Geschichte

Rückblick: Als der Leeraner Landrat die Blaue Tonne verhindert hat

| | 31.03.2022 14:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Dieses Plakat im DIN-A4-Format ließ der Landkreis Leer 2008 verteilen. Damals hat Reporterin Karin Lüppen es selbst rausgehängt. Foto: Lüppen
Dieses Plakat im DIN-A4-Format ließ der Landkreis Leer 2008 verteilen. Damals hat Reporterin Karin Lüppen es selbst rausgehängt. Foto: Lüppen
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Schon 2008 gab es den Versuch, im Landkreis Leer eine Altpapiertonne einzuführen. Private Anbieter verteilten die Behälter. Der Landkreis reagierte mit einer Kampagne – die Bürger zogen mit.

Landkreis Leer - Mit dem 1. April brechen im Landkreis Leer neue Zeiten an: Ab Freitag wird das Altpapier nicht mehr in Blauen Säcken abgeholt, sondern in einer 240-Liter-Tonne. Viele Einwohner freuen sich darüber. 2008 war das anders: Damals scheiterte der Versuch von privaten Anbietern, eine kostenlose Blaue Tonne einzuführen am Widerstand der Einwohner – und am damaligen Landrat Bernhard Bramlage.

Was und warum

Darum geht es: Zum 1. April wird im Landkreis Leer die Altpapierabfuhr über eine Blaue Tonne eingeführt. Vor 14 Jahren stießen solche Behälter auf breite Ablehnung.

Vor allem interessant für: Einwohner des Landkreises Leer und Geschichtsinteressierte

Deshalb berichten wir: Beim Aufräumen fiel unserer Reporterin zufällig das 2008 vom Landkreis Leer verschickte Plakat gegen die Blaue Tonne in die Hände.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.lueppen@zgo.de

Zwei Unternehmen, Nehlsen und Trimpe, hatten die Behälter, die ganz ähnlich aussahen wie die heutigen, bereits an viele Haushalte verteilt, als der Landkreis Leer eine Kampagne gegen die Konkurrenz vom Zaun brach. Nicht ohne triftigen Grund: Vor 14 Jahren war Altpapier ein gefragtes Gut. Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Leer bezieht die Einnahmen aus dem Verkauf des Materials bei der Berechnung der Gebühren ein. Hätte ein privater Anbieter das Altpapier bekommen, hätte es auf der Einnahmenseite gefehlt. Die Müllgebühren für die Einwohner wären in der Folge gestiegen.

Plakate an jedem zweiten Zaun

Diesen Zusammenhang konnte Bramlage offenbar den Einwohnern des Landkreises gut vermitteln. Die Folge: Kaum jemand wollte die Blaue Tonne behalten. Mehr noch: Die Menschen hängten selbstgemalte Schilder an ihre Gartenzäune oder Hecken, mit denen sie deutlich machten, dass sie auf den kostenlosen Service verzichten wollten. Der Landkreis machte zusätzlich mobil und verteilte mit einer Hauswurfsendung ein eigenes, relativ wetterfestes Plakat mit dem Schriftzug „Hier keine blaue Tonne aufstellen“.

Dieses fand breite Verwendung und hing alsbald vor vielen Häusern. Wie unsere Zeitung damals berichtete, klebten in vielen Leeraner Straßen an jedem dritten, mitunter auch an jedem zweiten Zaun solche Zettel. Trotzdem verteilten die Firmen Nehlsen und Trimpe ab Anfang Mai die Blauen Tonnen. Es gab durchaus Abnehmer dafür. Die Firma Nehlsen veranstaltete sogar noch einen Infotag, der damalige Betriebsleiter begleitete die Verteilung der Tonnen, um bei den Anwohnern dafür zu werben.

Die Firmen Nehlsen und Trimpe hatten bereits zahlreiche Altpapiertonnen verteilt. Später mussten sie diese wieder einsammeln. Foto: Wolters/Archiv
Die Firmen Nehlsen und Trimpe hatten bereits zahlreiche Altpapiertonnen verteilt. Später mussten sie diese wieder einsammeln. Foto: Wolters/Archiv

Trotzdem verweigerte die breite Mehrheit der Einwohner in der Stadt Leer und in den Gemeinden die Altpapierabfuhr durch die privaten Firmen. Grund dafür war wohl vor allem die Sorge vor höheren Gebühren – da hatte die Informationspolitik des Landkreises Leer auf breiter Linie Erfolg gehabt. „Ich will, dass das Geld, das ich für die Müllentsorgung zahle, auch im Landkreis bleibt. Ich möchte nicht, dass jemand aus einer fremden Region davon profitiert“, zitierte unsere Zeitung damals einen Einwohner aus Loga.

Ähnliche Argumente wie heute

Manche Anwohner nannten jedoch ein Argument, das viele heute bei der aktuellen, vom Landkreis Leer eingesetzten Altpapiertonne bewegt: „Wo sollen wir hier noch eine Tonne aufstellen? Da ist doch überhaupt kein Platz“, hatte eine Hausfrau in Loga gesagt, deren Haus auf einem kleinen Grundstück stand. Der – damals noch kostenlose – blaue Sack werde jede Woche abgeholt, sie wolle sich keinen weiteren Abholtermin merken müssen.

Manche Anwohner machten ihren Protest mit drastischer Wortwahl klar. Foto: Archiv
Manche Anwohner machten ihren Protest mit drastischer Wortwahl klar. Foto: Archiv

Nachdem die Postwurfsendungen des Landkreises an die Haushalte verteilt worden waren, hatten offenbar ziemlich viele Menschen Fragen zum Thema Altpapier und Müllgebühren. Am selben Vormittag riefen so viele Menschen beim Abfallwirtschaftsamt an, dass die Telefonleitung zusammenbrach. Daraufhin wurde die Kapazität erhöht, bis zum Abend erreichten 2000 Anrufe die Mitarbeiter.

Schließlich mussten die privaten Anbieter gut die Hälfte ihrer Behälter wieder einsammeln. „Mit diesem Widerstand vonseiten der Verbraucher haben wir nicht gerechnet. Wir konnten so schnell auch nicht vermitteln, worin der Vorteil unseres Systems besteht“, sagte damals ein Mitarbeiter der Firma Trimpe. Auch die Firma Nehlsen kündigte an, ihre „Strategie überdenken zu wollen“.

Altpapier war sehr begehrt

Ende Mai gab es dann eine erste Abfuhr durch die Firma Nehlsen, weitere Termine folgten. Später versuchte das Bremer Unternehmen mit einem Aktionstag auf dem Denkmalsplatz, für ihre Tonne zu werben. Bei der Veranstaltung regnete es wie aus Eimern. Im August 2008 gab es einen neuen Anlauf, Tonnen zu verteilen. Letztlich war das Interesse der Bürger so gering, dass der Dienst im Jahr darauf eingestellt wurde.

Es gab aber auch Leute, die gerne eine Tonne wollten. Foto: Archiv
Es gab aber auch Leute, die gerne eine Tonne wollten. Foto: Archiv

Der Landkreis Leer indes freute sich 2008 über eine höheres Altpapieraufkommen als sonst. Der Stoff war gefragt, bis zu 80 Euro wurden für eine Tonne gezahlt. Der Landkreis Leer war kein Einzelfall, die kommunalen Entsorger bekamen damals in der Region Hannover, in acht niedersächsischen Landkreisen sowie in Hamburg und Lübeck Konkurrenz von privaten Entsorgern.

Landrat empfand ein „Wir-Gefühl“

Es entbehre nicht einer gewissen Ironie, dass der Landkreis Leer sich damals nach Kräften gegen die Blaue Tonne gewehrt habe und nun selbst eine blaue Tonne einführe, sagte Pressesprecher Philipp Koenen auf Anfrage. Der Widerstand habe sich 2008 aber vor allem gegen das gerichtet, wofür diese „private“ Tonne stand: „Nämlich das Risiko, dass der Landkreis Leer den Zugriff auf große Mengen des Altpapiers verlieren könnte – und damit eben auch die Verkaufserlöse, die bis heute dazu beitragen, die Abfallentgelte bei uns stabil zu halten“, so Koenen. Mittlerweile seien kommunale Abfallsammlungen durch Änderungen im Kreislaufwirtschaftsgesetz besser vor gewerblichen Sammlungen geschützt als früher.

2008 machten viele Einwohner deutlich, dass sie keine Altpapiertonne haben wollten. Damals wollten private Firmen in das Geschäft einsteigen. Foto: Archiv
2008 machten viele Einwohner deutlich, dass sie keine Altpapiertonne haben wollten. Damals wollten private Firmen in das Geschäft einsteigen. Foto: Archiv

Damals bedankte sich Landrat Bramlage für die Unterstützung durch die Einwohner. In einer Pressemitteilung sprach er sogar vom „Wir-Gefühl“. Auf Nachfrage sagt er im Rückblick: „Es war eine beeindruckend geschlosse Reaktion der Bevölkerung.“ Nur so sei es möglich gewesen, sich mit Erfolg gegen die Konkurrenz zu wehren. In der Mitteilung von 2008 begründete er übrigens auch, warum der Landkreis damals keine eigene Tonne eingeführt hat: Die Sackabfuhr habe sich bewährt, und man wolle den Menschen nicht zumuten, dass schwere Lastwagen durch die Wohnsiedlungen führen.

Diese Bedenken gibt es heute nicht mehr. Nach einem Pilotversuch vor zwei Jahren kommt nun die neue Blaue Tonne des Landkreises Leer – denn nun war die Mehrheit der Teilnehmer dafür.

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