Serie „Wohnen und Leben“

Polarlichter statt Quadratmeter

| | 03.04.2022 18:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Auch für eine solche Aussicht haben Tomke und Jakob Prößdorf ihr Haus aufgegeben. Fotos: Feuerquell
Auch für eine solche Aussicht haben Tomke und Jakob Prößdorf ihr Haus aufgegeben. Fotos: Feuerquell
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Tomke und Jakob Prößdorf aus Leer haben ihr 130-Quadratmeter-Mietshaus gegen ein Leben im Van getauscht. Die beiden sind zurzeit in Norwegen. Wie lebt es sich im Winter in dem Fahrzeug?

Norwegen - Während Ostfriesland unter der plötzlichen Rückkehr von Niedrigtemperaturen und Schnee bibbert, haben Tomke und Jakob Prößdorf sich bewusst für Winter entschieden. Das Leeraner Paar, das sich im ersten Corona-Lockdown entschied, ihr 130-Quadratmeter-Mietshausin Heisfelde zu kündigen und in einen Transporter mit sieben Quadratmeter Wohnfläche zu ziehen, ist aktuell in Norwegen. Genauer: Auf der Insel Vega. „Wir haben in unserem Van Winter in Schweden erlebt und wollten dann auch Norwegen erkunden“, sagen die beiden im Gespräch mit unserer Zeitung.

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Zwei Menschen und ein Hund

In dieser Serie haben wir die beiden schon mal vorgestellt. Doch uns interessierte, wie es denn nun im Winter ist. Nach vier Wochen Schweden mit Tiefschnee im Januar, ging es für das junge Paar – Tomke Prößdorf ist 26 Jahre alt, Jakob Prößdorf 27 Jahre alt – zunächst zurück nach Ostfriesland.

Während Ostfriesland über Schnee im April flucht, stellt sich das Ehepaar ganz anderen Herausforderungen.
Während Ostfriesland über Schnee im April flucht, stellt sich das Ehepaar ganz anderen Herausforderungen.

„Wir mussten das Auto etwas aufrüsten“, sagt Jakob Prößdorf. Eine weitere Standheizung, andere Solarpaneele, zusätzliche Scheinwerfer, andere Reifen und neue Schneeketten mussten besorgt und montiert werden. Denn: Das nächste Ziel soll das Nordkap sein. Auf dem Weg dahin nehmen sich beide zusammen mit ihrer Labrador-Hündin Ivy die Zeit, die sie brauchen und die sie sich nehmen wollen. „Das gehört für uns mit dazu“, sagen beide. Zwischenzeitlich ist das Paar auch mit anderen sogenannten „Van-Lifern“ unterwegs, also Menschen, die dauerhaft oder über lange Strecken in ihrem Camper oder Wohnmobil leben und unterwegs sind. Rund um diese Art des Reisens und Lebens hat sich in den vergangenen Jahren eine große Community im Internet aufgebaut, die vor allem auf Instagram und der Videoplattform Youtube von ihren Reisen berichtet.

Beziehung hat nicht gelitten

Doch wie ist es für ein Ehepaar, wenn man auf sieben Quadratmetern rund um die Uhr „aufeinander hockt“ und das Wetter auch nicht gerade dazu einlädt, dass einer lange Spaziergänge macht? „Grundsätzlich ist das bei uns sehr entspannt“, sagt Tomke Prößdorf. Da beide schon zuvor nicht nur zusammen gelebt, sondern auch miteinander in der eigenen Firma gearbeitet haben, seien sie den steten Umgang miteinander eh schon gewohnt.

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Zahlen, Daten, Fakten

Tomke und Jakob Prößdorf haben einen Peugeot Boxer L4H3 als Neufahrzeug gekauft und innerhalb von fünf Monaten zu einem Zuhause auf vier Rädern umgebaut. Das Fahrzeug ist knapp 6,40 Meter lang und drei Meter hoch.

Ausstattung und Technik

Im Inneren befindet sich ein Herd samt Backofen, der mit Strom betrieben wird. Auf dem Dach des Vans gibt es zwei Solarpanell mit 630 Watt. Das Licht lässt sich per App steuern. An Bord ist eine Dieselstandheizung verbaut. Es gibt eine Wasserpumpe, die an einen 150 Liter großen Wassertank und einen Warmwasserboiler angeschlossen ist. Zum Kühlen von Lebensmitteln gibt es einen kombinierten Kühl- und Gefrierschrank.

In einem der Hängeschränke befindet sich ein Full-HD-Beamer, der in Kombination mit einer ausfahrbaren Leinwand ein wenig Kinoerlebnis ermöglicht. Einen Tisch zum Ausklappen nutzen die beiden einerseits als Esstisch, andererseits aber auch als Schreibtisch. Das Bett hat eine Fläche von 1,60 mal 1,92 Meter. Neben einer Dusche gibt es eine sogenannte Trockentrenntoilette, die ohne Wasser und Chemie auskommt. Der Van ist von außen komplett lackiert. Unter anderem ist dabei ein sogenannter Raptor-Lack zum Einsatz gekommen, der nicht so schnell zerkratzt. Auf 100 Kilometer verbraucht der Van etwa elf Liter Diesel.

„feuerquell_on_tour“ auf Instagram

Wer bei Google den Suchbegriff „Vanlife“ eingibt, stößt dort auf eine große Bandbreite von Blogs und Austauschforen rund um das Thema „Leben im Van“. Auch Tomke und Jakob Prößdorf sind dort vertreten. Zu finden sind die beiden auf Instagram unter dem Namen „feuerquell_on_tour“. Interessierte können sich dort Videos und Fotos von ihren bisherigen Reisen ansehen, Infos über den Van nachlesen und die beiden auch auf ihren zukünftigen Abenteuern verfolgen.

„Bei anderen Paaren, die sich sonst tagsüber nicht so viel sehen, mag das ein größeres Problem sein“, so die 26-Jährige. Beide würden, wenn es mal Diskussionsbedarf gebe, gleich darüber reden und Lösungen finden. „Und wenn es doch mal ganz schlimm wird: Jemand muss ja eh mit Ivy rausgehen“, sagt Tomke Prößdorf. Tatsächlich sei das aber noch nicht vorgekommen.

Die Beziehung habe unter dem drastischen Schritt zum Leben im Van nicht gelitten. Eher im Gegenteil, sind sich beide einig. Dennoch sind sie realistisch: „Van-Life ist sicher nicht für jeden etwas.“

Tomke und Jakob Prößdorf mit ihrer Hündin Ivy.
Tomke und Jakob Prößdorf mit ihrer Hündin Ivy.

Die Frage nach dem Miteinander würde aber auch oft die Fans der beiden bei Instagram interessieren. „Es ist natürlich was anderes als in einer Wohnung, wo es ja fast immer mindestens einen anderen Raum gibt, in den man gehen kann“, so Jakob Prößdorf. „Im Van zu leben, ist ein Ausbruch aus der Komfortzone und ein Schritt, vor dem viele Angst haben“, sagt seine Frau. „Aber uns hat das, auch persönlich, wirklich weitergebracht.“

Irgendwann: Tiny-House

Der Verzicht auf alles, was unnötigerweise Platz wegnimmt, sei zu Anfang eine Umstellung gewesen, vor allem für Jakob Prößdorf. Mittlerweile kommen beide aber gut damit klar. Doch wäre mehr Platz nicht trotzdem nett? „Nur, wenn wir in der Hauptsaison in Ostfriesland sind“, sagen die beiden, die dann vor allem mit Hochzeit- und Eventfotografie ihr Geld verdienen. „Da wäre es schön, wenn man einen festen Platz hat“, sagt Tomke Prößdorf. Aktuell würden sie, auch wenn sie in der Heimat sind, stets im Van übernachten. „Freunde und Familie sagen natürlich immer, dass wir auch bei ihnen übernachten können, aber das wollen wir gar nicht.“ Auf lange Sicht soll dennoch zumindest ein Tiny-House, am liebsten aber auch mobil, her – oder ein kleines Schwedenhaus. „Wir laden gerne auch mal Freunde ein, das geht im Van natürlich nicht so gut“, sagt Tomke Prößdorf.

Vom Transporter zum wohnlichen Camper

Von Stephanie Tomé

Das Leben im Bulli oder Wohnmobil ist ein großes Thema in den sozialen Medien. Unter dem Hashtag „Van-Life“ finden sich mehr als zwölf Millionen Beiträge auf Instagram. Besitzer von selbst umgebauten Vans tauschen sich dort unter anderem über Tipps aus und präsentieren ihre Fahrzeuge samt privater Urlaubsfotos.

Wer selber einen Van zum Camper oder zu einem kleinen Tiny-House auf vier Rädern umbauen möchte, findet dort jede Menge Tipps, Ideen und Inspiration.

Wichtig ist zunächst folgende Frage: Soll das Gefährt nur gelegentlich als Camper genutzt werden oder dient es wie bei Jakob und Tomke Prößdorf als Wohnung? Brauche ich eine Dusche und eine Toilette und möchte ich aufrecht in dem Fahrzeug stehen können?

Antworten auf diese Fragen führen zu möglichen Ausgangsmodellen. Im Fall der beiden Leeraner Van-Liebhaber handelt es sich um ein eher großes Modell: Peugeot Boxer L4H3. Dieses Fahrzeug suchten die beiden unter anderem auch deshalb aus, um das Bett quer einbauen zu können. Das spart Platz. Doch es muss nicht immer ein Transporter sein.

Auch das eigene Auto kann mit wenig Aufwand in eine gemütliche, mobile Unterkunft verwandelt werden. Die Rede ist von einem sogenannten Mikro-Camper, mit dem sich zum Beispiel ein Campingplatz ansteuern lässt. Doch wie funktioniert das?

Bett: Es gibt spezielle Luftmatratzen, die sich bei umgeklappter Rückbank in das Auto legen lassen. Das funktioniert besonders gut bei Kombis, ist aber auch in kleineren Modellen möglich. Das Angebot im Internet ist groß.

Küche: Für das Kochen unterwegs reicht in der Regel ein kleiner Gaskocher, der sicher noch Platz im Kofferraum findet - ebenso wie das nötige Camping-Geschirr.

Badezimmer: Ein richtiges Badezimmer lässt sich natürlich nicht in ein normales Auto integrieren. Aber im Kofferraum findet sich vielleicht noch Platz für eine mobile Trockentrenntoilette, die ohne Wasser und Chemie auskommt. Sie lässt sich an jeden erdenklichen Ort aufstellen.

Weitere Utensilien: Um neugierige Blicke abzuwehren ist es sinnvoll, Vorhänge oder eine andere Art des Sichtschutzes in das Auto zu installieren. Lichterketten, Campingstühle und ein klappbarer Tisch machen das Campingerlebnis perfekt.

Mitmachen!

Sie haben einen alten Gulfhof oder eine traditionelle Stadtvilla modern renoviert? Sie leben in einem Tiny-Haus oder in einem besonderen Wohnprojekt mit mehreren Generationen? Ihr Haus ist architektonisch auffällig oder Sie haben ein Händchen für besondere Einrichtung?

Wir suchen Menschen in Ostfriesland, die uns im Rahmen dieser Serie einen Blick durchs Schlüsselloch gewähren und ihren Wohntraum vorstellen. Interessierte können sich per E-Mail an s.tome@zgo.de oder auch telefonisch unter 0170/3707342 melden.

In der nächsten Folge dieser Serie geht es um einen Gulfhof aus dem Jahr 1880. Er steht in Groothusen und hat eine besondere Geschichte.