Geschichte
Steine gegen das Vergessen
355 Stolpersteine erinnern in Emden an die Opfer des Nationalsozialismus. Am Freitag kamen 25 weitere Steine dazu. Der Künstler Gunter Demnig schlug sie selbst in den Boden.
Emden/Krummhörn - Die Sonne scheint auf den Stein mit der goldfarbenen Messingplatte, die Gunter Demnig mit wenigen Schlägen in den Boden rammt. Es ist ein schöner Frühlingsmorgen, den der Künstler, Schüler aus Emden, Lehrer, des Arbeitskreis Stolpersteine und weitere Interessierte zum Anlass nehmen, um an die Schattenseite der Vergangenheit zu erinnern. An dem Haus mit der Nummer 23 an der Godfried-Bueren-Straße erinnert der Stein an Berend Hündling, der hier einst lebte und von den Nazis verfolgt wurde, weil er ein Jude war.
So wie an dieser Stelle wurden am Freitag in Emden 24 weitere Stolpersteine in den Boden gerammt, um an das Leid einzelner Menschen und ganzer Familien zu erinnern – unter anderem auch an das Schicksal der Familie Karseboom an der Wolthuser Straße 20, dem letzten Wohnort der jüdischen Familie.
Von Emden in die Krummhörn und nach Hinte
Wie viele andere Schlachterfamilien zog die Familie Karseboom später in die Krummhörn und nach Hinte. „Hier konnten sie sich als Schlachter betätigen, Eigentum erwerben und vor allem leichter mit Bauern in der Krummhörn Viehhandel treiben“, schreibt Gesine Janssen in der Recherche zur Familie. Die Uttumerin hatte sich bis zu ihrem Tod Anfang des Jahres im Arbeitskreis Stolpersteine engagiert.
Weitere Stationen der Stolperstein-Aktion am Freitag waren die Okko-tom-Brook-Straße, die Große Straße, die Bollwerkstraße sowie die Nordertorstraße. An der Aktion beteiligten sich neben dem Max-Windmüller-Gymnasium auch Schüler der Berufsbildenen Schulen II sowie der Integrierten Gesamtschule und der Oberschule Herrentor.
Hintergrund
Mit Stolpersteinen in Gehwegen erinnert Gunter Demnig an die Opfer des Nationalsozialismus. Sein Werk gilt als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Der in Berlin geborene Künstler ist 74 Jahre alt. Immer noch ist er nahezu 200 Tage im Jahr unterwegs, um Stolpersteine zu verlegen und damit an Vertreibung und Vernichtung zu erinnern.
Frage: Bis Ende des Jahres werden 90.000 Stolpersteine in Deutschland und in anderen Ländern der Welt verlegt sein. Hätten Sie gedacht, dass es jemals so viele werden?
Gunter Demnig: Ich habe mit ein paar Hundert gerechnet. Im Grunde kann ich sagen: Am Anfang war es für mich ein konzeptvolles Kunstwerk. Aber es gibt wohl keinen Zufall. Fast gleichzeitig als ich die Grundidee hatte, hat der Herausgeber der Kunstzeitung in Regensburg ein Buchprojekt mit dem Titel „Größenwahn: Kunstprojekte für Europa“ gestartet. Und ich dachte mir. „Das passt doch“. Er hat es gedruckt. Das hat wiederum in Köln ein Pfarrer in die Hand bekommen, der gesagt hat, dass niemand 10 Millionen Steine schaffen kann.
Frage: Können Sie sich noch an den ersten Stein erinnern?
Demnig: Ja, der eigentlich allererste Stolperstein liegt vor dem Kölner Rathaus anlässlich des 50. Jahrestags des Befehls von Heinrich Himmler zur Deportation der „Zigeuner“.
Frage: Wie sieht ihr Leben aus, sind Sie pausenlos unterwegs, um die Stolpersteine zu verlegen?
Demnig: Ich habe wegen Corona im letzten Jahr ein bisschen Pause gemacht, bevor ich nicht durchgeimpft war, wollte ich nicht weitermachen.
Frage: Haben Sie alle Steine selber verlegt?
Demnig: Ja, zu 95 Prozent.
Frage: Wie geht es weiter? Gibt es noch viele Steine zu verlegen?
Demnig: Ja, auf jeden Fall. Ich dachte immer, es wird irgendwann weniger, aber es steigt. Und im letzten Jahr musste ich drei neue Mitarbeiter einstellen für die Stiftung, die ich ins Leben gerufen habe.
Emden bekommt neue Stolpersteine
Stolpersteine für Familie Karseboom aus Uttum
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