Geschichte
Synagoge in Weener: Hoffnung auf weitere Entdeckungen
Im Sommer wurde in Weener das Fundament der ehemaligen Synagoge entdeckt. Mit einer Gruppe Studierender werden die archäologischen Ausgrabungen jetzt fortgesetzt. Das hat für die Stadt Weener Vorteile.
Weener - Das Ergebnis der archäologischen Voruntersuchungen im Sommer vergangenen Jahres in Weener war eine kleine Sensation: Dr. Jan Kegler, Archäologe der Ostfriesischen Landschaft, entdeckte damals gemeinsam mit einem Kollegen das Fundament der Synagoge in der Westerstraße. Seit Montag laufen dort wieder Grabungsarbeiten. Dr. Immo Heske vom Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Georg-August-Universität Göttingen macht dort mit einer Gruppe Studentinnen eine sogenannte Lehrgrabung.
Was und warum
Darum geht es: Archäologiestudentinnen aus Göttingen machen eine Lehrgrabung auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge in Weener.
Vor allem interessant für: alle, die sich für Archäologie und Stadtgeschichte interessieren.
Deshalb berichten wir: Auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge in Weener soll der Anbau für ein Bürgerhaus mit der neuen Stadtbücherei entstehen. Bei archäologischen Grabungen wurden dort Fundamente der Synagoge entdeckt. Sie dürfen aber nicht durch das neue Gebäude zerstört werden. Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de
In der Westerstraße befand sich einst das Zentrum der jüdischen Gemeinde. Die Fassade des Gebäudes, in dem sich das Rabbinerhaus und die jüdische Schule befand, ist noch erhalten. Die Synagoge dagegen wurde in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Schutt und Asche gelegt. Man hat seinerzeit offenbar viel Mühe darauf verwendet, den Brandschutt zu beseitigen. Von der Innenausstattung sind nur winzige Fragmente gefunden worden, Splitter von Fensterglas oder Teile von Hohlziegeln. „Wir hoffen, dass wir vielleicht noch Brandschutt finden, der Aufschluss auf weitere Details gibt“, so Kegler.
Studenten lernen Grabungstechnik kennen
Die angehenden Archäologen gehen hier unter Anleitung auf Spurensuche und lernen nach viel Theorie auch das praktische Handwerkszeug. Grabungsleiter Leon Dierkes zeigt ihnen, wie man Maurerkellen, Pinsel und Bürsten einsetzt. Diese Baumarkt-Utensilien helfen ihnen, vorsichtig Mauersteine oder Gegenstände freizulegen. Das genaue Einmessen der Grabungsfläche lernen die Studierenden hier ebenso kennen wie die Dokumentation. „Wenn eine Schicht freigelegt ist, wird die Fläche fotografiert und gezeichnet“, erklärt der Grabungsleiter. Dann folgt die Untersuchung der nächsten Schicht.
Mit warmer Kleidung und Knieschonern ausgestattet, legt Paula Tavener gerade eine Brandschicht frei. Sie studiert im dritten Semester Antike Kultur. Nach ihrer ersten Lehrgrabung in Spanien mit viel Hitze und Staub, sei der Einsatz in Weener ein Kontrastprogramm. „Diese Grabung ist auch deshalb etwas anderes, weil man den geschichtlichen Hintergrund kennt“, sagt die 23-Jährige. Ihrer Kollegin Annika Werner geht es ganz ähnlich. „Es ist spannend, aber man hat irgendwie auch ein beklemmendes Gefühl.“
Arbeitsmarkt in Niedersachsen
Dr. Immo Heske hält die Arbeit in Weener in vielerlei Hinsicht für lehrreich. „Das ist eine intensive Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel unserer Geschichte“, sagt der Archäologe. Gleichzeitig bekommen die Studierenden einen realistischen Einblick in ihr künftiges Berufsfeld. „In Niedersachsen gibt es durchaus einen Arbeitsmarkt für archäologische Bodendenkmalspflege.“ In historisch bedeutsamen Gebieten rücken Archäologen häufig an, wenn neue Wohn- oder Gewerbebiete erschlossen werden.
In Weener ist ein geplantes Bauprojekt Anlass für die Archäologen, am ehemaligen Synagogenstandort in tieferen Bodenschichten Spuren aus der Vergangenheit zu suchen. In der Westerstraße 32 soll mit einem Zuschuss aus dem Investitionspakt „Soziale Integration im Quartier“ die Stadtbücherei hier ein neues Domizil erhalten und eine Begegnungsstätte eingerichtet werden. Die ehemalige jüdische Schule und das Rabbinerhaus sollen umgebaut und durch einen Anbau ergänzt werden. Problem: Das Fundament der Synagoge darf dabei nicht zerstört werden. Aber wie kann dann das Fundament für den Anbau realisiert werden? „Da gibt es Möglichkeiten, wie man das lösen kann“, sagt Dr. Jan Kegler von der Ostfriesischen Landschaft.
Der Stadt Weener dürfte der Einsatz der Studenten dennoch entgegenkommen. „Der Einsatz von Facharbeitern wäre teurer geworden und vielleicht gar nicht so schnell umsetzbar gewesen“, so Kegler. Dabei drängt die Zeit bei der Umsetzung des Bauprojekts an der Westerstraße. Nach den Förderrichtlinien muss das Vorhaben eigentlich 2024 abgeschlossen sein.