Krieg

Wenn die Nachrichten Angst machen

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Von Vera Vogt
| 22.03.2022 10:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Solche Bilder aus der ukrainischem Stadt Charkiw gehen derzeit um die Welt. Foto: Dorogoy/dpa
Solche Bilder aus der ukrainischem Stadt Charkiw gehen derzeit um die Welt. Foto: Dorogoy/dpa
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Krieg in Europa, Infektionszahlen und Energiepreise hoch: Wenn die Nachrichten einen mitnehmen, ist das keine Schande. Wir haben einen Psychiater gefragt, wann es ungesund wird und wie man sich schützt.

Ostfriesland - Russland greift die Ukraine an, Aufrüsten, Drohungen, Hamsterkäufe, Infektionszahlen und Energiepreise steigen und steigen. Derzeit passiert vieles, das einen verunsichern kann. Wenn man dadurch verunsichert ist, ist das keine Schande und Angst ist ein wichtiger Überlebensinstinkt. Aber das Lesen der Nachrichten ist nicht immer gesund. Wir haben mit Holger Siemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Leer, darüber gesprochen, wie man sich selbst schützen kann.

Psychiater Holger Siemann
Psychiater Holger Siemann

Gibt es ein zu viel, wenn es um beim Nachrichten-Konsum geht?

„Ja, natürlich. Es gibt fast immer ein ‚zu viel‘, sagt Psychiater Siemann. Es sei verständlich, dass man besorgt darüber ist, was gerade passiere. „Ob das nun der Krieg in Europa, die Corona-Inzidenzen oder auch nur die Entwicklung der Benzin- oder Gaspreise ist. Wenn solch bedrohliche Dinge passieren, haben wir ein Bedürfnis nach Informationen. Und es ist gut, dass wir Medien wie die Ostfriesen-Zeitung haben, die uns mit solchen versorgen“, sagt er. Bei genauerer Betrachtung sei der Wunsch nach Informationen oft getrieben von dem Wunsch nach Sicherheit. „Wir denken, dass wir das Risiko besser einschätzen können, wenn wir mehr darüber wissen.“

Ob man dadurch wirklich sicherer sei, stehe auf einem anderen Blatt, „aber wir haben wenigstens das Gefühl und deswegen lesen wir jeden Artikel und schauen jeden Beitrag. Wenn es dann heißt: ‚Friedensgespräche‘, dann sind wir erst einmal erleichtert. Wenn es aber heißt: ‚Gescheitert‘, sind wir wieder beunruhigt“, meint Siemann. Schlechte oder bedrohliche Nachrichten würden deutlich häufiger gelesen als der Beitrag über den Sieger des letzten regionalen Schachturniers. „Aus diesem Grund druckt eine bedeutende deutsche Tageszeitung reißerische Überschriften auf ihre Titelseiten und ist dabei auch gerne mal erfinderisch. Das verkauft sich besser. Aber, ob es für den Leser gut ist, bezweifle ich.“

Wann sollte man das einschränken?

Eine genaue Grenze gibt es laut Psychiater Siemann nicht. Aber „spätestens, wenn ich drei Nachrichtenkanäle parallel schaue oder drei unterschiedliche Tageszeitungen vom gleichen Tag auf dem Tisch liegen, stimmt etwas nicht.“ Es gebe sicherlich einzelne Menschen, die ein berechtigtes Interesse daran haben, unterschiedliche Meinungen zu einem Thema zu kennen, aber für die meisten reichten doch ein paar Informationsquellen. „Ich finde, man sollte eine oder zwei Zeitungen abonnieren und dann darauf vertrauen, dass die Redaktionen die mühselige Arbeit der Artikelauswahl für einen übernehmen“, so Siemann. Wenn keine weiteren Artikel zum Ukraine-Krieg an dem Tag verfügbar seien, dann warte man eben auf die Ausgabe vom nächsten Tag. „Es ist auch sinnvoll, eine regionale und überregionale Zeitung zu lesen. Doch auch da lese ich nur das, was mich interessiert. Ich werde die Lage nicht besser einschätzen können, weil ich mir noch fünf Stunden lang Videos auf irgendwelchen Streaming-Plattformen anschaue“, sagt er.

In aller Kürze:

  • Zeitfenster suchen, in denen man sich informiert, sonst das Handy oder die Zeitung auch mal weglegen, im Fernsehen auf Unterhaltung umschalten.
  • Pausen sind wichtig, gerade vor dem Schlafen.
  • Bewusst aussuchen, wo man sich informiert.

Wann sollte man sich weitere Hilfe suchen?

Es gibt einen wichtigen Indikator dafür, dass etwas schief läuft, so Siemann: „Wenn ich merke, dass der Nachrichten-Konsum eine schlechte Stimmung hinterlässt und mich niederdrückt und ich eigentlich das Bedürfnis habe, zur Ruhe zu kommen, dann sollte ich dazu in der Lage sein, die Zeitung wegzulegen oder die digitalen Medien abzuschalten“, rät er. Wenn man trotzdem noch zwanghaft alle weiteren Nachrichten schaue, ist das ein Zeichen dafür, dass die Angst zu groß sei. „Das kann ein Zeichen für eine Angsterkrankung sein oder bei Menschen auftreten, die früher bereits traumatische Dinge erlebt haben und sich dabei ohnmächtig gefühlt haben.“

  • Wer das Gefühl hat, dass es sich um mehr handelt als eine kurzfristige Beunruhigung, findet auf dem Portal der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung wichtige Hinweise, um eine ernsthafte Erkrankung zu erkennen und sich professionelle Hilfe zu holen.
  • Ein schneller Weg geht auch über das Telefon: Die Telefonseelsorge ist unter Tel. 0800/1110111 oder 0800/1110222 immer erreichbar, die Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche unter Tel. 116 111 (Montag bis Samstag 14-20 Uhr), das Nummer gegen Kummer Elterntelefon unter der Rufnummer 0800/1110550 (Montag bis Freitag 9 bis 17 Uhr, sowie Dienstag und Donnerstag 17 bis 19 Uhr).
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