmeeinrichtung des Kreises in der ehemaligen Küstenfunkstelle in Utlandshörn ein praktizierender Tierarzt informiert werde, wenn Flüchtlinge mit Tieren eintreffen. „Dieser untersucht das Tier und überprüft den Impfstatus. Sollte dieser ungenügend oder unbekannt sein, wird eine entsprechende Impfung vorgenommen.“ Ob Haustiere bei einer anschließenden Vermittlung in eigene Wohnungen akzeptiert werden, müsse jeweils im Vorfeld geklärt werden. „Dies ist sicherlich aber nur ein Kriterium bei der Vermittlung.“

Kontakte werden hergestellt

Philipp Koenen, Sprecher des Landkreises Leer, teilt mit, dass der Kreis keine Erstaufnahmeeinrichtung wie der Landkreis Aurich hat. „Vorrangig ist für uns und unsere Gemeinden die Unterbringung in Wohnungen.“ Ob bei der Vermittlung von Geflüchteten mit abgefragt wird, ob potenzielle Gastfamilien Haustiere akzeptieren, sei die Entscheidung der einzelnen Kommunen. Falls die Tiere nicht bei ihren Besitzern bleiben können, müssen diese sich selbst nach einer Lösung umschauen, so Koenen. „Wir könnten ansonsten gegebenenfalls Kontakte herstellen, damit Tiere untergebracht werden können.“

Jan Becker, Leiter des Fachbereichs Steuerung und Kreisentwicklung beim Landkreis Wittmund, schreibt, dass es Gastfamilien gebe, die von sich aus mitgeteilt haben, dass auch Haustiere bei ihnen willkommen sind. „Bei der Verteilung auf die Gastfamilien wird dann darauf geachtet.“ Zudem habe sich ein Unterstützer gemeldet, der sich um die Tiere kümmere und sie gegebenenfalls an Tierschutzvereine oder -heime vermittle. Von der Stadt Emden kam bislang keine Rückmeldung.

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